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Arbeiten die verbliebenen Aufträge ab: Schweißer Paul Mair (l.) und Firmenchef Helmut Notter, die derzeit nur in der Werkstatt tätig sind – und natürlich auf den Sicherheitsabstand achten. 

„Es wird noch schlimmer werden“

Freisinger Handwerker machen Zwangspause: Aufträge brechen weg – Krise auch als Chance?

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Baustellen schließen, Lieferketten sind unterbrochen, Material fehlt: Corona trifft immer mehr Handwerksfirmen im Landkreis hart. Doch die Krise birgt auch eine Chance.

Landkreis – Es ist eine Kettenreaktion: Weil immer mehr Lieferketten unterbrochen werden oder Baustellen schließen – auch wegen Materialmangels – trifft es zunehmend die Handwerksfirmen im Landkreis. Ihnen brechen Aufträge weg. Einige fahren den Betrieb herunter, um sich und ihre Kunden zu schützen.

Der Metallbauer

In Schwierigkeiten geraten ist etwa die Metallbaufirma Notter aus Freising, die zum Beispiel Toranlagen oder Treppen herstellt. „Jetzt im Frühjahr würde es bei uns eigentlich mit den Aufträgen so richtig losgehen“, berichtet Firmenchef Helmut Notter. Aber die Flaute auf den Baustellen macht dem kleinen Unternehmen schwer zu schaffen. „Wir sind derzeit nur in der Werkstatt und arbeiten die noch verbliebenen Aufträge ab“, berichtet Notter. Kurzarbeit habe er noch nicht angemeldet. Er hofft, die nächsten Wochen auch so zu überstehen. Das Team hat sich ohnehin reduziert: Zwei Mitarbeiter sind krank – die Diagnose unklar. In der Werkstatt achte man auf Abstand und maximale Hygiene, sagt Helmut Notter. „Aber wenn sich da einer infiziert hat, dann steckt er irgendwann sicher auch einen Kollegen an.“  

Der Heizungsbauer

Ab 1. April meldet Thomas Eisenmann für seine Mitarbeiter Kurzarbeit an. Der Grund sind nicht etwa fehlende Aufträge oder Material-Engpässe, sondern Prävention: „Ich kann es weder meinen Mitarbeitern noch unseren Kunden zumuten, sich anzustecken“, sagt Eisenmann. „Wir wissen ja nicht, ob wir den Virus in uns tragen“. Bei der klassischen Arbeit der Freisinger Sanitär- und Heizungsfirma wie Badumbauten oder Heizungsmodernisierungen sei man oft eine ganze Woche in den Häusern oder Wohnungen der Kunden. Das Risiko einer Virusübertragung sei dabei zu hoch, um weiterzumachen.

Er selbst übernehme nun eben den Notdienst und erledige noch kleinere Arbeiten, berichtet Eisenmann. Zudem sei noch seine Sekretärin und ein Helfer im Einsatz. Der Rest des Eisenmann-Teams geht sozusagen in die Corona-Pause. Eisenmann hofft, so die nächsten Wochen zu überstehen. Die meisten der größeren Aufträge, wie etwa Bad-Modernisierungen, könne man verschieben. Vielleicht brummt ja das Geschäft nach der Krise umso mehr. . . 

Der Maler

Die Auftragslage bröckelt auch beim Malerbetrieb von Manfred Kürzinger in Freising. Zum einen sind Arbeiten in Wohnungen gerade älterer Kunden wegen der Ansteckungsgefahr auf beiden Seiten tabu. Malerarbeiten in Schulen oder Seniorenheimen fallen auch weg – die sind geschlossen. Und generell überlegen einige Kunden, die Malerarbeiten aus finanziellen Gründen zu verschieben: „Viele wissen schließlich nicht, wie es bei ihnen beruflich weitergeht“, berichtet Kürzinger. So bleibt dem zehnköpfigen Team von Manfred Kürzinger derzeit vor allem die Außenarbeiten, für die es aber eigentlich noch wärmer werden müsste. Und dass einige Baustellen zurückgefahren werden, schlägt auch auf die Malerbranche durch. „Das Thema Kurzarbeit“, schließt der Firmenchef, „ist noch kein Thema, könnte aber eins werden.“ 

Der Haustechniker

Erste Corona-Auswirkungen auf seine Firma spürt auch Herbert Hofer vom gleichnamigen Haustechnik-Unternehmen in Rudelzhausen. „Bis jetzt läuft der Betrieb noch sehr gut, aber wir merken, dass Kunden zögernder und vorsichtiger werden.“ Mancher wolle nicht mehr, dass Techniker ins Haus kämen, berichtet der 55-Jährige, andere würden Aufträge verschieben. „Wir haben darauf mit Vorgaben reagiert. Beispielsweise bitten wir die Kunden, dass die Türen offen stehen und der persönliche Kontakt während der Arbeiten minimiert wird.“ Hofer hat eine Reihe von Maßnahmen zum Schutz von Mitarbeiter und Kunden erlassen. „Wir versuchen, jedes Haus zu verlassen, ohne etwas zu berühren.“ Freilich könne unter den Arbeitern nicht immer der Abstand von zwei Metern eingehalten werden, da manche Handgriffe nur zu zweit erledigt werden könnten. Hofer: „Wir versuchen dafür, die unterschiedlichen Trupps von einander zu trennen.“ Erste Engpässe und Lieferstopps im Materialfluss spüre man bereits, wenn es etwa um Biomassekessel aus Österreich oder Armaturen und Pufferspeicher aus Italien und Spanien gehe.

Doch Herbert Hofer erkennt in der Krise auch Chancen: „Wir bauen gerade eine Plattform auf, über die wir Beratungsgespräche und Angebotspräsentationen per Videokonferenz durchführen.“ Das ersetze manchen Besuch, „trotzdem kommunizieren wir auf sehr hohem Niveau“. Wenn sich Kunden erst daran gewöhnt hätten, ließen sich bald viel Zeit und Ressourcen einsparen. Hofer bemerkt aktuell auch eine Veränderung der Erwartungshaltung von Kunden: „Die war in letzter Zeit zum Teil sehr übertrieben. Etwa, wenn ein Wasserhahn tropft: Dann musste man sofort kommen und niemand hat überlegt, dass dafür jemand extra 40 Kilometer mit dem Auto fährt.“

Der 55-Jährige hofft nun in vielen Bereichen auf ein Umdenken, vor allem bei den Fragen: „Wer wird beauftragt? Was kaufe ich ein? Wo kaufe ich es?“ Die Corona-Krise könne so für den kompletten Mittelstand eine Chance hin zu mehr Regionalität bedeuten.  

Der Fliesenleger

Den großen Kontakt mit der Kundschaft haben die Mitarbeiter von Fliesen Waldhier in Hallbergmoos dieser Tage nicht. Wie die Chefin Susanne Waldhier dem Freisinger Tagblatt mitteilte, „arbeiten wir derzeit fast nur in Neubauten“. Die Teams seien derzeit meistens mit zwei Leuten unterwegs. Die Sicherheitsabstände würden ebenfalls problemlos eingehalten. Susanne Waldhier erläutert: „Reparaturen in Privathaushalten haben wir sicherheitshalber auf Eis gelegt“.

Was die Auftragslage betrifft, könne man sich trotzdem zwar nicht beschweren. Problematisch ist etwas anderes: Da rund 90 Prozent der Ware aus Italien kämen, befürchtet Susanne Waldhier allerdings bald massive Lieferengpässe. 

Kreishandwerksmeister Martin Reiter nimmt Stellung

„Da müssen wir durch.“ Kreishandwerksmeister Martin Reiter weiß, wie es derzeit um das Handwerk bestellt ist. Derzeit. Denn was in ein oder zwei Wochen ist, könne niemand sagen. Nur eines dürfte klar sein, so Reiter: „Es wird noch schlimmer werden.“

Einzelhandel kämpft mit den größten Problemen

Die größten Probleme habe derzeit der Einzelhandel: Die bezahlten Waren habe man auf Lager, die Mieten für die Läden müssten gezahlt werden, aber das Geschäft sei geschlossen. Die Hilfen und Regeln, die Freistaat und Bund nun beschlossen und teilweise schon in die Tat umgesetzt hätten, seien wichtig und hilfreich. Freilich sei mit der Beantragung von Unterstützung ein bürokratischer Aufwand verbunden, aber der müsse eben sein.

Wichtig sei, dass überhaupt etwas getan werde, um den Gewerbetreibenden unter die Arme zu greifen. Auf dem Bausektor sei man etwa sei bestrebt, dass nicht mehr als zwei Mitarbeiter auf einer Baustelle zu Gange seien. Badumbauten in bewohnten Häusern, bei denen normalerweise teils fünf bis sechs Handwerker aus verschiedenen Gewerken vor Ort seien, müsse man jetzt halt anders organisieren. Größere Baubesprechungen fänden auch nicht mehr statt, auch weil sich die Bauleiter teilweise im Homeoffice befänden.

Material wird knapp, Subunternehmer fehlen

Ein weiteres Problem: Teilweise werde das Material knapp, Eisen zum Beispiel, so habe er von Kollegen aus dem Tief- und dem Hochbau gehört, sei nicht mehr in unbegrenztem Maße verfügbar. Noch ein Problem: Subunternehmer fehlen. Die kämen nämlich teilweise aus dem Ausland, würden also nicht nach Deutschland gelassen. Und in so einem Fall hingen dann all die anderen Gewerke davon ab. Die Folge ist: Es komme zu großen Verzögerungen und der Fertigstellungstermin werde sich in solchen Fällen erheblich nach hinten verschieben. Denn eines glaubt Reiter sicher: „Das alles wird in zwei Monaten nicht vorbei sein.“

Dass es angesichts der derzeitigen Lage und der Aussichten manche Handwerkskollegen gebe, die sich beklagt hätten, dass man die Zwischenprüfungen abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben habe, kann Reiter nicht nachvollziehen: „Das ist ja jetzt wirklich nicht das entscheidende Problem.“

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