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Energiekrise bedroht Existenzen: „Menschen haben wahnsinnige Angst“ - Klare Forderung an Politik

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Von: Helmut Hobmaier

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Heizkosten-Symbolbild.
Die nächste Heizkostenabrechnung rollt wie eine Lawine auf Menschen mit geringem Einkommen zu. Ohne umfassende staatliche Hilfe wären Existenzen bedroht, fürchten die Wohlfahrtsverbände im Landkreis. © Büttner/ dpa

Die Krise bedroht auch im Kreis Freising Existenzen. Täglich erleben das Wohlfahrtsverbände wie die AWO, Diakonie oder Caritas. Zur Gaspreisbremse haben sie daher eine klare Forderung.

Landkreis – Horrende Stromrechnungen, explodierende Heizkosten und teure Lebensmittel: Für viele Menschen im Kreis Freising bedeutet die derzeitige Krise eine existenzielle Bedrohung. Bei den Wohlfahrtsverbänden im Landkreis herrscht daher nach dem Beschluss eines staatlichen 200-Milliarden-Abwehrschirms enorme Erleichterung. Denn ohne umfassende und schnelle Hilfe würden Menschen aus der Gesellschaft gedrängt, enormes Leid verursacht – und Existenzen vernichtet.

Energiekrise: „So mancher Politiker müsste mal einen Blick in den Kühlschrank eines Rentners werfen“

Der Gaspreisdeckel kommt nach Ansicht von AWO-Vorsitzender Heidi Kammler gerade noch rechtzeitig. „Die Menschen haben gerade eine wahnsinnige Angst“, weiß die sozial stark engagierte frühere Stadträtin aus zahllosen Gesprächen. Vor allem Rentner, Studenten und Familien mit kleinem Einkommen seien ohne Hilfe existenziell bedroht. Schon jetzt würden viele bei den Lebensmitteln sparen: „So mancher Politiker müsste mal einen Blick in den Kühlschrank eines Rentners werfen“, schlägt Kammler vor. Auch eine Raumtemperatur von 19 Grad sei oft längst Realität.

Diese Menschen hätten keinerlei finanziellen Spielraum. Da helfe es auch wenig, bei Strom- oder Heizkosten Nachzahlungen in Form von Raten anzubieten – „die müssen schließlich auch einmal bezahlt werden“. Angesichts der akuten Notlage vieler Menschen sei die Gaspreisbremse der richtige Weg – „auch wenn sie nicht alle Probleme lösen wird“. Eines ist der AWO-Vorsitzenden jetzt besonders wichtig: „Dass jetzt alle demokratischen Parteien zusammenhelfen und keine politischen Spielchen spielen.“ Dazu sei die Krise zu ernst.

Parallel dazu versuche natürlich auch die AWO, in akuten Notfällen zu helfen. „Wir tun, was wir können – und uns erreichen nicht wenige verzweifelte Anrufe. Wir können aber meist nur beraten. Unsere finanziellen Mittel sind halt begrenzt“, berichtet Heidi Kammler. „Die Spenden, die wir bekommen, sind leider nicht unendlich.“

Energiekrise bei Caritas längst akutes Thema - Verzweifelte Anrufe wegen Nachzahlungen

Auch bei der Caritas ist die Krise längst akutes Thema. Es sei schon jetzt ein Drama, das sich meist im Stillen abspiele und „viel Leid“ verursache, berichtet Markus Mehner, Leiter des Fachbereichs Soziale Beratung. Es gebe schon jetzt verzweifelte Anrufe, weil die geforderten Nachzahlungen das Einkommen übersteigen. Mit voller Wucht werde das Thema aber erst durchschlagen, wenn die Energieversorger „ihre Rechnungen schicken“, glaubt Mehner. Die beschlossene Gaspreisbremse sei daher extrem wichtig. Sie müsse jetzt aber schnell umgesetzt werden und dürfe nicht durch politische Taktiererei verzögert werden.

Schon jetzt sei das Monatsbudget vieler Bürger „auf Kante genäht“ und die Corona-Jahre hätten viele gerade noch überstanden, weil sie bereits den Gürtel enger geschnallt hätten. „Da kommen die jetzigen horrenden Preissteigerung quasi noch obendrauf“, sagt Mehner. Die Möglichkeit finanzieller Hilfe sei aber auch bei der Caritas begrenzt. In Einzelfällen könne man in Not Geratenen mit Spendengeldern helfen – aber an breiter Front sei es unmöglich, die Wucht der Teuerungen abzufangen.

„Wir beraten unsere Klienten, wir gehen deren Haushaltspläne durch und schöpfen alle möglichen Hilfeleistungen ab.“ Aber finanzielle Hilfe sei auch bei der Caritas „eine sehr begrenzte Ressource“. Deshalb sei es wichtig und richtig gewesen, dass die Politik bei den Hilfeleistungen jetzt die Bürger vor untragbaren Kosten bewahre. „Sonst werden Menschen abgehängt und aus der Gesellschaft gedrängt“, befürchtet der Sozialberater. Die Energiepauschale von 300 Euro sei da nur ein „Tropfen auf den heißen Stein“.

Hohe Strompreise: Finanzielle Engpässe - Konflikte in Familien nehmen zu

Susanne Roller kann das nur bestätigen. Die aktuellen Entwicklung sei „eigentlich der Wahnsinn“, sagt die Sozialpädagogin der Diakonie Freising. Schon die aktuellen Stromabschlagszahlungen seien für viele unbezahlbar – und die Nebenkosten manchmal schon so hoch wie die Grundmiete. Ohne staatliche Hilfe könnte bald so mancher Bürger nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben – oder sogar seine Wohnung verlieren.

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Dabei treffe es nicht nur die Bezieher von Arbeitslosengeld II. Die Krise habe inzwischen auch Menschen erreicht, die bisher mit ihrem Einkommen ganz gut hingekommen seien. Vor allem aber die Rentner seien eine Gruppe, die ohne schnelle Hilfe „schnell hinten runterfällt“. Auch Susanne Roller hat bei vielen Menschen in Gesprächen „Angst und Verunsicherung“ gespürt. Die finanziellen Engpässe sorgten auch bereits für Konflikte in den Familien: „Es kommt immer mehr zu Spannungen.“

Gaspreisdeckel: Skepsis gegenüber „Doppel-Wumms“ von Olaf Scholz

Die Beraterin der KASA (Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit) ist noch etwas skeptisch, was den „Doppel-Wumms“ von Bundeskanzler Olaf Scholz angeht. „Das müsste jetzt wirklich sehr schnell gehen“, fordert Roller. Bevor man hier Entwarnung gebe, müsse man wohl erst abwarten, „ob die Hilfe dann auch wirklich die Menschen erreicht, die sie jetzt dringend brauchen“.

Die Diakonie könne zwar Hilfesuchende beraten, aber nicht die finanzielle Hilfe leisten, um die in die Höhe schießenden Kosten zahlreicher Haushalte zu kompensieren. Das sei nur in Einzelfällen möglich. Ohne die Spenden der Bürger, die finanziell noch Luft nach oben haben, werde die Krise wohl kaum zu bewältigen sein.

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