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Ein Gedenkweg, der in die dunkelsten Kapitel Freisinger Geschichte führt

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Männer mit Fahnen
„Gut, dass Sie gekommen sind!“ Guido Hoyer, Linken-Stadtrat und Freisings VVN-BdA-Vorsitzender, nahm die Zuhörer mit auf einen intensiven, lehrreichen und aufwühlenden Gedenkweg durch Freising. © Lorenz

Das war ein Ausflug in die dunkelsten Kapitel der Freisinger Geschichte: Ein „Gedenkweg“ an Orte der Verfolgung.

Freising -Von 9. auf 10. November 1938 brannten die Synagogen: Die vom nationalsozialistischen Regime organisierte Reichspogromnacht führte zu Gewalt gegenüber jüdischen Menschen in Deutschland und Österreich. Um an diese Gräueltaten zu erinnern, hatte die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regime – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) Freising unter dem Motto „Niemals vergessen!“ am Dienstag zu einem Gedenkweg an Freisinger Orte der Verfolgung eingeladen. Vieles sei auch in der Domstadt noch nicht aufgeklärt und bedürfe weiterer Bemühungen, betonte Guido Hoyer, Freisings VVN-BdA-Vorsitzender und Autor des Sachbuchs „Verfemt verfolgt vernichtet – die Juden im Landkreis Freising unter dem NS-Terror“. Denn die Domstadt sei beides gewesen: ein Ort der Opfer, aber auch der Täter.

Rudolf Heß in Freising

In Freising, so Hoyer einleitend, sei schon recht früh in den 1920er Jahren ein „Prominenter“ der Nationalsozialisten aufgetaucht – nämlich Adolf Hitlers späterer Stellvertreter der Parteileitung, Rudolf Heß. Im damaligen Bayerischen Hof habe Heß laut Hoyers Recherche einen Vortrag über Rassen gehalten. Auch für Hitler selbst habe Freising eine gewisse Rolle für ein ganz bestimmtes Vorhaben gespielt: Als Ablenkungsmanöver hatte Hitler wohl behauptet, am 9. November 1923 im Colosseum, dem heutigen Woolworth-Gebäude, eine Ansprache zu halten. Als er vor Ort allerdings nicht auftauchte, kam auch schon der Marschbefehl zum Regierungssturz – schwerbewaffnete Freisinger und Landshuter machten sich vergeblich auf den Weg nach München, um Hitler an die Macht zu putschen.

Schon früh gab es extrem gewaltbereite Gruppen in der Domstadt

In Freising selbst gab es nämlich bereits früh diverse Gruppierungen und Verbindungen, die laut Hoyer antisemitisch geprägt waren – und teilweise extrem gewaltbereit. Eine tragende Rolle spielte dabei Hans Lechner, der sich laut Hoyer in der SA hochgearbeitet habe und 1933 zum Sonderkommissar für Stadt und Bezirk Freising ernannt wurde. Lechner, der von 1942 bis 1945 das Amt des Freisinger Bürgermeisters bekleidete, ist für Hoyer vor allem eines: „ein führender Schläger und Gewalttäter!“ Natürlich hatten die Freisinger Nationalsozialisten auch eine Stammkneipe, nämlich den Hirschenwirt an der Oberen Hauptstraße, wo auch Waffen gelagert wurden. Heutzutage befindet sich dort ein Café.

Im Gebäude an der Bahnhofstraße, in dem heute ein Teppichhaus an der Bahnhofstraße beheimatet ist, war damals die NSDAP-Zentrale Freisings untergebracht, in der laut Hoyer so manches Schreckliche geplant wurde – beispielsweise der Mord an einem Zwangsarbeiter, der zwischen Freising und Hallbergmoos mittels Genickschuss getötet aufgefunden wurde.

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Aber auch die NS-Frauenschaft war in der NS-Zentrale an der Bahnhofstraße zugange: Dazu erzählte Hoyer von einer Freisinger Nationalsozialistin, die vor allem durch Denunziantentum stark in Erscheinung getreten war und beispielsweise einen Bürger angeschwärzt hatte, der es nicht so schlimm fand, dass im Boxkampf Max Schmeling gegen Joe Louis eben mal kein Deutscher gewonnen habe.

Gefängnis wurde zu Schreckensort

Ein weiterer zentraler Ort dieser schrecklichen Zeit: Das Gefängnis, das für Untersuchungs-, Straf-, aber auch Schutzhaft verwendet wurde. Da zwar bereits Anfang März 1933 mit diversen Verhaftungen begonnen wurde, darunter auch SPD-Stadträte, aber das Konzentrationslager Dachau noch nicht ganz fertiggestellt war, wurde das Gefängnis laut Referenten zu einem sogenannten „wilden KZ“. Zwar wisse man laut Hoyer nicht, wie es dort zugegangen sei, allerdings verweise ein Zeitungsbericht auf die Handhabung von renitenten Gefangenen. Diesen drohte eine „folterähnliche“ Unterbringung im Turm, in einer winzigen Zelle mit wenig Licht. Da es außerdem für Frauen kein KZ in Bayern gab, wurden weibliche Gefangene, darunter auch Freisinger Kommunistinnen, in Gefängnissen festgehalten.

Massenverhaftungen im Rahmen der „Bettlerwochen“

20 Landstreicher aus Freising wurden laut Guido Hoyer im Rahmen der „Bettlerwochen“ im September 1933 von der SA aufgegriffen und eingesperrt, darunter auch ein schwerbehinderter Mann, der nach der Inhaftnahme einer Zwangssterilisation unterzogen wurde. Widerspruch seitens des Richters gab es bezüglich der Massenverhaftungen nur aus einem Grund: weil das Gefängnis zu voll war.

Hoyer wird bei diesen Erzählungen leise, und es ist nicht nur die Eiseskälte des Novemberabends, der den Zuhörern eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Es gebe noch viele Geschichten zu erzählen und viele Namen zu nennen, so der VVN-BdA-Vorsitzende – und das nicht nur an einem 9. November. „Es ist gut, dass Sie alle gekommen sind.“

Richard Lorenz

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