Man sieht Stephan  Leitmeier und Leonie Fuchs als Faust und Mephisto
+
Sarkastisch, selbstironisch, überzeichnet: Das Zwei-Personen-Stück verlangte den beiden Mimen alles ab.

SOMMERWUNDER Freising: Leonie Fuchs und Stephan Leitmeier brillieren in „Gretchen 89ff“

Den Irrsinn spüren

  • Andreas Beschorner
    VonAndreas Beschorner
    schließen

Mozart trifft auf Rolling Stones, zwei Schauspieler, die in verschiedene Rollen schlüpfen, geben es sich und dem Publikum: „Gretchen 89ff“ heißt das dann.

Freising – Beim Sommerwunder feierten Leonie Fuchs und Stephan Leitmeier mit der Komödie von Lutz Hübner Premiere: rotzfrech, sarkastisch, selbstironisch, herrlich überzeichnet – das alles war „Gretchen 89ff“.

Jaja, die Kästchenszene mit Gretchen in Goethes „Faust“ (im kleinen gelben Reclam-Heftchen auf Seite 89 und folgende zu finden) ist berühmt. Doch wie wird sie inszeniert, was können Regisseur und Akteurin daraus machen, wie kann man sie interpretieren, wie inszenieren? Modern? Anrüchig? Schmerzensreich? Überkandidelt? „Alles ist möglich“ heißt es im Prolog zur Komödie – und genau das ist es, was das Publikum am Samstagabend im Amtsgerichtsgarten mit der Inszenierung von Steffi Baier auch erlebt: Zwei Schauspieler, die alles geben und die alles können.

Völlig überdreht

Da ist Leitmeier als der völlig überdrehte Hektiker, genervt, zwei Zigaretten gleichzeitig paffend, Sätze wie „Ich muss den Irrsinn spüren“ schreiend. Leonie Fuchs ist derweil fügsam, leicht verunsichert, das Rumwälzen auf dem Boden ist ihr peinlich. Und weiter geht’s: Leitmeier als genusssüchtiger Wiener mit Schmäh, dem das Gretchen herzlich egal ist, der aber mit der Schauspielerin möglichst schnell einen Kaffee trinken will – jene Schauspielerin, für deren Darstellung Leonie Fuchs grotesk die Haare wirft, genial dämlich grinst und zu Recht Szenenapplaus erntet.

Überdrehter Hektiker: Stephan Leitmeier und Leonie Fuchs schlüpften in die skurrilsten Rollen.

Noch skurriler

Geht’s noch skurriler? Ja: Dann, wenn der Regisseur als Rocker daherkommt, dem Goethes Text „scheißegal“ ist, während Leonie Fuchs extrem aggressiv eben jenen Text ins Auditorium brüllt – den Text von Johann Wolfgang von Goethe, der „versaut bis auf die Knochen“ gewesen sein soll.

Glänzend dann Leonie Fuchs als „Anfängerin“, immer schön Sprechübungen machend, voller Tatendrang – und so den extrem gelangweilten und zunehmend genervten Regisseur in den Wahnsinn treibend: Was die Schauspielerin da darstelle, ähnele einem „schwachsinnigen Angler mit seiner Wurmköderdose“. Danach das nächste ungleiche Paar – Fuchs als exaltierte Diva mit Starallüren, Leitmeier als eingeschüchterter Regisseur, der das Gretchen lieber etwas schlichter und inniger hätte.

Variante 6

Ganz anders die sechste Variante: Leitmeier gibt den abgeranzten Requisiteur, der hingebungsvoll und leicht debil grinsend das Kästchen verschönert, während sich die Aktrice über den Erfolg ihrer Kollegen echauffiert. Der blöd kichernde Hospitant, der in der Schule einmal Theater gespielt hat und vor der coolen, paffenden Gretchen-Darstellerin in Ehrfurcht auf die Knie sinkt, leitet zur letzten Variante über: Da gibt Fuchs genial die Dramaturgin mit wissenschaftlichem Anspruch, verkünstelt sich in Verbal-Konstrukten, während Leitmeier kongenial als lässiger Hoodie-Träger das Gretchen geben soll und dabei kläglich scheitert. Aber Hauptsache, die Kohle stimmt.

Köstlich amüsiert

„Gretchen 89ff“ – ein Stück, das den beiden Akteuren viel abverlangt. Sehr viel. Und: Fuchs und Leitmeier geben viel. Sehr viel. So viel, dass sich auch OB Tobias Eschenbacher und Pfarrer Stephan Rauscher – nebeneinander in der erste Reihe sitzend – köstlich amüsieren. So wie alle anderen Besucher im Amtsgerichtsgarten auch, die im positivsten Sinn des Wortes den Irrsinn spürten.

Freising-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Freising-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Freising – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Das Landkreiswetter

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare