Brauereidirektor Josef Schrädler hat die Staatsbrauerei durch das wohl schwierigste Jahr der vergangenen Jahrzehnte manövriert. 
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Brauereidirektor Josef Schrädler hat die Staatsbrauerei durch das wohl schwierigste Jahr der vergangenen Jahrzehnte manövriert. 

Staatsbrauerei Weihenstephan

Älteste Brauerei der Welt im Corona-Tief: „Dieser Winter wird richtig weh tun“

Wie hat die älteste Brauerei der Welt bislang die Coronakrise gemeistert? Der Direktor der Bayerischen Staatsbrauerei Weihenstephan, Prof. Josef Schrädler, gibt Einblick.

Freising – 2020 war ein Jahr der Extreme – für die Bevölkerung, das Gesundheitswesen und natürlich auch für viele Unternehmen. Brauereien standen durch die abgesagten Veranstaltungen und die geschlossene Gastronomie vor einer Herausforderung, wie es sie noch nie gab. Der Direktor der Bayerischen Staatsbrauerei Weihenstephan, Prof. Josef Schrädler, gibt einen Einblick in das Corona-Geschehen des vergangenen Jahres – und wie man in der ältesten Brauerei der Welt damit umgegangen ist.

Herr Schrädler, das Jahr 2020 begann mit einer wichtigen Entscheidung: Sollte das Starkbierfest Anfang März stattfinden oder nicht? Die ersten Fälle wurden zu diesem Zeitpunkt gerade erst bekannt.

Die Entscheidung wurde bei uns ausführlich diskutiert. Kurz davor fand sogar noch das Starkbierfest am Flughafen statt. Nachdem dann die ersten Zahlen bekannt wurden, habe ich fast täglich mit dem Landrat telefoniert, um mehr Infos zu bekommen. Wir waren uns dann einig, das Starkbierfest abzusagen – vorsichtshalber. Wie sich gezeigt hat, war das die einzig richtige Entscheidung, auch die Gäste, die natürlich gerne mit uns gefeiert hätten, waren im Nachhinein sehr froh darüber.

Wenige Tage danach schnellten die Zahlen bereits in die Höhe, erste Länder sperrten bereits zu. Wie haben Sie darauf reagiert?

In der Woche vom Starkbierfest war unser Exportleiter Marcus Englet noch in Südtirol – und schon da haben die Leute in Massen die Hotels storniert. Innerhalb kürzester Zeit sind die Zahlen explodiert, die Skisaison wurde beendet, die Hütten sperrten zu. Die USA haben relativ schnell das Reisen eingeschränkt, unseren Markenbotschafter Matthias Ebner mussten wir mit einem der letzten Flüge von Australien nach Hause holen. In dieser Zeit überschlugen sich die Ereignisse. Für das Geschäft war das verfrühte Ende der Skisaison halb so wild, es war ohnehin schon März. In der Brauerei mussten wir innerhalb kürzester Zeit reagieren. Die Mitarbeiter wurden, wo es möglich war, ins Home-Office geschickt, ein detailliertes Hygienekonzept wurde ausgearbeitet, und an alle Mund-Nasen-Schutzmasken verteilt. Beispielsweise haben wir auch an der Büroaufteilung gearbeitet, um die Risiken soweit es geht zu minimieren. Damit sind wir bis heute gut gefahren.

Sie sprechen das Ende der Skisaison im März 2020 an. Der Übergang zur Biergartenzeit war fließend, war der erste Lockdown am Ende also gar nicht so schlimm?

Doch, der hat uns extrem wehgetan. Man muss sehen, dass der erste Lockdown von Ende März bis Mitte Mai gedauert hat. Das sind zwei ganz wichtige Monate im Jahr. Bereits zu Ostern hatten wir 20 bis 25 Grad, optimales Biergartenwetter. Das, was dort weggefallen ist, hat für sehr hohe Verluste gesorgt. Stellen Sie sich vor, die Saison startet, das Wetter ist der Wahnsinn, aber kein Biergarten hat geöffnet. Da geht einiges verloren.

Konnte die Sommersaison dann wenigstens ein bisschen auffangen, was im Frühjahr verloren ging?

Sagen wir mal so: Nach dem Frühjahr konnte es nur besser werden. Aber ja, man konnte sehen, dass die Menschen Lust auf Biergärten hatten. Ein Beispiel: Der August war so stark, dass wir trotz geringerer Kapazitäten in den Wirtschaften mehr Bier als im Vorjahr verkauft haben. Da konnten wir schon einiges kompensieren. Ich gebe aber zu: Am Ende des ersten Lockdowns waren es schon düstere Aussichten. Der Sommer brachte aber dann auch gleich eine weitere Herausforderung mit sich. Dadurch, dass eine Bestellflut heranrollte, hätten wir ohne unser neues Logistikzentrum den Ansturm nicht bewältigen können. Mitte Mai waren die Hallen natürlich voll, dieser Puffer hat uns geholfen.

Sperrten die Wirtschaften im Ausland dann zum selben Zeitpunkt wieder auf – deshalb auch die vielen Bestellungen?

Da war es ganz unterschiedlich, eine echte Achterbahnfahrt. Es war immer irgendwo geöffnet, weshalb das Geschäft nie ganz zum Erliegen kam. Aber über 50 Länder zu jonglieren, die unterschiedlichen Regelungen zu kennen, den Bedarf einzuschätzen – das war für uns und natürlich auch für unsere Partner vor Ort nicht einfach. In einem Land rollte bereits die zweite Welle heran, während im anderen gerade die ersten Infektionen auftraten. In unserer Produktion mussten wir in dieser Zeit flexibel sein, Bestellrhythmen gab es einfach nicht mehr. Vorher konnte man sich zu einem gewissen Grad darauf einstellen, welches Land wann und wie viel bestellt. Jetzt mussten wir kurzfristig reagieren. Und beim Bier ist es ja so, dass es auch eine gewisse Zeit zum Reifen braucht. Und das Wichtigste: Die Qualität muss trotz allen Umständen stimmen.

Gab’s denn auch Länder, die besondere Herausforderungen darstellten?

Auf den Philippinen wurde über viele Monate ein ganzheitliches Alkoholverbot verhängt – im Handel, in der Gastronomie und zuhause. In Irland blieb die Gastronomie fast das ganze Jahr geschlossen. Der Tourismus kam zum Erliegen, weshalb der Umsatz grundsätzlich in manchen Ländern nachließ. Das war keine einfache Zeit. Allerdings gibt es auch positive Beispiele: Südkorea, dort wurde die Corona-Thematik sehr ernst genommen und man bekam die Pandemie schnell in den Griff. Oder Australien, wo wir ein starkes Plus zu verzeichnen hatten.

Mitten in diese erste komplizierte Phase fiel aber auch ein freudiges Ereignis: das neue Weihenstephaner Helle wurde veröffentlicht. Hat sich die Entscheidung, mitten in der Pandemie ein neues Bier herauszubringen, ausgezahlt?

Dazu muss man sagen, dass wir schon über ein Jahr Entwicklungszeit in dieses Bier gesteckt hatten. Und der Mai war für uns der optimale Zeitpunkt. Wir bewegten uns auf das Ende des ersten Lockdowns zu, es war eine positive Stimmung zu spüren. Und dann war’s auch ein bisserl Glück, dass wir ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt mit allem fertig wurden (lacht). Klar ist so eine Entscheidung immer mit einem Risiko verbunden, aber das Bier wurde und wird super angenommen. Eine Punktlandung!

Hat der Handel, natürlich nicht nur durch das Helle, allgemein in dieser Zeit zugelegt?

Ja, extrem! Wir konnten ein Wachstum von 30 Prozent verzeichnen. Allerdings ist Weihenstephan nun mal eine Gastromarke, weshalb dieser Zuwachs natürlich die Verluste nicht auffangen kann.

Eine Bestellflut rollte im Sommer heran. Da war das neue Logistikzentrum Gold wert.

Heißt das, dass Sie den Fokus mehr auf den Handel legen wollen?

Schwierig, aber nein, das wollen wir nicht. Wir wollen Weihenstephaner Bier nicht als Massenprodukt verstanden wissen, sondern als qualitativ hochwertiges Genussbier. Eine Strategieänderung passiert auch nicht über Nacht. Und nach wie vor sehen wir die Gastronomie als wichtigsten Partner und natürlich auch als den Vorreiter zur Markterschließung an. Deshalb wird sich unser Vorgehen nicht groß ändern.

Sie erwähnen die Gastronomie – wie arbeiten Brauereien und Wirtschaften in dieser Zeit zusammen, um durch die schwere Phase zu kommen?

Wir haben mit den Wirten eine gemeinsame Lösung gesucht und gefunden, sowohl im Inland wie auch im Ausland, in beiden Lockdowns. Im Export haben wir beispielsweise auch angezapfte, nicht aufgebrauchte Fässer ersetzt. Durch die Zusammenarbeit kann man das Leid dann auch ein bisschen teilen, keine Frage. Wir wollen schließlich alle, dass wir bald wieder in der Gastronomie sitzen, ein Bier trinken und gut essen können. Vielleicht wird vielen Menschen dann auch wieder bewusst, welchen herausragenden kulturellen und sozialen Stellenwert Wirtschaften, Restaurants, Kneipen, Bars und ähnliches in unserer Gesellschaft einnehmen. Ein Beispiel aus den USA möchte ich hier noch nennen: Eine unserer Partner-Gastronomien, DSK Brooklyn, hat gratis Essen in den Krankenhäusern an das medizinische Personal verteilt. Natürlich waren die Betreiber selbst nicht in der besten Lage, hatten aber immer noch den Blick für den Nächsten. Und das zeigt eigentlich das Thema des Jahres: Zusammen schaffen wir es durch die Pandemie.

Blicken wir noch auf Anfang Herbst 2020: Die Zahlen stiegen wieder an, ein zweiter Lockdown schien langsam Realität zu werden. Konnten Sie sich darauf irgendwie vorbereiten?

Nein, wirklich vorbereiten konnte man sich nicht. Allerdings wurden die Wirte vorsichtiger, was die Bestellungen betrifft und nahmen nicht mehr so viel Bier auf Lager. Zudem haben wir aus den Erfahrungen des ersten Lockdowns gelernt, was Produktion und Lagerhaltung angeht. Übrigens wurde auch in den Regionen, in denen wir besonders stark auf den Hütten vertreten sind – Südtirol und Österreich – vorsichtiger bestellt.

Sie sprechen es an: Jetzt entfällt die Skisaison wohl komplett – kann man diesem Schlag überhaupt entgegenwirken?

In der Alpenregion sicherlich nicht. Dieser Winter wird uns richtig weh tun. Man kann einerseits abwarten, ob sich die Situation bessert, oder andererseits, und dafür haben wir uns entschieden, durch Innovation Gas geben. In den USA haben wir zu Beginn dieses Jahres das Weihenstephaner Helle und unser Hefeweißbier in der 0,5-Liter-Dose herausgebracht. In den USA ist die Dose vor allem im Craft- Beer-Bereich vertreten und wird auch deshalb als das hochwertigste Gebinde angesehen. Oder ein anderes Beispiel: Es gab bei uns erstmals ein Online-Anzapfen, nachdem das Volksfest 2020 ausgefallen ist, mehrere Verkostungsvideos und Livestreams. Natürlich kann das alles nicht den persönlichen Kontakt im Bierzelt oder in der Wirtschaft ersetzen. Den wünschen wir uns schließlich alle zurück. Aber man darf den Kontakt zu den Kunden nicht verlieren – und in dieser Hinsicht ist die Pandemie sicherlich auch eine Chance.

Wenn man auf 2020 zurückblickt, was bleibt dann bei Ihnen hängen?

In erster Linie natürlich ein herber Rückschlag. Wir sind unter 400 000 Hektoliter gefallen, was uns einige Jahre zurückwirft. 2020 war einfach ein Jahr, das sich definitiv nicht wiederholen sollte.

2021 hat aber zumindest nicht gut begonnen – wie lautet Ihre Prognose?

Eine Prognose kann man eigentlich gar nicht treffen. Man kann bloß hoffen, dass sich die Situation zum Sommer hin wieder bessert, und die Gastronomie wieder öffnen darf. Einen Herbst wie 2020 brauchen wir nicht noch einmal. Die Hoffnung besteht aber, dass wir im Spätsommer oder Herbst so weit sind, dass man die Wirtschaften nicht mehr schließen muss.

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