Bomben auf Freising anno 1945: Zeitzeugin Christa Metzker erinnert sich

Die Mutter erlag ihren Verletzungen

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Zwei Jahre und zwei Monate alt war Christa Metzker, als die Bomben auf Freising fielen. Und auch wenn sie, wie sie heute sagt, davon kein Trauma davontrug, wenn für sie persönlich jener 18. April 1945 „keine Tragödie“ ist, so ist sie doch eine Augenzeugin, in deren Gedächtnis sich einige „Erinnerungsfetzen“ eingegraben haben.

Freising - Freilich: Als sie den Film von Ernst Keller zum ersten Mal sah, habe sie das schon belastet, berichtet Metzker, die seit 63 Jahren in Oberschleißheim wohnt. 2016 habe sie den Film rein zufällig gesehen , sei damals „schockiert“ gewesen, weil sie Dinge erfahren habe, die sie bis dahin nicht wusste. „Über fünf Ecken“, so sagt sie, habe sie dann Ernst Keller kennengelernt, sich oft mit ihm getroffen und ihm vor allem ihre schriftlich aufgezeichneten Erinnerungen ausgehändigt.

Als Kind von zwei Jahren erlebte Christa Metzker den Bombenangriff, bei dem ihre Mutter tödliche Verletzungen erlitt. leh

Dennvor rund 20 Jahren hat Metzker eine Chronik ihrer Familie verfasst und darin auch das aufgeschrieben, was sie von jenem Tag noch weiß und was ihr danach erzählt worden ist. Und das liest sich so: „Meine stärkste Erinnerung habe ich an jenen schicksalhaften Tag im April 1945, als Freising kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs von den Amerikanern bombardiert wurde. Einige Erinnerungsfetzen haben mich mir so klar eingeprägt, als wäre alles erst gestern geschehen. (...) Meine Großmutter war mit dem Fahrrad unterwegs. Ich war sonst immer dabei, aber an diesem Tag hatte meine Mutter ihren freien Tag. Bei einem Luftangriff waren wir immer in unserem Keller, aber an diesem Tag kam alles anders. Im Nachbarhaus wohnte die Freundin meiner Mutter, Magda Huber, mit ihrem neunjährigen Sohn Heribert. Ihr Mann war an der Front und sie hatte Angst, als die Sirenen aufheulten. Da sie wusste, dass meine Mutter mit mir auch alleine zu Hause war, bat sie diese, mit mir in ihr Haus zu kommen. Ich kann mich erinnern, dass mich beim Sirenengeheul meine Mutter packte, ich hatte gerade im Sand gespielt und noch die Sandschaufel in der Hand. Sie rannte mit mir über das Kopfsteinpflaster, als uns eine gewaltige Druckwelleniederriss. In der Nachbarschaft war die erste Bombe eingeschlagen. Mama rappelte sich mit mir auf dem Arm wieder auf und rannte ins Haus ihrer Freundin. Dieses Haus war nicht unterkellert und ich erinnere mich noch ganz genau, wie wir unter dem Küchentisch hockten. Meine Mutter saß ganz rechts neben mir. Ich sehe noch ihr Kleid: Es hatte ein zartes Blumenmuster. Auch ihr Geruch hat sich an jenem Tag für immer eingeprägt. Noch Jahre danach, wenn ich diesen Duft roch, verband ich ihn mit meiner Mutter. Ich weiß heute, dass es der Duft von Kölnisch Wasser war. Links von mir saß Magda Huber, hinter mir kauerte Heribert. Ich sehe noch wie heute den Küchenschrank und das dunkle Radio, das ich von unserem Unterschlupf aus sah.Und ich höre den entsetzlichen Krach, bevor es um mich dunkel wurde.

Meine nächste Erinnerung ist einige Stunden nach dem Bombeneinschlag. Ich saß auf einem Stuhl mit geflochtenem Sitz. Die Sandschaufel hatte ich immer noch krampfhaft in der rechten Hand. Eine Menge Männer gruben fieberhaft im Schutt, meine Großmutter schrie und weinte. Vor mir sah ich den Kopf meiner Mutter aus den Trümmern ragen. Sie wimmerte vor Schmerzen. (...) Ich hatte nur eine kleine blutende Wunde auf der linken Stirn und einen Schock. Tante Huber war unverletzt, ihr Sohn Heribert war tot.“ Am 24. April 1945 erlag die Mutter von Christa Metzker ihren Verletzungen.

Wären beide zum Zeitpunkt des Bombenangriffs im Keller ihres eigenen Hauses gewesen, hätten beide überlebt. zz

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