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Winke, winke: Schön war es, aber auch wechselhaft. Nicht nur was das Wetter anbelangte. Die Besuchergruppe aus dem Wahlkreis von Erich Irlstorfer (r.) gewann bei ihrer Berlin-Reise unterschiedlichste Eindrücke. Im Gedächtnis bleiben dürfte neben einer Stippvisite im Bundestag auch der Vormittag im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen.

Bürger aus dem Wahlkreis besuchen MdB Erich Irlstorfer

Berlin-Tour im Wechselbad der Gefühle

An einem Tag in der hellen, lichtdurchfluteten Glaskuppel hoch über den Dächern von Berlin, am anderen Tag in unterirdischen, stockdunklen Zellen einer Stasi-Haftanstalt. Eine Besuchergruppe aus dem Wahlkreis von Erich Irlstorfer erlebte in der vergangenen Woche auf Einladung des CSU-Bundestagsabgeordneten bei einer Informationsfahrt in die Bundeshauptstadt ein heftiges Kontrastprogramm.

Freising/Berlin – Dass bei der Hinfahrt die Kaffeemaschine im Bus nicht funktionierte, das steckten die knapp 50 Berlin-Reisenden am Dienstag vergangener Woche locker weg. Es gibt wahrlich Schlimmeres, zumal Reisebetreuerin Susanne Nerb vom Wahlkreisbüro Erich Irlstorfers tags darauf verkünden konnte, dass man die Maschine repariert habe.

Rede und Antwort gestanden: Im Paul-Löbe-Haus nahm sich der CSU-Bundestagsabgeordnete Erich Irlstorfer Zeit für Fragen der Reisegruppe aus seinem Wahlkreis

Andere Eindrücke und Erlebnisse, die der Reisegruppe auf ihrer viertägigen Informationsfahrt nach Berlin begegneten, dürften und sollten sicherlich nicht so einfach wegzustecken sein. Am Dienstag, der fast ganz der Busfahrt und dem Einchecken ins Hotel Novum Style in der Nähe des Ernst-Reuter-Platzes gehörte, begrüßte MdB Irlstorfer beim Abendessen die Gäste einzeln und per Handschlag. Eine Ansprache, so sagte er später, habe er deshalb nicht gehalten, weil die Gäste wohl allesamt müde von der Reise gewesen seien.

Am Mittwoch war die Müdigkeit vorbei. Auf dem vollgepackten Programm des ersten Tages stand der Besuch des Deutschlandradios in dem Gebäude des früheren RIAS. Der öffentlich-rechtliche Radiosender, den Persönlichkeiten wie Hans Rosenthal oder auch Horst Jankowski prägten, der zu DDR-Zeiten dem Ost-Regime ein Dorn im Auge war und mit Störsendern abgewehrt wurde („Wer RIAS hört, den Frieden stört“, so die Parole damals), ist heute ein Unternehmen mit über zwei Millionen Hörern.

Von den 48 Cent, die von den GEZ-Gebühren der Bürger an das Deutschlandradio gehen, werden beispielsweise zirka 45 Hörspiele pro Jahr produziert und hat man 2006 einen Neubau errichtet – mit Schallschutzraum, akustischer Schnecke und allen möglichen modernen Einrichtungen und technischen Raffinessen, die man heute, über 70 Jahre nach Gründung des RIAS, so kennt.

Kultstatus: Beim Besuch des Senders „Deutschlandradio“ stieß man auf RIAS-Größe Hans Rosenthal.

Beim Mittagessen stieß dann Irlstorfer wieder zu „seiner“ Besuchergruppe dazu, berichtete davon, dass er gleich zum Deutschen Turnfest müsse (freilich nicht als Aktiver, wie er selbstironisch anmerkte), dass er dann für einen Abend und eine Nacht nach Freising fliege, am nächsten Tag zum Mittagessen in der Bayerischen Vertretung aber wieder da sei.

Bis dahin erlebte die Besuchergruppe ein Wechselbad der Gefühle und Eindrücke: Am Mittwochnachmittag wurde man in den und durch den Reichstag geführt, erfuhr im 1200 Quadratmeter großen Plenarsaal, wer wo sitzt und wie das so abläuft im Plenum während der 22 oder 23 Sitzungswochen im Jahr. Und man erfuhr, dass ein Abgeordneter 9200 Euro bekommt, dazu 4000 Euro Pauschale für Flüge und Unterkunft in Berlin, außerdem 20 000 Euro, um Mitarbeiter anzustellen.

Weitere Zahlen: Die sogenannte „fette Henne“, also der Alu-Bundesadler im Sitzungssaal, wiegt 2,5 Tonnen und die berühmte Glaskuppel, die die Besuchergruppe dann begehen konnte, weist eine Fläche von 3500 Quadratmeter auf.

Danach der nächste Programmpunkt: Informationsgespräch im Bundesverkehrsministerium, anschließend Abendessen im Neumanns.

War der Mittwoch also der Zeit nach der Wiedervereinigung gewidmet, so stand der Donnerstagsvormittag im Zeichen der Jahre vor 1989: Die Gruppe besuchte die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, wo die Stasi ihre zentrale Untersuchungshaftanstalt eingerichtet hatte. Den damals geheimen Ort, die „Zentrale des Terrors“, erlebten die Besucher nicht nur durch einen Film, sondern durch Führungen von Menschen, die den Stasi-Terror am eigenen Leib verspürt haben.

Ein Ort des Schreckens: Michael Brack (r.), Zeitzeuge und ehemaliger Häftling, schilderte die Zustände im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen.

Karl-Heinz Richter zum Beispiel, der, weil er 17 seiner Freunde die Flucht in den Westen ermöglicht hatte, kurz nach seinem eigenen, gescheiterten Fluchtversuch mit gebrochenen Beinen nach Hohenschönhausen verbracht wurde und dort drei Jahre verbrachte. Drei Jahre beispielsweise im sogenannten „U-Boot“, dem feuchten Trakt mit den unterirdischen Zellen, in denen nur eine Holzpritsche und ein Eimer standen, in denen katastrophale Zustände herrschten. Richter berichtete davon, wie geprügelt und gefoltert wurde, wie ganz besonders er, dessen Lebensgeschichte in Büchern festgehalten und verbreitet wurde, von dem „Drecksack“ Erich Mielke, dem Minister für Staatssicherheit der DDR, gequält wurde, wie ihm, dem in Hohenschönhausen jegliche medizinische Versorgung verweigert wurde, nach seiner Haft Knochen nochmals gebrochen werden mussten, wie er danach noch 18 Operationen erdulden musste, wie er vor den Häschern der Stasi bis nach West-Afrika und Arabien floh, dass seine Frau nach Jahrzehnten der Verfolgung durch die Stasi mit Depressionen in der geschlossenen Psychiatrie sitzt. Und Richter wusste davon zu erzählen, dass Gefangene stundenlang auf einem Stuhl sitzen mussten und ohne ihr Wissen dabei mit Röntgenstrahlen beschossen wurden, viele davon einige Jahre später an Krebs verstarben.

Für Irlstorfer, der sich anschließend erst in der Bayerischen Landesvertretung für die Pressevertreter, gleich danach im Paul-Löbe-Haus für seine Besuchergruppe Zeit nahm, war dieser Programmpunkt im ehemaligen Stasi-Gefängnis von zentraler Wichtigkeit. Denn: Tendenzen zur „Ostalgie“ nach dem Motto, es sei ja doch zu DDR-Zeiten nicht ganz so schlimm gewesen, finde er „wenn schon nicht befremdlich, so zumindest gefährlich“. Es dürfe keinesfalls passieren, dass ein Terrorregime wie das der DDR verniedlicht werde und als „Streichelzoo“ diene, sprach Irlstorfer Klartext.

Vor allem wenn Schulklassen nach Berlin kämen, um ihn zu besuchen, stehe Hohenschönhausen immer auf der Tagesordnung. Ob das denn wirklich sein müsse, werde er da manchmal wegen der bedrückenden Erlebnisse gefragt. „Ja das muss sein!“, so Irlstorfers deutlich Antwort. Wer „eine Ballermann-Fahrt“ nach Berlin machen wolle, der könne das, müsse dann aber auf Zuschüsse aus Bundesmitteln verzichten, stellte der Bundestagsabgeordnete klar.

Knapp vor Ende seiner ersten „Amtszeit“ in Berlin sagte Irlstorfer, er wisse gar nicht wie viele Reden er gehalten und wie lange er insgesamt im Bundestag geredet habe. Es sei ihm, so das MdB wörtlich, „immer wichtig gewesen, den Leuten daheim zu zeigen, dass Ihr euch nicht für mich schämen müsst“. Noch nie habe ihn einer seiner Parteikollegen dazu aufgefordert, „nach Parteilinie“ abzustimmen – „und ich würde es auch keinem raten“.

Als seinen größten Erfolg in vier Jahren Bundestagsabgeordneter bezeichnete Irlstorfer die Verabschiedung des neuen Pflegeberufegesetzes. Die größte Enttäuschung sei es gewesen, dass die Hamburger in einem Bürgerentscheid gegen die Bewerbung Hamburgs für die Olympischen Spiele 2024 votiert hätten. Das habe ihn – auch als stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Sport – schwer enttäuscht. Sein Fazit nach vier Jahren Berlin: „Ich habe beruflich noch nie etwas lieber gemacht. Aber ich habe auch noch nie so viel gearbeitet.“

Und das hört nicht auf: Im Wahlkampf, mit dem Irlstorfer am 1. Juli startet, wird er rund 370 Termine in seinem Wahlkreis absolvieren. Danach will er weiter, wie er auf Fragen der Besuchergruppe später antwortete, im Hotel Titanic wohnen, will beispielsweise weiter für einen Lärmschutz an der A 9 sorgen, weil er „ins Gelingen verliebt“ sei, und will sich eben weiter gegen die „Mauerschützenkommunisten der Linken“ und gegen eine Verharmlosung des Stasi-Terrors einsetzen. Bei einer zweistündigen Stadtrundfahrt im Bus von Chaffeur Peter war dann Tourismusprogramm angesagt – vom „Alex“ über Kreuzberg und Neukölln bis Berlin Mitte, von der „goldenen Else“ auf der Siegessäule über Prachtboulevards bis zum Friedrichstadtpalast.

Und auch ein anderes dunkles Kapitel deutscher Geschichte durfte nicht fehlen: das 2005 eingeweihte Holocaust-Denkmal unweit des Brandenburger Tores, das offiziell Denkmal für die ermordeten Juden Europas heißt und aus 2711 Beton-Stelen besteht, manch einen Teilnehmer der Berlinfahrt allerdings zu Äußerungen wie „abgeladene Betonsteine“ veranlasste und bei manchem Assoziationen zu „Betonwerken“ erweckte.

Am letzten Tag dann stand noch der Besuch im Centrum Judaicum der Stiftung Neue Synagoge Berlin auf dem Programm. Die ehemals größte und bedeutendste Synagoge Europas mit 3200 Sitzplätzen, die in der Pogromnacht 1938 schon schwer beschädigt worden war und deren Hauptsynagoge nach einem Bombardement am 22. November 1943 im Jahr 1958 gesprengt und abgerissen wurde, war der letzte Programmpunkt der Fahrt nach Berlin. Die hatte, so die Einschätzung eines Teilnehmers, mit einem „Magentratzerl“ am Dienstagabend begonnen und endete am Freitagmittag mit einem vegetarischen Mittagessen im indischen Restaurant Amrit. Kommentar eines Berlinfahrers: „Wieda koa Currywurst!“ Nein, wieder keine Currywurst. Aber viele Eindrücke und Erlebnisse, die nachdenklich machen und nachwirken sollten.

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