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Guido Hoyer sprach über die Geburtsstunde des Freistaats.

Geschichtsstunde der Linken

100 Jahre Freistaat: “Hundert Tage Eisner wären mir sympatischer als Söder“

Guido Hoyer, Stadt- und Kreisrat der Linken sowie promovierter Politikwissenschaftler, spricht über die Geburtsstunde des Freistaates am 8. November 1918 – also vor taggenau 100 Jahren.

Freising  Der eigentliche Vater des Freistaats war der Journalist Kurt Eisner, ein gebürtiger Berliner. Eisner war auch der erste Bayerische Ministerpräsident – allerdings nur 100 Tage lang, dann setzte ein fanatischer Rechtsradikaler Eisners Leben mit einem gezielten Schuss ein Ende.

Guido Hoyer wollte mit seinem Referat auch „mit den Lügen aufräumen“, es sei damals eine Räterepublik ausgerufen worden – „auch nicht in Freising oder in den Gemeinden wie in Allershausen“, betonte er. 

Im Freisinger Stadtrat sei zu dieser Zeit (1914) der Schreiner Ferdinand Back gesessen, der sich alsbald den Monarchiegegnern anschloss. Und im Priesterseminar auf dem Domberg fürchtete man sich vor dem „Pöbel“ und Übergriffen. Die gab es jedoch nicht.

Eisners Staatsminister wurde der Sohn einer armen Tabakarbeiterin aus Freising

Kurt Eisners Revolution hatte Erfolg, der König dankte ab, der Freistaat wurde an besagtem 8. November 1918 ausgerufen. Wobei Freistaat nichts anderes bedeutet(e), als dass Bayern von der Monarchie befreit worden sei. In Eisners Kabinett wurde der Schlosser Hans Unterleitner (1890-1971) – Sohn einer armen Tabakarbeiterin aus der Freisinger Heiliggeistgasse – erster Staatsminister für Soziale Fürsorge im jungen Freistaat. 

Unterleitner gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) in München und war mit Kurt Eisner (1867-1919) politisch und persönlich eng verbunden. Die größte Herausforderung der Sozialpolitik war damals die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Deshalb wurden Notstandsarbeiten in der Staatsverwaltung in Angriff genommen und eine Erwerbslosenfürsorge für nicht vermittelbare Personen beschlossen. Ein Schwerpunkt: die Reform von Arbeiterschutz (Acht-Stundentag, Gesundheitsschutz, Arbeitsgerichte) sowie Förderung des Tarif- und Schlichtungswesens.

„Hundert Tage Eisner wären mir deutlich sympathischer, als es die heutige Regierung Söder ist“

Weitere Herausforderungen waren die Rentner- und Wohnungsfürsorge, bei der die Förderung des gemeinnützigen und privaten Wohnungsbaus im Mittelpunkt stand. Eingeführt wurde damals zudem das Frauenwahlrecht (siehe Artikel unten), das nicht unumstritten war: Denn die Gegner unterstellten Frauen, dass sie mehrheitlich den „schwarzen Brüdern“ ihre Stimme geben würden. Entsprechend umworben sahen sich die Frauen von der Kirche.

Hoyers Fazit über Eisners kurze Amtszeit: „Hundert Tage Eisner wären mir deutlich sympathischer, als es die heutige Regierung Söder ist“. 

Die „Revolutionsband“ aus München ließ den Abend ausklingen mit Arbeiterliedern wie „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“, „Der Revoluzzer“ von Erich Mühsam oder „Lied vom Kompromiss“ von Kurt Tucholsky. Von Heinz Mettig

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