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Sie feierten das 70-jährige Bestehen der Kanzlei Huber-Wilhelm: (v. l.) Gerd Karge, Claus Huber-Wilhelm, Clemens Gaißmaier, Lena Peterlik, Cordula Heilmeier, Josef Heilmeier, Kathrin Tafelmaier, Martina Schmid, Werner Schöffmann, Sieglinde Brunner-Mross, Silvia Kreitmaier, Karin Neumair und Rudolf Aigner. 

Jubiläum in Freising

70 Jahre Kanzlei Huber-Wilhelm: „Ein Anwalt muss ein Gewissen haben“

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Sie ist nicht nur die älteste Anwaltskanzlei in Freising, sondern auch eine der größten: die Kanzlei Huber-Wilhelm. Kürzlich feierte sie 70-jähriges Bestehen. Im FT-Interview erzählt Claus Huber-Wilhelm, wie es ist, mit einem Mörder allein in einem Kämmerlein zu sitzen, und wie er selbst einst einen gefiederten Klienten hatte, nachdem sogar der Spiegel gekräht hat.

Freising – Freising war noch vom Krieg gezeichnet, als Ludwig Huber-Wilhelm 1947 seine Anwaltskanzlei gründete. Die ersten Büroräume bezog er im Obsterhaus im Stadtzentrum. Es lief gut, die Firma wurde schnell größer. Vor 40 Jahren stieg sein Sohn Claus Huber-Wilhelm ein. Fortan arbeiteten der Vater, ein großer Anhänger von Franz-Josef Strauß, und der Sohn, ein überzeugter Achtundsechziger, zusammen. Inzwischen ist die Kanzlei die größte in der Stadt Freising. Unter dem Namen Rechtsanwälte Huber-Wilhelm, Heilmeier und Partner ist sie an der Wippenhauser Straße angesiedelt. Dort feierte Claus Huber-Wilhelm das 70-jährige Bestehen der Kanzlei, und alle Partner waren dabei: Josef Heilmeier, Cordula Heilmeier und Clemens Gaißmaier. Und wie lange will der Chef, der 69 Jahre alt ist, noch vor Gericht ziehen? Laut Vertrag muss Claus Huber-Wilhelm mit dem 75. Lebensjahr ausscheiden. Er selbst nennt das „die absolute Deadline“. Denn irgendwann müsse Ruhe sein. Noch aber denkt er nicht ans Aufhören, wie er sagt: „Noch macht es mir einfach Spaß. Ich streite zwar nicht gern Zuhause, dafür umso lieber vor fremden Leuten.“

-Herr Huber-Wilhelm, Ihre Kanzlei hat gerade 70-jähriges Bestehen gefeiert. Haben Anwälte einen krisenfesten Job?

Jein. Was familien- und erbrechtliche Streitigkeiten angeht, gilt das schon. Ganz krisensicher ist der Job aber nicht mehr, weil die Anwaltskammer vor einigen Jahren geschrieben hat, dass junge Anwälte sich vor allem in Erding oder Freising niederlassen sollten, weil es dort den Flughafen als Jobmaschine gibt. Daraufhin haben wir 50 Anwälte dazubekommen. Die nehmen natürlich alle was vom Kuchen. Aber noch jammern wir auf hohem Niveau.

-Gestritten wird immer.

Zum Glück. Das Nachtgebet des Anwalts lautet: Lieber Gott, lass Streitigkeiten unter die Menschen fahren!

-Was muss ein guter Anwalt mitbringen?

Er muss sich inzwischen in eine bestimmte Fachrichtung qualifiziert haben. Darüber hinaus muss er bereit sein, für den Mandanten die Extrameile zu gehen. Auch schauspielerische Qualitäten schaden nicht. Ein Anwalt, der sich vor Gericht nicht gut verkaufen kann, hat Probleme.

-Kann sich ein Anwalt ein Gewissen erlauben?

Ein Anwalt muss ein Gewissen haben. Wir sind Organe der Rechtspflege, und wir werden den Teufel tun und uns gegen unsere Überzeugung zu irgendetwas hinreißen lassen.

-Aber es gibt doch Rechtsvertreter, die für Geld und Erfolg die Moral über Bord werfen.

Leider begegnet man manchmal Anwälten, bei denen das Wort – etwa bei einer mündlichen Vereinbarung – nichts wert ist. Da haben sich die Zeiten leider geändert. Inzwischen ist der Verdrängungskampf so groß, dass auch mit harten Bandagen gekämpft wird.

-Haben Sie schon einen Klienten aus Gewissensgründen abgelehnt?

Ja, und das ist auch das gute Recht eines Anwalts. Grundsätzlich aber gilt, dass sich ein Anwalt nicht mit seinem Mandanten gemein machen muss – etwa wenn der eine Straftat begangen hat. Ich kann ihn ja so verteidigen, dass ich ihm ein bestmögliches faires Verfahren ermögliche, ohne mich auf seine Seite zu stellen oder mich zu seinem Sprachrohr zu machen.

-Was muss passieren, dass Sie von einem Mandanten die Finger lassen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Zeit meines Vaters. Zu ihm ist mal einer gekommen, der hat gesagt: „Huber, ich hab die Sau gestohlen, du musst mich rausholen.“ Da hat der Vater geantwortet: „Weißt was, da gehst jetzt zwei Häuser weiter. Da sitzt der Kollege. Dem sagst nicht, dass du die Sau gestohlen hast, und dann haut er dich raus.“ Das ist auch meine Maxime: sich nicht allzusehr hineinzuversetzen oder nach der Wahrheit zu forschen, um mit etwas Distanz die Einlassung des Mandanten vertreten zu können. Wenn dir einer sagt, dass er jemanden erschlagen hat, kann man nicht mit Überzeugung auf Freispruch plädieren.

-Sie haben schon in Mordfällen verteidigt. Wussten Sie da im Vorfeld, was Sache ist?

Ja. Das waren zwei Fälle, in denen klar war, dass der Angeklagte getötet hat. Da ging es um die Frage: Ist es Mord, fahrlässige Tötung oder ein Tötungsdelikt? Davon hängt ja beim Strafmaß einiges ab.

-Ist es nicht gruselig, wenn am eigenen Schreibtisch ein Mörder sitzt?

Das ist schon aufregend. Aber viel gruseliger ist es, wenn man einen vertritt, der ein Gewaltverbrechen begangen hat und in der Psychiatrie sitzt. Wenn man mit dem in einem Kämmerlein sitzt, und die Sonne verfinstert sich, weil der so riesig ist. Das war schon angsteinflößend. Vor allem, weil der ständig gesagt hat: „Ich musste zustechen.“ Da befürchtet man schon, dass man der nächste ist.

-Von Ihnen gibt es die Anekdote, dass Sie einmal vom Vize-Präsidenten des Landgerichts München bedroht wurden.

(lacht) „Bedroht“ in Anführungsstrichen. Damals gab es drei, vier Angeklagte und drei, vier Anwälte. Das Gericht ging davon aus, dass es eine Ruckzuck-Angelegenheit wird, und hat nur vier Stunden für die Verhandlung angesetzt. Gedauert hat es bis nachts um Neun. Der Fortsetzungstermin dauerte noch mal von 9 Uhr bis 21 Uhr. Es folgten zwei weitere Termine. Das Gericht war völlig durch den Wind, die Staatsanwaltschaft war fertig, die Anwaltschaft war ganz kaputt, und die Angeklagten haben die Welt sowieso nicht mehr verstanden. Das hat dazu geführt, dass der Vize-Präsident meinen Vater angerufen hat: Ob er denn weiß, was für Konfliktverteidigungen ich da führe.

-Ihr Vater sollte Sie an die Kandare nehmen?

Kurz nach dem Anruf hat mich mein Vater zu sich zitiert. Da habe ich ihm meine Sicht der Dinge geschildert.

-Was hat er gesagt?

Recht hast!

-Wie war die Zusammenarbeit mit dem Vater?

Hervorragend. Ich war eigentlich schon fest vergeben an eine Kanzlei in München. Doch dann hatte mein Vater einen schweren Verkehrsunfall, und ich musste aushelfen. Von der Stund an hatten mein Vater und ich kein gestörtes Verhältnis mehr, das wir bis dato aus politischen Gründen sehr wohl hatten. Ich war Achtundsechziger und er Strauß-Fan.

-Erzählen Sie doch mal aus der Zeit, als Ihr Vater kurz nach dem Krieg die Kanzlei gegründet hat. Welche Aufträge gab es?

Viele Entnazifizierungsprozesse, viele Fälle von Mundraub. Die Menschen hatten ja nichts zu essen. Ich kann Ihnen eine Geschichte von meinem Vater erzählen, die ist richtig nett. Er saß in seinem Büro und hat auf Mandanten gewartet. Der erste, der kam, war ein Bauer, den er beraten hat. Der hat ihn gefragt: „Was kriegst jetzt da?“ Der Vater hat gesagt: „Na, gibst mir 80 Pfennig.“ Da hat der Bauer gemeint: „80 Pfennig habe ich schon, aber ich brauch noch 20 Pfennig fürs Heimfahren.“ Der Vater hat also die 60 Pfennig genommen, ist stolz nach Hause gegangen und hat zu meiner Mutter gesagt: „Ich habe meine ersten 60 Pfennig verdient.“ 20 hat er meiner Mutter gegeben, 40 hat er für Briefmarken behalten.

-Das Rechtsverständnis vor 70 Jahren war noch ganz anders, oder?

Ja. Früher war Alkohol bei Autounfällen beispielsweise ein Entschuldigungsgrund. Das ist natürlich längst überholt. Heute ist Alkohol am Steuer ein Erschwernisgrund.

-Ihre Kanzlei ist quasi so alt wie die Bundesrepublik. Gibt es einen spektakulären Fall in der Geschichte Deutschlands, den Sie gerne gehabt hätten?

Eigentlich nicht. Ich habe keine Wunschmandanten. Aber ich habe ein paar Prozesse geführt, die deutschlandweit für Aufsehen gesorgt haben. Ich denke da an den Gockel-Prozess.

-Erzählen Sie!

Da hat ein Zwerg-Gockel in Mintraching sein Zuhause gehabt, und wie ich gelernt habe, sind die besonders lautstark. Ein Paar aus Norddeutschland hat sich beschwert, und nachdem das keinen Erfolg hatten, haben die beiden geklagt – auf Beseitigung dieses Lärms. Das Amtsgericht Freising hat einen Ortsaugenschein gemacht. Ich war der Gockel-Vertreter. Es war also halb fünf Uhr in der Früh, der Gockel kommt aus dem Haus, schaut nach links, schaut nach rechts, dreht sich um und geht wieder rein – ohne einen Laut. Das hat ihm das Leben gerettet. Sogar der Spiegel hat darüber berichtet. Und so wurde ich deutschlandweit bekannt – dank eines Zwerg-Gockels.

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