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Von großen Fortschritten, aber auch Rückschlägen berichtete Charlotte Knobloch am Montagabend.

Charlotte Knobloch im Politischen Salon am Freisinger Domberg

„Wehrhafte Demokratie hat versagt“

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Mit großer Sorge beobachtet Charlotte Knobloch den Weg, den Deutschland in jüngster Vergangenheit eingeschlagen hat. Hass und Antisemitismus, die AfD im Bundestag: Das alles macht die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern unruhig. Beim Politischen Salon schildert Knobloch jüdisches Leben in Deutschland heute.

Freising – Sie ist, so stellt Staatsminister Florian Herrmann beim neunten Politischen Salon am Montag fest, „eine, wenn nicht die prägende Persönlichkeit“, wenn es um die Grausamkeiten des Naziregimes gegen Juden und um jüdisches Leben in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geht: Charlotte Knobloch, inzwischen 85.

Deshalb ist der Rote Saal im Kardinal-Döpfner-Haus fast zu klein für den Andrang. Die Menschen wollen hören, was Knobloch zu sagen hat. Und sie hat viel zu sagen, sie sagt es eindringlich, leise, aber klar. Bayern, so beginnt sie, ist ihre Heimat. Und: „Ich liebe dieses Land.“ Dieses Land, das zwar den Antisemitismus nicht erfunden habe, „Auschwitz aber schon“.

In den vergangenen Jahrzehnten habe es große Fortschritte gegeben, habe sich das Judentum „aus seinem Schneckenhaus und selbstgewählten Ghetto“ herausbegeben. Die neue Synagoge in München und das Gemeindezentrum stünden dafür. Doch inzwischen, schildert Knobloch, gebe es „Rückschläge“ im Kampf gegen den Antisemitismus. Hass, Schmierereien, Beschädigungen, Schändungen, Verbrechen – auch in Bayern, auch in München. Jüdisches Leben sei nur unter Polizeischutz möglich, berichtet die Frau, die selbst stets Personenschutz bei sich haben muss.

Blanker Hass und offener Antisemitismus hätten das Internet inzwischen verlassen, offene Rohheit habe schon die Mitte der Gesellschaft erreicht. Und dann die AfD, eine „rechtsradikale Partei“. Wenn man diese „Mannschaft“ im Bundestag sehe, „kommt einem wirklich das Grausen“. Pegida & Co. wiegelten die Menschen mit Unwahrheiten auf, hätten den Hass auf die Straße gebracht. „Die wehrhafte Demokratie hat leider versagt“, bedauert Knobloch. „Wer für unsere Werte und für unser Land brennt, der muss Antisemitismus bekämpfen“, fordert Knobloch, wird später in der Diskussionsrunde vor allem von den Jungen erwarten, dass sie sich in der Demokratie, für Freiheit und für Recht engagieren. Der Zustand des Judentums sei stets „ein Seismograph“ für die Situation der Gesellschaft gewesen.

Neben Knobloch sitzt einer, der mit seinen 31 Jahren die junge Generation der Juden in Deutschland vertritt: Steven Guttmann, engagierter Jurist aus der Israelitischen Gemeinde in München. Was er erzählt, deckt sich mit den Beobachtungen von Knobloch: Bis 2014 habe er unbeschwert in München gelebt, habe sich über Sicherheit keine Gedanken gemacht. Doch als er 2014 Pegida-Demonstrationen in München erlebt habe, als er da den Hass auf Juden und Israel spürte, da sei ihm Angst und Bange geworden, seitdem sei es mit dem Sicherheitsgefühl vorbei. Und Facebook & Co.? Da hätte er sich früher ein striktes Durchgreifen gegen Hasskommentare erwartet – nicht erst, als sich der Hass gegen Asylbewerber wendete. Noch etwas: Man müsse den Einwanderern aus den arabischen Staaten und den judenfeindlichen Moslems sagen, dass Kritik an Israel legitim sei, dass aber „Hass auf andere Menschen und andere Religionen immer falsch ist“. Antisemitismus, stellt Knobloch fest, sei vielschichtig, fordere vielfältige Gegenmaßnahmen. Der Staat habe es in den vergangenen Jahren versäumt, den Anfängen zu wehren – obwohl Deutschland eine besondere Verantwortung im Kampf gegen Antisemitismus habe.

Und weil sowohl Knobloch als auch Guttmann trotz jüngster Entwicklungen Bayern und Deutschland als ihre Heimat betrachten, kann Guttmann versprechen: „Wir sind gekommen, um zu bleiben“ – zumindest so lange man sich wohl fühlt.

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