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„Natürlich habe ich auch Mitarbeiterinnen, bei denen während der Videokonferenz im Hintergrund die Kinder rumturnen.“ Damit stellt der Landtagsabgeordnete Johannes Becher klar, dass auch Politiker von Lockdown-Zumutungen betroffen waren. Beleg: sein Chat mit Verena Juranowitsch, Mutter dreier Kinder.

Johannes Becher im Interview

Familien und Kitas: Abgeordneter erwartet mehr Unterstützung vom Staat

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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Vom Elterngeld bis zur Kita-Öffnung: MdL Johannes Becher erwartet sich mehr staatliche Hilfe für Familien. Er weist auf besorgniserregende Tendenzen hin.

Landkreis – Die politischen Ämter von Johannes Becher haben lange Namen. Stellvertretender Vorsitzender der Kinderkommission des Bayerischen Landtags ist er und Sprecher der Grünen-Fraktion für frühkindliche Bildung. Zum Glück findet der Landtagsabgeordnete für seine Aufgaben selbst einen griffigeren Ausdruck. „Ich fühle mich als Anwalt der Kinder“, sagt der gelernte Jurist. Deshalb ist dem 31-Jährigen wichtig, dass die Kinder nicht zu den großen Verlierern der Corona-Krise werden. Im Interview berichtet er, wie er das verhindern will, was für ihn in der Krise die größten familienpolitischen Versäumnisse waren, und warum es dieeine Lösung für Familien nicht gibt.

Herr Becher, während des Lockdowns hat man viel von Lobbyisten gehört – Handel und Gastronomie, Autos, Fußball und Tourismus. Sind Eltern mit ihrer Stimme denn nicht bis zum Landtag durchgedrungen?

Doch. Ich hatte noch nie so viele Anfragen von Bürgern wie in den vergangenen Wochen. Darunter waren Kita-Einrichtungen, die nachgefragt haben, wie es denn finanziell weitergeht, aber auch zahlreiche Eltern.

„Ich bin total froh über Erfahrungsberichte von Eltern“

Dennoch wurden die Nöte von Familien in den Corona-Pressekonferenzen nur am Rande thematisiert. Sind Politiker so weit weg von der Lebensrealität von Familien?

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Ich habe aber manchmal den Eindruck, dass Politiker eher Erfahrung in privilegierten Kreisen haben und deshalb Familien übersehen, die sich in ganz anderen Lebensumständen befinden. Ich persönlich bin gerade deshalb total froh über Eltern, die mir Erfahrungsberichte schicken, weil ich es schon als schwierige Aufgabe empfinde, alle Fallsituationen von vorne herein im Blick zu haben. Wo Eltern mich um Unterstützung bitten, versuche ich zu helfen.

Gibt es Politiker im Landtag, die selbst im Homeoffice arbeiten? Die am eigenen Leib die Erfahrung gemacht haben, wie es ist, Arbeit und Kinder unter einen Hut zu bringen?

Ja, klar. Natürlich habe ich auch Mitarbeiterinnen, bei denen während der Videokonferenz im Hintergrund die Kinder rumturnen. Eine Fraktionskollegin von mir hat etwa eine Rede unterbrochen, weil sie ihr Kind versorgen musste. Und von einem Kollegen bekomme ich E-Mails zwischen 23 und 0.30 Uhr. Der kann erst zu dieser späten Stunde produktiv arbeiten, weil er nachmittags seine Kinder unterrichtet.

„Viele Familien sind am Limit“

Gutes Stichwort: Viele Eltern sind daran verzweifelt. Das ist etwas anderes als Hausaufgabenbetreuung. Kann man von ihnen tatsächlich erwarten, nebenbei zu unterrichten?

Letztlich gab es dazu – zumindest zeitweise – keine Alternative. Aber die Eltern, meist wohl die Mütter, haben eine große Leistung erbracht. Dauerhaft Kinderbetreuung und Homeschooling mit Homeoffice gut unter einen Hut zu bringen, ist definitiv nicht möglich. Es wäre weltfremd, das allzu lange von den Familien zu erwarten – wenngleich die Familien ganz unterschiedlich mit der Situation umgehen.

Inwiefern?

Aus meiner Sicht lassen sich Familien in der Pandemie in drei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe, das sind die, die den Lockdown ganz gut meistern und aus der Zeit sogar noch einen Mehrwert gewonnen haben, weil sie mehr Familie erleben konnten als sonst. Es gibt aber auch viele Familien, die am Limit sind und auch in finanzielle Nöte geraten. Das ist die zweite Gruppe, und die ist relativ groß. Dazu zählen Alleinerziehende, die Kinder und Arbeit stemmen müssen, oder Eltern, die beide arbeiten. Da schmerzt jede weitere Woche ohne Unterstützung.

Im Homeoffice mit dem Neffen: Johannes Becher (l.) mit dem einjährigen Simon, dessen erste Ansprechpartnerin aber doch die Mama bleibt.

Und die dritte Gruppe?

Da mehren sich die Anzeichen, dass es in manchen Familien auch Kindeswohlgefährdungen gibt – nicht weil die Eltern böse Menschen sind, sondern weil sie einfach massiv überfordert sind.

Welche Anzeichen?

Die Kinderschutz-Hotlines haben deutlichen Zuwachs verzeichnet. Außerdem haben einzelne Ärzte berichtet, dass zu ihnen Kinder mit Knochenbrüchen in die Praxis gekommen sind. Das zeigt: Die Situation unterscheidet sich von Familie zu Familie eklatant. Das bedeutet, dass es die eine Lösung nicht gibt, die für alle passt.

Was tun, wenn es bereits eskaliert ist?

Mein klarer Rat an die Familien: Zögern Sie nicht und holen Sie sich fachliche Unterstützung, zum Beispiel beim Jugendamt oder einer der zahlreichen Krisenhotlines! Regional gibt es bei uns von der Caritas ein Familienkrisen-Telefon, das unter der Nummer (0 81 61) 5 38 79 30 erreichbar ist. Zusätzlich besteht auch die Möglichkeit einer Online-Beratung über die gesicherte Beratungsplattform der Caritas. Beides ist anonym möglich.

„Finanzielle Unsicherheit ist immense Belastung“

Sie haben auch von wachsenden Geldsorgen in Familien gesprochen. Es gab milliardenschwere Wirtschaftssubventionen. Wäre es da nicht angebracht, Eltern, die unter finanziellen Einbußen leiden, weil sie beim Kind bleiben und weniger arbeiten können, mit einem Corona-Elterngeld zu unterstützen?

Als Grüne Fraktion setzen wir uns auf Bundesebene bereits seit April für die Einführung eines Corona-Elterngelds ein. Wir müssen uns darüber klar sein, dass neben dem Stress der Kinderbetreuung und der Unsicherheit über die berufliche Zukunft die finanzielle Unsicherheit eine immense Zusatzbelastung ist. Hier müssen wir als Staat unterstützen.

Für Familien, die am Anschlag sind, gibt es inzwischen verschiedene Betreuungsmodelle. So hat Söder in seiner Lockerungs-Pressekonferenz am 5. Mai auch erlaubt, dass sich mehrere Familien zur Betreuung von Kindern zusammentun können. Ist es richtig, dass die Idee von Ihnen stammt?

Ja, wir haben die Idee in meinem Büro-Team entwickelt. Zum einen wollten wir dazu beitragen, dass sich Eltern wechselseitig entlasten können. Zum anderen wollten wir Kindern auch die Möglichkeit geben, ihre Freunde nach dem wochenlangen Lockdown wiederzusehen. Denn Kinder brauchen Kinder. Für mich war es natürlich schön, dass der Ministerpräsident die Idee so schnell umgesetzt hat. Das bin ich als Abgeordneter der Opposition nicht gewohnt.

Bei dieser Lösung lassen sich Infektionsketten besser nachverfolgen als in der Kita-Verfolgung.

Dennoch braucht es auch die Kita. Mein Modell funktioniert bei Familien aus einem Umfeld, das sich gut kennt. Für den, der neu in einem Ort ist, dürfte die Kita vermutlich die beste Lösung sein.

„Die Krise hat gezeigt, wer wirklich unverzichtbar ist“

Allerdings dürfen noch nicht alle Kinder in die Kita. Die Notbetreuung ist nach wie vor nur für Eltern in systemrelevanten Berufen vorgesehen.

Das habe ich nie gut gefunden, weil der Beruf kein gutes Abgrenzungskriterium ist. Wer in Not ist, sollte Anspruch auf Notbetreuung haben und nicht ausgeschlossen sein, weil er zufällig den falschen Job hat. In Hamburg wurde das übrigens anders praktiziert und hat gut funktioniert, weil die Eltern während des Lockdowns sehr verantwortungsvoll mit der Möglichkeit einer Kinderbetreuung umgegangen sind.

Auf der anderen Seite konnte aber gerade auf die Kräfte in den systemrelevanten Berufen nicht verzichtet werden.

Tatsächlich empfinde ich es als eine besondere Chance, dass durch die Krise endlich deutlich geworden ist, wer wirklich wichtig und unverzichtbar ist. Und das sind nun mal vor allem soziale Berufsgruppen, die viel zu schlecht bezahlt werden angesichts ihrer Bedeutung für unsere Gesellschaft. Die Lage hat sich aber inzwischen weiterentwickelt. Die Biergärten haben aufgemacht. Die sind –auch in Bayern, zumindest offiziell – nicht systemrelevant. Der Wirt kann aber auch nur ausschenken, wenn seine Mitarbeiter für ihre Kinder eine Betreuung finden.

Würde die Kita es denn verkraften, wenn jeder Not anmeldet?

Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Aus jetziger Sicht braucht es auf alle Fälle Konzepte mit festen Gruppen, um das Infektionsgeschehen im Griff zu behalten. Realistisch betrachtet werden mit den neuesten Lockerungen ab 25. Mai sehr viele Kinder zurück in die Kitas kommen. Insofern können die von uns vorgeschlagenen Betreuungsfamilien auch eine Entlastung für die Kitas bringen. Ich habe aber auch einige Gespräche mit Professoren geführt. Demnach gibt es klare Hinweise, dass Kinder nicht die Virenschleudern sind, zu denen sie am Anfang der Corona-Krise gemacht wurden. Nach den Kita-Schließungen im März hätte es das Erste sein müssen, da nachzuforschen. Dass dies nicht gleich geschehen ist, halte ich für ein großes Versäumnis.

„Dann kann man auch die vollständige Öffnung verantworten“

Gibt es denn inzwischen Studien?

Ja, in Baden Württemberg wird dazu gerade geforscht. Es heißt, dass es schon Ende Mai die ersten kleineren Aussagen geben könnte, wie hoch die Ansteckung unter Kindern ist. So wie es aussieht, wirkt Corona nicht wie die klassische Grippe. Bei der Influenza stecken sich die Kinder tatsächlich schnell untereinander im Kindergarten an und geben es dann in der Familie daheim weiter. Corona scheint da von Kind zu Kind deutlich weniger ansteckend. Zu diesem Ergebnis ist zumindest eine Studie aus Island gekommen. Sollten das die Wissenschaftler in Baden-Württemberg bestätigen, wäre das ein großer Schritt in Richtung Normalbetrieb.

Wann, glauben Sie, können wir wieder in einen Normalbetrieb kommen?

Die Sozialministerin hat angekündigt, am 15. Juni für durchschnittlich vier Fünftel der Kinder die Kitas wieder zu öffnen, wenn sich das Infektionsgeschehen weiterhin positiv entwickelt. Ich denke, wenn man für 80 Prozent aufmacht, dann kann man auch die vollständige Öffnung verantworten. Was mir wichtig ist: Ich möchte, dass für die Mitarbeiter vom Staat kostenfrei Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel bereitgestellt werden. Ich fände es außerdem sehr hilfreich, wenn das Personal in der Kita das Recht hätte, sich einmal pro Woche auf Corona testen zu lassen. Wir können nicht jedes Risiko ausschließen, aber wir können versuchen, es so gering wie möglich zu halten.

„Kinder lernen voneinander und brauchen einander“

Jetzt haben die Grünen im Landtag selbst eine Studie zu den psychosozialen Auswirkungen der Pandemie in Familien beantragt.

Ziel ist es, besser zu verstehen, was die Maßnahmen gegen das Virus für Kinder und ihre Entwicklung bedeutet. Da geht es nicht nur um die Schließung von Schulen und Kitas, sondern auch um die Kontaktverbote und die Sperrung der Spielplätze. Kinder lernen voneinander und brauchen einander. Wenn das wochen- und monatelang plötzlich nicht mehr möglich ist, dann hat das Auswirkungen.

Begleitend zur Studie wünschen sich die Grünen ein Monitoring, um die Auswirkungen der Krise auf Kinder fortlaufend zu beobachten. Wie soll das funktionieren?

Es geht darum, die Effekte der Krise auf die Kinder wissenschaftlich zu untersuchen. Ein genaues Studiendesign muss in Kooperation mit einer Universität noch erarbeitet werden. Es wäre interessant, Kinder dauerhaft begleiten zu dürfen, um so Rückschlüsse für einen größeren Rahmen ziehen zu können.

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