Sie rückten Künstler der Zwischenkriegszeit ins Rampenlicht: Walter Erpf und Mezzosopranistin Tanja Maria Froidl. Foto: Leh

Eine große Bühne für vergessene jüdische Künstler

Freising - „Sag’ beim Abschied leise Servus“. Wer kennt ihn nicht, den Ohrwurm aus dem Filmklassiker „Burgtheater“ aus dem Jahr 1936. Die jüdischen Wiener Librettisten Siegfried Tisch und Hans Lengsfelder haben ihn verfasst. In der deutschen Unterhaltungsmusik der Zwischenkriegszeit tauchen diese Namen nicht auf. Bei 3klang dafür um so häufiger.

Wie jüdische Künstler während der NS-Zeit verfolgt und wie deren geistiges Eigentum systematisch ausgemerzt wurde, daran erinnerten jetzt die Mezzosopranistin Tanja Maria Froidl und der Musiker Walter Erpf. Am Sonntag eröffneten die beiden Vollblutmusiker die neue Veranstaltungsreihe der Musikschule 3klang „Musik der Welt - Israel“. Mit aufwändig recherchierten Biographien und mit Schellackplatten, mit authentischen Bilddokumenten und einer Fülle von originalem Notenmaterial gestalteten sie einen beeindruckenden musikalischen Vortrag, der vergessene Künstler wie Fritz Löhner-Beda, Rudolf Nelsen, Kurt Gerron, Fritz Grünbaum oder Werner R. Heymann ins Rampenlicht rückte. Vom Publikum der ausgehenden Weimarer Republik wurden sie verehrt, von den Nazis verjagt und später ermordet. Komponisten, Texter und Interpreten, die zu der damaligen Zeit Auftrittsverbot hatten, ließen Froidl und Erpf witzig und spritzig zu „Wort“ kommen. „In der Bar zum Krokodil am schönen blauen Nil“ oder „Ich hab das Fräulein Helen baden seh’n“ sind Melodien, die heute noch gerne gehört werden. Oder der Klassiker „Ausgerechnet Bananen“ etwa, der sich aktuell gar Adaptionen in der Suppenwerbung erfreut.

Wie interessant allerdings auch die Lebensgeschichten und die Schicksale sind, die sich hinter diesen Evergreens verbergen, das beeindruckte die vielen Zuhörer im Sainerhaus gewaltig. Der Textautor Fritz Löhner-Beda etwa, der bereits 1923 satirische Verse über Adolf Hitler verfasst hatte, musste 1938 im Konzentrationslager mit dem gleichfalls verschleppten Komponisten Hermann Leopoldi ein „Buchenwald-Lied“ komponieren. Er wurde im Dezember 1942 in Auschwitz ermordet.

Das „hohe geistreiche Niveau“ der „leichten Muse“ habe sie schon immer beeindruckt, bekräftigte Froidl. Mit der planmäßigen Verfolgung dieser Künstler sei „Kostbares“ vernichtet worden, und der Begriff Schlager letztlich zur „seichten Unterhaltung“ degradiert. Einige seiner zahlreichen Schellackplatten hatte Erpf zu diesem musikalischen Abend bei 3klang mitgebracht. Auch original erhaltene Veranstaltungsplakate machten es möglich, mit den Künstlern in Kontakt zu kommen. Ein bemerkenswerter Abend, den das Publikum mit viel Applaus belohnte. (mam)

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