Rückblick und Ausblick

Containerdorf an der Wippenhauser Straße: Die Geschichte der Helfer

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Ein Dorf in einer Stadt: ohne Bürgermeister, ohne Freizeitangebote. Gestapelte Container, in denen Flüchtlinge leben – das ist die Realität an der Wippenhauser Straße. Wer bringt ihnen Deutschland näher? Ein Helferkreis, der sich von den Mammutaufgaben nicht unterkriegen lässt.

Juni 2015: 150 Flüchtlinge kommen in die Turnhalle der Wirtschaftsschule, und mit ihnen viele Fragen: Was passiert jetzt? Wie sollen 150 Menschen ohne Beschäftigung zusammenleben? Was machen sie den ganzen Tag? Wo sollen diese Menschen hin? Die Anzahl an Flüchtlingen kommt den Freisingern gigantisch vor. Sie ahnen nicht, dass die Welle an Flüchtlingen erst begonnen hat. Sie ahnen nicht, dass noch viel mehr Menschen auf der Suche nach Unterkünften sind. Und sie ahnen nicht, wie viele Ehrenamtliche sich aufopferungsvoll engagieren werden.

Zwei dieser freiwilligen Helfer der ersten Stunde sind Sabine Berenbold-Dieck und Teresa Degelmann. Bei dem ersten Treffen für interessierte Ehrenamtler werden zwar Hilfsmöglichkeiten besprochen – aber irgendwie hapert es an der entsprechenden Organisation. Ein Glück, dass sie sich nachher noch miteinander unterhalten – die Chemie stimmt. Die beiden wollen die Sache selbst in die Hand nehmen. Die Aufgaben haben es nämlich in sich: Deutschkurse geben, Stadtführungen organisieren, Sportangebote bereitstellen, Schwangere und Minderjährige betreuen – die Liste könnte man ewig weiterführen. Und das sollen zwei Ehrenamtler leisten? Das ist nicht möglich. „Uns war damals schon klar, dass es ohne viele Helfer überhaupt nicht funktionieren kann“, sagt Teresa Degelmann. „Wir wollten ursprünglich zwei Stunden pro Woche etwas tun“, sagt Berenbold-Dieck. Die Pläne müssen aber schneller korrigiert werden als die Flüchtlingszahlen. Denn: „Es kann nicht funktionieren, wenn 150 Leute ohne Beschäftigung in einer Turnhalle aufeinander sitzen“, sagt Teresa Degelmann. Und dann denken sie sich: „Bevor gar nichts passiert, machen wir selbst was.“

Als im Juli die Flüchtlinge die Halle beziehen, steckt der Helferkreis noch in den Kinderschuhen. Aber er ist vorbereitet. Er packt dort an, wo der personelle Arm des Landratsamts nicht mehr hinreicht. Dort, wo Flüchtlinge oft mit ihren Problemen allein sind: wenn sie sprachlich nicht weiterwissen, sie entwas unternehmen oder lernen wollen, und wenn sie keine Ahnung haben, zu welchem Arzt sie müssen. Vor allem wollen die Helfer in der Turnhalle sein, wenn das Landratsamt die Pforten schließt – abends, denn dann fehlen die Ansprechpartner.

Schon zu Beginn stellen die Helfer Arbeitskreise auf, wollen sich sofort strukturieren. „Wir haben so was auch noch nie gemacht. Da gehst du erstmal hin und hilfst da, wo Hilfe gebraucht wird“, sagt Berenbold-Dieck. Es dauert nicht lange, bis die AKs stehen – und die Ehrenamtler koordiniert arbeiten können. Die wenigen Helfer sind Anlaufstelle für die Menschen aus Syrien, Nigeria, Afghanistan und vielen anderen Ländern. Begleitung zum Arzt, Sammelaktionen, oder einfach nur Bespaßung – bald ist klar, dass die paar Helfer nicht ausreichen. „Vom Landratsamt haben wir dann eine Liste mit Interessierten bekommen“, erzählen Degelmann und Berenbold-Dieck – und dann geht die große E-Mail-Aktion los. Einer nach dem anderen wird angeschrieben und rekrutiert für den Helferkreis – und plötzlich stehen einige Projekte auf etwas festeren Beinen. Schon nach drei Wochen, ab dem 24. Juli, gibt es acht Deutschkurse – Schüler, Studenten, Lehrer, Senioren engagieren sich jetzt für den Helferkreis. Alles nach dem Motto: Raus aus der Halle. „Die Flüchtlinge sollen sehen, dass etwas vorangeht.“ Eine Lehrerin hat sogar einen Einstufungstest entworfen, sodass die Neuankömmlinge in Leistungsgruppen eingeteilt werden können. Die vielen Sprachbarrieren sind ein Hindernis. Aber: Es wird. Viele der Flüchtlinge machen ausgezeichnete Fortschritte.

Im August ist die Organisation weiter vorangeschritten. Mittlerweile gibt es eine Homepage, die die Kommunikation mit bis dahin über 150 Helfern deutlich vereinfacht. Aber: Allgemeine Informationen gibt es von keiner Behörde – zum Beispiel zu den Themen Kontoeröffnung oder Bildungsangebote. Das müssen sich die Helfer selbst mühsam zusammensuchen. Und die Flüchtlinge kommen immer wieder mit neuen Problemen auf die Helfer zu – Probleme, an die man vorher einfach noch nicht gedacht hatte. Ein Beispiel ist die Unterbringung von Flüchtlingskindern an Schulen – vom Schulsystem haben die Neuankömmlinge keine Ahnung. Und dann kommen die Helfer auf den Plan, die beratend zur Seite stehen – und auch entsprechend Begleitung anbieten.

Woher kommen die Asylbewerber im Containerdorf?

Es wird Oktober. Und es zeichnet sich ab, dass es mit dem Ende des Monats nicht getan ist. Dass die Aufgaben nicht kleiner werden. Im Gegenteil – das Containerdorf an der Wippenhauser Straße steht vor der Fertigstellung. Und als das bezogen wird, hören die Helfer schon die ersten Brocken Deutsch auf sich zufliegen: „Deutschkurs?“, heißt es da aus allen Ecken. Um fair zu bleiben: Recht viel mehr gibt es da an deutscher Sprache noch nicht zu hören. „Aber der Wille ist da“, sagen die Ehrenamtler. Und die Organisation des Helferkreises steht auch – Betreuungsteams werden zusätzlich zu den Arbeitskreisen gegründet, eigene Sprecher für die Container in einem Helfertreffen im Dezember eingerichtet.

Nach den ersten Deutschkursen der Helfer zerfallen die kleinen Klassen oftmals. Das hat verschiedene Gründe: Beispielsweise kommen einige der Flüchtlinge je nach Herkunftsland in bessere, staatlich geförderte Projekte – andere wiederum verlassen Freising. Nicht jeder macht gleichschnell Fortschritte, nicht jeder ist auf dem selben Bildungsniveau. Viele kennen die deutsche Schrift noch nicht. Ab und zu muss man also wirklich bei Null anfangen. Und: „Man unterschätzt oft, dass Deutsch eine schwere Sprache ist“, sagt Berenbold-Dieck, deren Hauptaufgabe auch die Betreuung in den Deutschkursen ist. Aber immerhin: So sind die Flüchtlinge beschäftigt und lernen etwas.

Die Beschäftigungstherapie ist auch eines der wichtigsten Argumente, weshalb Helfer unverzichtbar sind: Bis auf ein paar Ausflüge in die Freisinger Stadt – vor allem zu den WLAN-Hotspots vor diversen Banken – halten die Flüchtlinge sich nämlich im Dorf auf. Und dort gibt es nicht wirklich viel zu tun. Ab und zu treffen sie sich untereinander in Gemeinschaftsräumen, manchmal wird auch gekocht. „Das duftet immer herrlich“, sagt Berenbold-Dieck und lacht.

Die Gastfreundschaft der Flüchtlinge erstaunt sie immer wieder. Sie laden die Helfer zum Essen oder auf einen Tee ein. „Da fühlt man sich schon mal schlecht, wenn man bei denen isst – obwohl man weiß, wie wenig sie selbst haben.“ Dann kommt man ins Gespräch – und erhält oftmals Anfragen, die die Ehrenamtler nicht beantworten können. „Wann bekomme ich meinen Bescheid?“ – „Warum sitze ich schon seit Monaten hier?“ – „Wann kann ich meine Familie nachholen?“ Und man erfährt Geschichten. Geschichten, die einen Tränen in die Augen treiben. Für Teresa Degelmann sind das die schwersten Momente. Wenn man selbst als Helfer hilflos ist. Wenn ein Flüchtling enttäuscht aus München zurückkommt, weil sein Termin zur Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) kurzfristig nicht stattgefunden hat, er aber schon vor Ort war. Und wenn man als Ehrenamtler der Überbringer schlechter Nachrichten sein muss.

Wöchentlich gibt es einen Nachmittagstreff, den Luise Eidel und Christine Wimmer organisieren. Dort können sich Flüchtlinge austauschen, in ungezwungener Atmosphäre zusammen sein. Natürlich gibt es dann auch die Gelegenheit, mit den Helfern ins Gespräch zu kommen und sich Sorgen von der Seele zu reden.

Viele Dinge lassen sich nicht einfach lösen. Ist ein Kind schwerer krank, muss es ins Kinderkrankenhaus nach Landshut. So eben mal hinfahren, kann von den Helfern auch niemand – schließlich sind alle berufstätig. Trotzdem klappt es fast immer, sogar an Weihnachten. Und – das muss man betonen – sie machen die ganze Arbeit im Flüchtlings-Camp unentgeltlich. Und wollen auch keinen Cent dafür. Darum geht es ihnen auch nicht.

Die Arbeit im Containerdorf hat sich aber bei den Ehrenamtlern eingebrannt. Sie ist Teil des Lebens geworden. Pro Woche sind sie pro Person rund 20 Stunden beschäftigt. E-Mails checken sie mobil regelmäßig. Es ist ein Vollzeit-Job neben dem eigentlich Vollzeit-Job. Diese Bürde haben sie sich selbst auferlegt – und machen es trotz allem gerne. Das schlagkräftigste Argument liefert Teresa Degelmann: „Das sind Menschen, die Hilfe brauchen.“ Aber sie gibt zu: Es ist schwer, das alles in der verbliebenen Freizeit nicht an sich heranzulassen, es abzuschütteln. Berenbold-Dieck sagt, ihr Mann weiß schon, was los ist, wenn sie nach Freising fährt. Denn: Egal, was sie macht, es fällt immer noch ein bestimmter Satz: „Und dann geh’ ich noch ins Camp.“

Gut zu wissen

Der Helferkreis sucht immer noch zuverlässige Unterstützer und Ehrenamtler. Mehr Informationen gibt es unter www.fluechtlinge-willkommen-in-freising.de. Außerdem wird dringend ein Zwillingskinderwagen gesucht. Dazu senden Sie am besten eine E-Mail an homepage@fluechtlinge-willkommen-in-freising.de. Der finanzielle Aufwand ist für den Helferkreis auch enorm – wer dahingehend unterstützen will, kann das mit einer Spende an den Helferkreis Asyl Wippenhauser Straße tun. Die Kontonummer: DE 46 70 05 10 03 00 25 56 37 68. Wichtiger Hinweis: Der Helferkreis ist kein Verein und kann somit keine Spendenquittungen ausstellen.

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