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Schwelgen in Erinnerungen: Franz Müller (l.) und Josef Piller kamen als Kinder aus dem ungarischen Villány in die Domstadt. 75 Jahre später halten sie die Erinnerung an die Heimat der Donauschwaben hoch.

Flucht mit dem Zug

Als die Donauschwaben vor 75 Jahren nach Freising kamen: Zeitzeugen erinnern sich

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Am 28. November 1944 kamen die ersten Donauschwaben in Freising an. Heuer jährt sich dieser Tag zum 75. Mal. Franz Müller und Josef Piller erinnern sich an ihre Flucht. 

Freising – Manche fuhren mit dem Schiff donauaufwärts, andere nahmen die Eisenbahn nach Westen. Nach acht Tagen, am 28. November 1944, kamen an die 700 Donauschwaben in Freising an. Darunter waren Franz Müller und Josef Piller, damals acht beziehungsweise zehn Jahre alt, mit ihren Müttern und Großmüttern. Ihr Heimatort Villány in Südungarn war als Siedlungsgebiet der sogenannten „Volksdeutschen“ evakuiert worden, kurz bevor die Russen dort einmarschierten, erinnert sich Franz Müller. In der Domstadt begann für Hunderte von Menschen ein neues Leben. An diesem Donnerstag jährt sich der Ankunftstag zum 75 Mal.

„Wir haben ja Deutsch gesprochen“

Dass sie nicht mit gänzlich geöffneten Armen empfangen worden seien, wissen die beiden Männer noch gut. Vor allem aufgrund der bäuerlichen Tracht – Frauen trugen lange Röcke mit mehreren Unterröcken – seien sie mitunter als „Zigeuner“ bezeichnet worden. Trotz der anfänglichen Vorbehalte seien die Neuankömmlinge schnell aufgenommen worden. „Die Erwachsenen hatten es schwerer als wir Kinder“, erinnert sich der heute 85-jährige Piller. „Aber unser großer Vorteil war, dass wir ja Deutsch gesprochen haben.“ Die Integration habe sehr gut geklappt – vor allem über das soziale Engagement. Piller ging zu den Pfadfindern und zum Alpenverein, Müller ging zur Marianischen Kongregation und trainierte Leichtathletik.

An der Hohenbachernerstraße: In einem Weihenstephan-Gebäude waren drei Generationen, darunter Josef Piller (vorne, 4. v. r.), zeitweise untergebracht.

Doch bevor sich die Mütter der beiden – die Väter waren im Krieg umgekommen – in Freising eine neue Existenz aufbauen konnten, kamen die Flüchtlinge in zu Sammellagern umfunktionierte Schulen in Freising und dem Umland: Piller nach Vötting, Müller nach Neustift. „Die Betten waren zweistöckig, die Verpflegung war sehr gut. Nur die Wanzen hätte es nicht gebraucht“, erzählt er und schmunzelt. „Es war ein Massenquartier, die hygienischen Bedingungen waren schwierig“, sagt Piller. „Aber wir waren genügsam – es herrschte ja Not.“ Nicht nur im Flüchtlingslager, sondern in der ganzen Stadt. In der Zeit nach dem Krieg wurden die Ungarndeutschen in Privathäusern untergebracht, bevor sie eigenen Baugrund fanden und sich etwas aufbauen konnten.

Die Nachkommen mitgerechnet, leben heute noch etwa 100 Donauschwaben in Freising, schätzen die beiden. „Man kennt sich, eine gewisse Gemeinschaft ist da.“ Nachwuchs komme nicht nach. „Aber den brauchen wir nicht. Wir sind gut integriert“, betont Piller und sagt nicht ohne Stolz: „Ich bin ja ein Vöttinger.“

Kontakte in die alte Heimat

Kontakte in die alte Heimat, die rund 950 Kilometer entfernt liegt, pflegen die Männer, die beide auch etwas Ungarisch sprechen, aber nach wie vor. „Und die österreichisch-ungarische Küche haben wir uns erhalten“, sagt Piller. Palatschinken etwa oder Krautwickel, „Sarma“ genannt. „Natürlich mit viel Paprika.“

Donauschwabenball 1956: Auf dem Münchner Nockherberg holte die Freisinger Tanzgruppe mit Franz Müller (hinten 3. v. l.) den ersten Platz.

Wenn „Feri“ und „Jozsi“, so lauten die ungarischen Spitznamen von Franz Müller und Josef Piller, heute miteinander sprechen, sich an traditionelle Lieder und Gedichte erinnern oder in Pillers Album mit den Schwarz-Weiß-Fotografien blättern, denken sie gerne an ihre Kindheit in der alten Heimat zurück. Doch die Domstadt, in der sie seit gut 75 Jahren leben, ist zur neuen Heimat geworden. „Als wir auf dem Weg hierher waren, hat es geheißen, wir sollten nach Dresden“, erinnert sich Josef Piller. Dann habe der Rote-Kreuz-Zug aber in Freising gehalten. „Dafür bin ich dankbar.“

Feierlichkeiten

Um die Erinnerung hochzuhalten und sich mit den Donauschwaben auszutauschen, die heute noch in der Region leben, findet am Samstag, 30. November, um 16.30 Uhr ein Dankgottesdienst in der Freisinger Heiliggeistkirchestatt. Im Anschluss sind alle zum gemütlichen Beisammensein ins Weißbräu Huber eingeladen.

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