+
Lieferengpässe erschweren derzeit eine rasche Versorgung mit oft lebenswichtigen Medikamenten. Auch bayerische Apotheken sind betroffen.

Patienten am Verzweifeln

Lebenswichtige Medikamente ausverkauft - Apothekerin schlägt Alarm: „Jeden Tag fünf schwere Fälle“

  • schließen

Immer öfter sind für Patienten lebensnotwendige Medikamente in bayerischen Apotheken ausverkauft - auch in Freising. Schuld ist die Herstellung in Billiglohnländern.

  • In bayerischen Apotheken fehlen immer öfter lebenswichtige Medikamente.
  • Schwerkranke Patienten können ihre Rezepte nicht einlösen.
  • Eine Apothekensprecherin schlägt nun Alarm.

Landkreis – Joachim Eggert (47) aus Au geht es so wie vielen Patienten in diesen Tagen: „Ich kann einfach nicht glauben, dass bei uns in Bayern lebenswichtige Medikamente ausverkauft sind.“ Doch genau das ist der Fall, wie Apothekensprecherin Ingrid Kaiser bestätigt: „Ich habe jeden Tag mindestens fünf schwere Fälle“ – Kunden, bei denen sie Rezepte für sehr wichtige Medikamente nicht einlösen kann. „Es ist der Wahnsinn“, schimpft Kaiser: „Ich habe so etwas in meinen 26 Jahren als Apothekerin noch nicht erlebt. Und es werde immer schlimmer: „Das schaukelt sich hoch.“

Lebenswichtige Medikamente in Freising ausverkauft - Patienten von Krankenkasse allein gelassen

Joachim Eggert ist Blutdruckpatient. Seit zehn Jahren nimmt er ein Kombi-Präparat – ein Generikum, also einen wirkstoffgleichen Ableger des (teuren) Originalmedikaments, für das die Krankenkasse einen Rabattvertrag mit dem Hersteller abgeschlossen hat – und das Medikament daher auch bezahlt. Jetzt aber war es nicht mehr aufzutreiben. Nicht in Eggerts Stamm-Apotheke, nicht im Landkreis Freising, nirgends. Zu haben war nur noch das um 66 Euro teurere Originalpräparat, das Eggert schließlich zähneknirschend kaufte. Von seiner Krankenkasse, der AOK, die er um Hilfe gebeten hatte, fühlt er sich allein gelassen. „Ich dachte, die würden das unbürokratisch übernehmen.“ Das ist nicht der Fall: „Krankenkassen dürfen die Kosten für Medikamente nur bis zum sogenannten Festbetrag übernehmen“, teilte die AOK Freising mit. Ausnahmen aufgrund von Lieferengpässen „sieht der Gesetzgeber nicht vor“.

Apothekerin Ingrid Kaiser: „Das schaukelt sich hoch.“

Dabei hat Patient Eggert noch Glück im Unglück: Immerhin war der Wirkstoff noch verfügbar und der 47-Jährige bekam sein Präparat gegen einen saftigen Aufpreis. Oft aber seien „ganze Wirkstoffgruppen nicht lieferbar“, berichtet Apothekensprecherin Kaiser. Das betreffe Anti-Epileptika ebenso wie Anti-Depressiva wie Venlafaxin, das auch bei Angststörungen verordnet wird. „Da kommen Patienten aus einer psychiatrischen Klinik, wo sie bestens auf Venlafaxin eingestellt wurden“, berichtet Ingrid Kaiser, „und dann gibt es draußen das Medikament nicht. Eine Katastrophe“.

Video: Medikamente werden immer knapper

Lebenswichtige Medikamente ausverkauft - Gründe für Engpässe

Was sind die Gründe für die Engpässe? Für Kaiser liegt der Fall klar auf der Hand. Aus Kostengründen hätten Pharmaunternehmen die Wirkstoffproduktion – etwa von Antibiotika – in Billiglohnländer wie Indien und China ausgelagert, wo sie oft nur von einem einzigen Hersteller abhängig seien. Stehe dort die Produktion in den riesigen Betrieben still oder werde eine Charge aus Qualitätsgründen nicht ausgeliefert, seien Fertigarzneimittel oft global nicht mehr lieferbar. Laufe dann die Produktion an, würden meist die Länder zuerst beliefert, die höhere Preise zahlen, weiß Kaiser. Ein Beispiel: Der Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs. Als der nach einem Engpass wieder lieferbar war, „wurden zunächst asiatische Länder bedient, die bis zu dreimal mehr dafür bezahlen wie deutsche Krankenversicherungen“, schimpft Kaiser. Die Rabattverträge verschärften den Lieferengpass also noch. Dazu komme, dass Arzneimittelhersteller kaum noch Vorräte anlegten, um Geld zu sparen. Viele produzierten nur noch nach Bedarf.

Patienten verzweifelt - Mehrarbeit für Apotheker 

Für kranke Menschen fühle sich die Lage derzeit geradezu „beängstigend“ an, berichtet die Inhaberin der Engel-Apotheke in Lerchenfeld. „Die sind verzweifelt, wenn sie ihr Medikament nicht bekommen.“ Für die Apotheker vor Ort bedeutet das eine enorme Mehrarbeit: eine aufwändige Recherche, wo das Präparat vielleicht noch aufzutreiben ist. Oder Telefonate mit Ärzten, ob alternative Rezepte ausgestellt werden können. „Das macht inzwischen zusätzlich 20 Prozent unserer Arbeit aus“, sagt Ingrid Kaiser und nennt ein Alltags-Beispiel: Ein Blutdruck-Präparat bestehe oft aus zwei Wirkstoffen. Sei das Kombi-Mittel nicht verfügbar, suche sie nach zwei Einzelpräparaten und spreche das dann mit den Ärzten ab.

Lebenswichtige Medikamente in Apotheken ausverkauft: Situation hat sich verschärft

Engpässe herrschten inzwischen quer durch alle pharmazeutischen Bereiche: „In meiner Apotheke gibt es derzeit 126 nicht lieferbare Medikamente“, berichtet Kaiser. Im aktuellen „Faktenblatt“ der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) heißt es: „Schmerzmittel (z.B. Ibuprofen), Blutdrucksenker (z.B. Valsartan), Säureblocker (z.B. Pantopraztol) und Antidepressiva (z.B. Opipramol) machten 2018 die Top 10 der Lieferengpässe aus“. Seitdem, sagt Ingrid Kaiser, habe sich die Situation „dramatisch verschärft.“ Das sei im Einzelfall lebensgefährlich: Nehme man ein Blutdruck-Medikament plötzlich nicht mehr ein, bleibe der Blutdruck meist noch einige Tage stabil. „Dann aber kann er nach oben schießen“.

Apothekerin aus Freising: „Engpässe sind Alltag geworden“

Ingrid Kaiser: „Engpässe sind Alltag geworden. Wir Apotheker haben schon Angst, wenn ein Kunde mit einem Rezept kommt. Und ich habe die Befürchtung, dass es noch schlimmer wird“. Bis jetzt habe man in ihrer Apotheke zwar immer noch eine Lösung gefunden. Sie rät aber allen Patienten, nicht bis zur letzten Pille zu warten, sondern sich frühzeitig um Nachschub zu kümmern. Es ist einiges, was sich ihrer Ansicht nach ändern müsste (siehe Übersicht unten).

Lesen Sie auch: Nicht nur Lieferengpässe bei Medikamenten, sondern auch Apothekensterben ist für Patienten ein Problem. Betroffene erklären, warum die Apotheken in München schwinden. Ein Apotheker aus Dachau sollte außerdem ein Bußgeld zahlen - weil seine Apotheke geöffnet, er aber nicht anwesend war.

Immer mehr Medikamente in Deutschland fehlen - Die Hintergründe

Inzwischen fehlen in Deutschland nach Angaben des Norddeutschen Rundfunks sogar Medikamente in der Krebstherapie, bei Impfstoffen, Antibiotika und Narkosemittel. Ärzte und Apotheker fordern deshalb bundesweit neue Gesetze. Sie sollen Pharmaunternehmen bei wichtigen Medikamenten zur Vorratshaltung verpflichten und bei ausbleibender Lieferung harte Strafen vorsehen. Die Bundesvereinigung der Deutschen Apothekerverbände (ABDA) fordern: . Mehr Transparenz: Lieferengpässe müsen von den Herstellern schneller bekannt gegeben werden. Sämtliche Akteure müssen in ein zentrales Informationssystem eingebunden werden. . Mehr Auswahl: Krankenkassen müssen Rabattverträge mit mehreren Herstellern abschließen. In der Apotheke muss der Austausch eines verfügbaren Medikaments leichter möglich sein. . Weniger Exporte: Exporte versorgungsrelevanter Fertigarzneimittel, bei denen Knappheit herrscht oder zumindest droht, sollten gesetzlich untersagt werden. . Mehr Standorte: Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, damit die Wirkstoffproduktion wieder stärker in Europa stattfindet und entsprechende Qualitätsstandards eingehalten werden. (Quelle: Faktenblatt ABDA, Oktober 2019) 

Auch im Landkreis Bad Tölz gehen Medikamente aus. Ein Tölzer Arzt spricht von einer „Katastrophe“ für seine Patienten.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Unfall auf der A9: Großeinsatz mit Hubschrauber - Fahrer kommt ums Leben
Großeinsatz auf der A9: Zwischen Allershausen und Neufahrn in Richtung München gab es einen Unfall, der Rettungshubschrauber war im Einsatz. 
Unfall auf der A9: Großeinsatz mit Hubschrauber - Fahrer kommt ums Leben
Nach 57 Jahren: Günzenhausener Schloss-Nikolaus geht in Rente
Kaum zu glauben, aber wahr und vom Günzenhauser Nikolaus Willi Bauer schwarz auf weiß bestätigt: Sein Erscheinen heuer im Lichterglanz von Schloss Ottenburg war der …
Nach 57 Jahren: Günzenhausener Schloss-Nikolaus geht in Rente
Tauziehen um Mittagsbetreuung beendet: Kranzberger Rat trifft Entscheidung
Das jahrelange Tauziehen um die Mittagsbetreuung an der Grundschule in Kranzberg ist beendet. Der Gemeinderat hat eine Entscheidung getroffen.
Tauziehen um Mittagsbetreuung beendet: Kranzberger Rat trifft Entscheidung
Aus dem Bürgermeister wird der berühmte Bischof
Und wo ist Rathauschef Jakob Hartl? Diese Frage konnte auf dem Nandlstädter Christkindlmarkt nicht jeder beantworten. Man musste schon genau hinschauen.
Aus dem Bürgermeister wird der berühmte Bischof

Kommentare