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Barrierefreiheit: Freisinger Restaurantbesuche (immer noch) mit vielen Hindernissen

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Von: Helmut Hobmaier

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Rollstuhlfahrer
Endstation Treppe: In Freising und Moosburg sind gerade die Gaststätten im Altstadtbereich für Gehbehinderte oder Menschen, die im Rollstuhl sitzen, ohne fremde Hilfe meist unerreichbar. © dpa

Gerade Lokale in der Altstadt von Freising oder Moosburg sind für Gehbehinderte oft kaum erreichbar. Eine Bestandsaufnahme.

Landkreis Freising – Barrierefreiheit ist ein hehres Ziel. Ob auf Bahnsteigen, in Behörden – oder auch in Gaststätten und Hotels. Dazu gibt es eine groß angelegte Kampagne der Bayerischen Staatsregierung – „Bayern barrierefrei“. Und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sagt sogar: „Barrierefreiheit ist ein christlicher, ein ethischer Anspruch für unser Land.“ Die Realität schaut allerdings häufig ganz anders aus.

Tagblatt-Leser Manfred Estler hat einmal Freisings Gastronomie unter die Lupe genommen und nachgeschaut, „wie es um die Barrierefreiheit in den Freisinger Lokalen bestellt ist“. Seine „bittere Erkenntnis“: „Wer gehbehindert, auf einen Rollator oder gar einen Rollstuhl angewiesen ist – und diese Gruppe ist größer, als manch einer glauben mag –, hat beim Restaurantbesuch in Freising in vielen Fällen schlechte Karten.“

„Stille Örtchen“ sind oft im Untergeschoß

Estler: „Das fängt schon vielfach am Eingang an, der bei vielen Lokalen nur über mehrere Stufen zu erreichen ist. Teilweise sind auch innerhalb der Gasträume Stufen zu überwinden. Ganz schlimm wird es aber, wenn man mal das ,stille Örtchen‘ besuchen muss. Teilweise mehr als zehn Stufen muss man in manchen Lokalen auf dem Weg ins Untergeschoß überwinden.“ Ebenerdige Behinderten-Toiletten seien „absolute Mangelware, ebenso wie bedarfsweise benutzbare Treppenlifte“. In einer ganzen Reihe von Lokalen im engeren Freisinger Stadtbereich seien „alle aufgezeigten Mängel zu beobachten“. Dabei, so Estler, sei Barrierefreiheit sogar im Gaststättengesetz festgeschrieben.

Das stimmt zwar, allerdings bezieht sich dieser Passus primär auf Neubauten – auf Bestandsbauten nur dann, wenn „wesentliche Umbaumaßnahmen“, insbesondere ein Toilettenneubau oder eine allgemeine Gaststättensanierung, vorgenommen wird.

Schnelle Lösungen im Bestand oft unmöglich

Elisabeth Hofmeier, Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands, bestätigt: Bei bereits vorhandenen Gaststätten sei die Barrierefreiheit keineswegs vorgeschrieben, sondern freiwillig – „das kann jeder Betrieb für sich selbst entscheiden“. Man könne sich aber als barrierefreier Betrieb zertifizieren lassen und dann damit auch werben. Ihr Landgasthof und Hotel in Hetzenhausen etwa verfüge am Eingang über eine Rampe und über einen Lift, mit dem man eine behindertengerechte Toilette erreichen könne. „Bei vielen Gaststätten ist die Barrierefreiheit aber aufgrund der baulichen Voraussetzungen gar nicht realisierbar“, erklärt Hofmeier.

Das führt auch Christl Steinhart, Sprecherin der Stadt Freising, ins Feld. Den Freisinger Gastronomen sei ihrer Erfahrung nach „ausdrücklich an Barrierearmut oder Barrierefreiheit gelegen“, wie sie auch Familien, etwa mit Kinderwagen, entgegenkomme. „Schnelle Lösungen“ außerhalb genereller Um- oder gar Neubauten seien dabei aber „im Bestand leider kaum realisierbar“.

Historische Altstadt ein schwieriges Pflaster

Generell sei Barrierefreiheit auch für die Stadt Freising ein wichtiges Thema, die dabei auch unterstützt werde – „durch das Knowhow, die Expertisen und die Initiativen der Kräfte aus der Agenda21-Arbeit“, wie Steinhart betont. Die Touristinformation der Stadt habe zur individuellen Beratung, insbesondere von Besuchern mit Handicap, eigens eine Abfrage bei den Gastronomiebetrieben durchgeführt, inwieweit deren Räumlichkeiten behindertengerecht zugänglich sind.

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Gerade Unternehmen, deren Gebäude in der historischen Altstadt liegen, seien aber oftmals nur über Treppen zu erreichen – „ihre Innengastronomie sowie die sanitären Anlagen sind damit für stark Gehbehinderte oder auf den Rollstuhl Angewiesene leider ungeeignet“, wie Steinhart einräumt. Die zugehörige Außengastronomie hingegen könne vielfach – auch in Verbindung mit den öffentlichen, behindertengerechten Sanitäranlagen – in der warmen Jahreszeit selbstverständlich auch von Menschen mit starken Gehbehinderungen genutzt werden. Die Touristinfo informiere hier auf Anfrage „kompetent und zielgerichtet“. Eigene Broschüren oder Faltblätter zum Thema lägen allerdings nicht auf.

Genau das aber fordert Manfred Estler. Da sich die Defizite im Altstadtbereich kaum rasch beheben ließen, sollte man zum einen bei Neubauten oder Sanierungen das Thema Barrierefreiheit „ganz oben“ ansiedeln – und zum anderen alle barrierefreien Restaurants in Freising auflisten, etwa in Form eines Flyers, der auch im Internet veröffentlicht wird.

Top-Vorarbeit der Moosburger Senioren

Der Seniorenbeirat der Stadt Moosburg hat das bereits in vorbildlicher Weise getan. Auf seiner Homepage finden sich alle Lokalitäten, die ganz oder teilweise barrierefrei sind. Die Kriterien dafür lauten wie folgt:

Noch ist das nicht zufriedenstellend

Die Auswertung solle den Menschen dabei helfen, keine Kraft und Zeit mit Fehlversuchen zu verschwenden, so der Seniorenbeirat. Auch in Moosburg erfüllten „nur wenige Betriebe die Erfordernisse der echten Barrierefreiheit“. An den Pranger stellen aber möchte der Beirat die Gastronomen nicht: Die schöne Moosburger Altstadt sei halt erbaut worden, als Barrierefreiheit und Integration noch Fremdwörter waren.

Zufriedenstellend ist das für Manfred Estler nicht: Momentan bleibe für die Betroffenen „leider nur die unerfreuliche Realität, dass sie beim Restaurantbesuch in einer ganzen Reihe von Fällen zwingend auf Hilfe angewiesen sind, oder – was noch schlimmer ist – ausgegrenzt werden“.

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