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Tagelanger Polizeischutz: Reichsbürger bedrohen Bürgermeister aus Oberbayern - „Erst wenn Du getötet bist...“

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Ein Polizeibeamter
Zehn Tage lang stand der Bürgermeister aus dem Landkreis Freising unter Polizeischutz. © Symbolfoto / Karl-Josef Hildenbrand

Zehn Tage lang stand ein Bürgermeister aus dem Kreis Freising unter strengem Polizeischutz. Er hatte Todesdrohungen erhalten - aus der Reichsbürgerszene.

Landkreis – Ein Bürgermeister aus dem Landkreis Freising hat Todesdrohungen aus der Reichsbürgerszene erhalten – und zahlreiche Schulen im Landkreis aggressive E-Mails. Die krude Botschaft: Die verbeamteten Lehrer, die an Kindern Corona-Schnelltests durchführten, kämen vor das Kriegsgericht. Der Bürgermeister wurde von einem „Tribunal“ zum „Tod durch Erhängen“ verurteilt. Auch sechs Wochen nach diesem massiven Kontakt mit der Reichsbürgerszene ist der Kommunalpolitiker, der aus Angst vor weiterer Verfolgung anonym bleiben will, zutiefst erschüttert: „Das macht etwas mit dir“, sagt er, „die wollen dich kleinkriegen“. Das dürfe man aber nicht zulassen, weshalb er die Geschichte brutalster Hetze und verbaler Gewalt dem Freisinger Tagblatt geschildert hat.

Bürgermeister aus dem Landkreis Freising mit dem Tod bedroht - Reichsbürger hatten seine Nummer

Vor etwa sechs Wochen waren an zahlreichen Schulen im Landkreis E-Mails eingegangen. Deutschland stehe unter Kriegsrecht, hieß es im bekannten Ton der Reichsbürger, weshalb sich die Lehrer wegen der Tests an Kindern vor dem Kriegsgericht zu verantworten hätten. Betroffen war auch die Schule am Ort des Bürgermeisters. Der wurde daraufhin aktiv und machte über die E-Mail-Adresse eine Telefonnummer ausfindig, die wiederum zu einem Ferienhof im Allgäu führte. Der Bürgermeister rief dort an, um auf den offensichtlichen Missbrauch der E-Mail-Adresse aufmerksam zu machen. „Aber ich habe in ein Wespennest gestochen“, berichtet der Kommunalpolitiker. Die Frau am Telefon war keineswegs entsetzt, sondern bekannte sich offen zu den Mails. Nach kurzem Disput legte der Bürgermeister auf – doch nun war seine Handynummer und Identität bekannt. Mit dramatischen Folgen.

„Zum Tode verurteilt“: Reichsbürger terrorisieren Bürgermeister

Bereits am nächsten Tag erhielt der Bürgermeister einen Anruf: Er müsse jetzt mit den Konsequenzen seines Handelns rechnen, teilte ihm die Anruferin mit. Es folgte eine Sprachnachricht über Whats-App: Er sei zum Tode verurteilt worden, wurde dem Politiker mitgeteilt – und mit ihm seine Familie „bis in die vierte Generation“. Er solle noch seine „letzten Stunden genießen“. Der Gemeindechef war fassungslos. Dann ging er zur Polizei und landete beim Kommissariat Staatsschutz der Kriminalpolizei in Erding. „Die haben die Sache sehr ernst genommen“, berichtet der Bürgermeister. Er übergab den Beamten sein Handy, das eine Flut von WhatsApp-Nachrichten und SMS lahmgelegt hatten – darunter Hunderte weiterer Beschimpfungen und Morddrohungen. Daraus eine Kostprobe: „Erst wenn Du getötet bist, ist die Welt bereinigt“. Dann wurde der Kommunalpolitiker für zehn Tage unter Polizeischutz gestellt.

Reichsbürger bedrohen Bürgermeister mit dem Tod - auf Telegram stand er am Pranger

Nichts desto trotz sei er auf dem Telegram-Kanal eines bekannten Reichsbürgers, eines gewissen „Thorsten Gerhard Jansen“, weiterhin an den Internet-Pranger gestellt worden, berichtet der Bürgermeister. Ein Tribunal habe ihn zum Tod durch den Strang verurteilt, hieß es dort. Dazu Kontaktdaten des Politikers und ein Foto von ihm. Jansen ist kein Unbekannter. Er bezeichnet sich als „Commander“ und hat seit Frühjahr 2020 mit Hunderte von Todesurteilen Angst und Schrecken verbreitet. Bedroht wurden unter anderem auch Ärzte, die impfen. Inzwischen wurde der „Commander“ im Rems-Murr-Kreis verhaftet, wie das Online-Portal t-online berichtet. Offenbar unmittelbar nach der Morddrohung gegen den Bürgermeister.

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Der Psychoterror ist an dem Bürgermeister nicht spurlos vorüber gegangen: „Ich bin eigentlich ein optimistischer Mensch. Aber so etwas ist schwer zu verkraften, vor allem, wenn es auch noch um deine Familie geht“. Da sei es schon beängstigend, „wenn draußen langsam ein Auto an deinem Haus vorbeifährt“. Geholfen habe ihm in der heißen Phase des Terrors die Professionalität der Polizei, die sehr präsent gewesen sei und ihm und seiner Familie auch psychologische Hilfe angeboten habe.

Psychoterror gegen Bürgermeister aus dem Landkreis Freising: Kollegen schockiert

Kurz nach der Hetzjagd der Reichsbürger kamen die Bürgermeister des Landkreises zu einer ihrer regelmäßigen Dienstversammlungen zusammen. Weil es schon zuvor ähnliche Vorfälle in anderen Landkreisen gegeben hatte, war zufällig auch ein Mann vom Staatsschutz eingeladen worden. Der referierte darüber, wie man sich bei Attacken aus der Ecke der Reichsbürger und der rechten Szene verhalten solle. Als der betroffene Bürgermeister seinen aktuellen „Fall“ schilderte, waren alle Kollegen „schockiert“ – sogar der Staatsschützer.  

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