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Eigentlich unzertrennbar: Jeker Youssef (l.) will Lawand eine Stütze sein. Die Behörden wollen die beiden separieren – aus formalen Gründen.

Unmenschlicher Plan der Behörden

Flüchtlingsdrama um diese Brüder in Freising

Moosburg - Der Bürgerkrieg trennte sie, nun haben sich zwei junge syrische Brüder in Bayern wiedergefunden. Alles bestens? Nein. Denn die Behörden wollen die beiden zwangstrennen.

Daheim in Syrien hat Jeker Youssef, 25, eine große Familie: drei Brüder, drei Schwestern. Sie sind jesidische Kurden – und fast alle auf der Flucht. Nur zwei Kinder harren noch bei den Eltern aus, in der Nähe von Aleppo. Sie sitzen aber auf gepackten Koffern, die Terrormiliz IS wütet schon im Nachbardorf, heißt es. Jeker Youssef macht sich Sorgen um seine Leute. Und er vermisst sie. Jeden Tag, den er von ihnen getrennt ist.

Jeker Youssef lebt seit 2013 in Deutschland. Er ist aus seinem Land geflüchtet. Er hat die Familie und den Bürgerkrieg hinter sich gelassen – und landete in Oberbayern. Kam in die Sammelunterkunft nach Isareck in der Gemeinde Wang, Kreis Freising. Relativ schnell erhielt er eine Aufenthaltserlaubnis.

Denn Jeker weiß, was er will – und arbeitet zielstrebig darauf hin. Inzwischen ist er nicht mal mehr auf Sozialbezug angewiesen. Er hat einen Hausmeisterjob im Klinikum Freising, kommt selbst für seinen Lebensunterhalt auf. Sogar eine eigene Wohnung hat er, in Moosburg. Nach wenigen Monaten hat er sich integriert und spricht ganz passabel Deutsch. Er ist ein Entwurzelter, der Wurzeln zu schlagen beginnt – hier in Bayern.

Der kleine Bruder sagt: "Ich bin in München"

Aber seine Familie, sie ist in Syrien geblieben. Manchmal spricht Jeker Youssef mit seinem jüngeren Bruder Lawand, seit Monaten halten die beiden über Mobiltelefon Kontakt. Jeker ist Lawands Held, sein Vorbild. Der große Bruder, zu dem er aufblickt. Dem er nacheifert.

Vor einigen Tagen hat Jeker wieder die Nummer seines kleinen Bruders auf dem Display. Er geht ran, aber was er hört, kann er erst gar nicht glauben. Lawand sagt: „Ich bin in München.“ Jeker ist völlig überrascht. Der kleine Bruder – nur eine kurze Fahrt entfernt! Voller Freude macht sich Jeker mit dem Zug auf nach München, um Lawand abzuholen. Wenig später schließen sich die Brüder in die Arme.

Lawand hat eine Odyssee hinter sich. Gerade mal 17 Jahre alt, hat er sich auf eigene Faust aus Syrien Richtung Westen aufgemacht, es in der Türkei auf ein kleines, überfülltes Schleuser-Schiff geschafft. Fünf Tage dauert die strapaziöse Reise über das Mittelmeer, ehe Lawand in Italien ankommt. Von dort gelangt er per Zug nach München. In der Bayernkaserne ist er einer der Flüchtlinge, die im Freien schlafen müssen – ohne Decke. Er hat Deutschland erreicht, angekommen ist er noch nicht.

Für Jeker ist sofort klar: Er will den Bruder bei sich zu Hause aufnehmen. Und ihm Halt geben auf dem steinigen bürokratischen Weg zur Aufenthaltsgenehmigung. Doch Jekers Pläne passen nicht zum deutschen Asyl-Verfahren. Die Anordnung der Regierung von Oberbayern lautet: Der kleine Bruder muss nach Dortmund.

Die Flüchtlinge werden proportional auf die einzelnen Bundesländer verteilt – nach dem „Königsteiner Schlüssel“. Im Grunde Zufall, dass Lawand nach Dortmund soll. Aber genau das will ein Rentner aus Moosburg verhindern.

Es ist Mittwochvormittag, als Jeker und Lawand Youssef Reinhard und Marianne Kastorff in deren Wohnzimmer gegenübersitzen, einem Rentner-Paar aus Moosburg. Jeker Youssef sagt: „Mein Bruder soll nicht wieder weg.“ Jeker ist ein gut aussehender Mann – aber auch einer, den die Erfahrung von Flucht, Vertreibung und Neuanfang älter aussehen lässt, als er ist.

Sein Bruder Lawand neben ihm ist dagegen ein Bub, traumatisiert und desorientiert. Über die Umstände seiner Flucht kann er noch kaum reden. Er schaut jünger aus, als er ist. Außer Kurdisch spricht er nur noch ein paar Worte Arabisch. Schreiben kann er gar nicht. Nicht mal seinen Geburtstag kennt er.

Ehemaliger Beamter aus Moosburg hilft Brüdern

Lawand und Jeker blicken in dieselbe Richtung: zu Reinhard Kastorff. Er ist ihre letzte Hoffnung. Der 66-jährige hat eine Mission: Er will Asylbewerber auffangen und ihnen eine neue Perspektive geben. Sein Credo: „Wir haben die Flüchtlinge nicht geholt. Wenn sie aber nun da sind, machen wir das Beste daraus.“ Seit drei Jahren betreut der Moosburger mit großer Unterstützung seiner Frau Marianne die Sammelunterkunft Isareck, wo auch Jeker 2013 unterkam.

Jeker vertraut Kastorff. Also geht er mit dem kleinen Bruder nach dem Wiedersehen in München sofort zu ihm. Kastorff rät Lawand, pflichtgemäß in die Kaserne zurückzukehren, gibt ihm Schreiben und einen Begleitbrief mit. Darin bittet er, den Buben nach der Erstaufnahme in einer Flüchtlingsunterkunft im Landkreis Freising unterzubringen – in seiner Nähe und der des Bruders.

Als Rentner hat Kastorff Zeit, sich um soziale Belange der Flüchtlinge zu kümmern. Als ehemaliger Beamter hat er Erfahrung mit Behörden. Und mit seinem bajuwarischen Dickschädel geht er seinen Weg. Flüchtlinge, die Kastorff unter seine Fittiche genommen hat, haben Ausbildungsplätze beim Bäcker bekommen und den Sprung auf die Realschule geschafft, ja sogar die Mittlere Reife.

Kastorff gehört zu den Initiatoren, die gegen Sammelunterkünfte in Gewerbegebieten erfolgreich vor Gericht gezogen sind – ein Prozess, der Auswirkungen auf ganz Bayern hatte. Doch dieser Fall ist die bisher größte Herausforderung für Kastorff – und noch nie ist der einstige Staatsdiener so weit gegangen wie bei den Brüdern Youssef.

Zwei Tage nach Lawands Rückkehr in München erhält Kastorff einen Anruf von Jeker. Der 25-Jährige klingt verzweifelt. Sein Bruder habe keinen Ansprechpartner für die Kastorff-Briefe gefunden. Stattdessen hätten Vertreter der Regierung von Oberbayern dem 17-Jährigen einen Bahngutschein für einen ICE in die Hand gedrückt. Er solle auf schnellstem Wege nach Dortmund. Der Bus, der Lawand zum Hauptbahnhof bringen soll, stehe schon bereit.

Kastorff schaltet schnell. Er drängt Jeker, den Bruder sofort zu ihm nach Moosburg zu bringen. Der 66-Jährige ahnt: „Wenn Lawand nach Dortmund kommt, ist er verloren.“ Dort müsste der 17-jährige sein Verfahren zur Anerkennung selbst beantragen. Ein Analphabet, der kaum imstande ist, eine Unterschrift zu leisten.

Kastorff weiß auch: Wenn Lawand erst in Nordrhein-Westfalen ist, ist eine Rückkehr nach Bayern ohne Aufenthaltserlaubnis fast unmöglich. Dass die Bundesländer Flüchtlinge austauschen, ist nicht Usus – auch nicht in sozialen Härtefällen. „Das funktioniert nicht mal innerhalb Bayerns“, sagt Kastorff. Und berichtet von einem Fall, in dem ein Familienvater, der in Freising untergebracht war, nicht zu seinen Angehörigen nach Passau gelassen wurde.

Die Geschichte der Brüder soll anders enden. Deshalb fassen Kastorff und seine Frau einen Entschluss. „Wir geben Lawand Privat-Asyl.“ In ihrer eigenen Wohnung. Hört sich schön an, ist jedoch illegal. Kastorff weiß das. „Das ist mir aber wurscht“, sagt er. Sanktionen fürchtet er nicht: „Was kann einen 66-Jährigen noch erwarten?“ Und dass die Polizei bald vor seiner Tür steht, um den Buben mitzunehmen, glaubt er nicht: „Wäre mir aber recht, dann hab’ ich die nötige öffentliche Aufmerksamkeit.“

Dabei ist Kastorff gar nicht auf Streit aus. „Ich verstehe, dass die Regierung von Oberbayern nicht bei jedem einzelnen Fall von sich aus prüfen kann, ob soziale Belange betroffen sind“, sagt er. „Aber wenn schon ein Fürsprecher die Initiative ergreift und die menschlichen Gesichtspunkte herausarbeitet, dann sollte sich das zumindest jemand mal fünf Minuten anhören. Ein Entscheidungsträger, der sagt: Ja, das ist wirklich ein sozialer Fall – und deshalb vom Schema F abrückt.“

Eigentlich wäre alles so einfach, sagt Kastorff: „Lawand könnte hierbleiben, wenn dafür ein anderer Flüchtling, der für eine bayerische Unterkunft vorgesehen ist, nach Nordrhein-Westfalen geht. Einer, dem es egal sein kann, weil für ihn München genauso fremd ist wie Dortmund.“ Ein kleiner Akt für die Regierung von Oberbayern, ein großes Glück für die Betroffenen.

Seit über einer Woche putzt Kastorff Klinken. Doch E-Mails und Briefe an den Migrationsbeauftragten der Staatsregierung, Martin Neumeyer, bleiben erst mal unbeantwortet. „Entweder meine Schreiben sind in einer großen Ablage oder gleich im Papierkorb gelandet“, vermutet Kastorff. Also greift er zum Telefon. Doch das Gespräch mit einem Sachbearbeiter in der Geschäftsstelle des Integrationsbeauftragten verläuft frustrierend. Der Mann kann ihm keine Hoffnung machen.

Ein politisch bedeutsamer Fürsprecher wird gesucht

Kastorff mobilisiert alle Kräfte. Seit Tagen versucht er, „einen politisch bedeutsamen Fürsprecher“ zu finden, wie er sagt – etwa einen hohen Kirchenvertreter. Denn selbst Politiker, die er um Hilfe bittet, stoßen an Grenzen. Der Freisinger Grünen-Landtagsabgeordnete Christian Magerl verfasst einen offenen Brief ans Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. „Wir haben bisher keine Antwort bekommen“, sagt sein Referent Johannes Becher, der seit vorigem Donnerstag rotiert. „Ich habe es über Stunden immer wieder auf den Durchwahlnummern versucht. Ich habe niemanden ans Telefon bekommen, der die Kompetenz hat, den Weiterleitungsbescheid zu ändern.“ Bei der Bayernkaserne habe gar überhaupt niemand abgenommen. „Die sind offenbar völlig überlastet.“

Erst als die lokale Presse beginnt, den Fall Lawand aufzugreifen, kommt Bewegung in die Sache. Am Dienstag schöpft Kastorff erstmals Hoffnung. Denn völlig unerwartet hat sich der Integrationsbeauftragte Neumeyer nun selbst eingeschaltet. In einem Schreiben hat er sich an die Vizepräsidentin der Regierung, Maria Els, gewandt. Darin bittet er um die Prüfung des Sachverhalts. Lawands Verbleib in Bayern sei „dringend geboten“. Auf Nachfrage unserer Zeitung sagt er: „Wenn in diesem Fall ein Umdenken einsetzt, ist das gut.“ Er denke, dass „lösungsorientiert“ gehandelt werde.

Auch die Regierung von Oberbayern meldet sich auf schriftliche Anfrage unserer Zeitung. „Das ist in der Tat seltsam“, sagt Behördensprecher Florian Schlämmer über den Fall. Und gibt zu: „Ich kann nicht dafür die Hand ins Feuer legen, dass uns nicht ein Fehler unterlaufen ist.“ Einer ist offensichtlich: Auf seiner Meldung als Asylsuchender hat man Lawands Vor- und Nachnamen vertauscht – was Folgen haben kann. Die Mitarbeiter seien eben an die Belastungsgrenze geraten.

Seine Botschaft aber klingt positiv: „Eigentlich können Flüchtlinge bei der Registrierung Wünsche abgeben, wo sie hinmöchten, und ein plausibler Wunsch ist, wenn derjenige dort Verwandtschaft hat.“ Er werde dem Fall nun selbst weiter nachgehen.

Kastorffs Zuspruch ist ihm sicher. „Jetzt bin ich zum ersten Mal optimistisch, dass der Fall gut ausgeht“, sagt der Moosburger. Neben ihm sitzen seine Frau und die beiden Brüder. Jeker, der Angekommene, mit durchgestrecktem Rücken und wachem, optimistischem Blick. Lawand, der Gestrandete, zusammengekauert, mit stumpfem Blick. Und zitternd. „Klar hat er Angst, dass er nicht hierbleiben kann“, sagt Kastorff. Dann wendet er sich an den Jungen und klopft ihm aufmunternd auf die Schultern. „Gell, Lawand, gemeinsam schaffen wir das schon.“

Manuel Eser

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