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Nicht nur München hat ein Problem: Auch im Landkreis Freising sind vielerorts die Folgen von hohem Verkehrsaufkommen zu spüren.

Freising, Moosburg, Allershausen, Neufahrn

Feinstaub im Kreis Freising: Auch das Umland erstickt im Verkehr

Feinstaub, Diesel, Fahrverbot – immer ist die Rede von Großstädten. Doch wie schaut‘s in den ebenfalls extrem verkehrsbelasteteten Orten im Umland aus? Wir haben uns in Freising, Moosburg, Allershausen und Neufahrn umgehört.

Landkreis Tag für Tag wälzt sich eine stinkende Blechlawine durch Allershausen. Insgesamt 18.000 Pkw-Einheiten sind es pro Tag, und die Tendenz zeigt eindeutig nach oben. Wenn die nahegelegene Autobahn dicht ist, summiert sich das sogar noch. Seit Jahrzehnten leidet die Gemeinde unter der Belastung durch Schadstoffe. Und Bürgermeister Rupert Popp befürchtet, dass dies, mit der Inbetriebnahme der Westtangente im Jahr 2020 noch deutlich schlimmer wird: „Sowohl der Schwerverkehr als auch der normale Verkehr in Richtung Freising wird deutlich zunehmen.“

Chancen, das über eine Messung für seine Gemeinde positiv zu beeinflussen, sieht Popp nicht. Denn der Verkehr auf der Autobahn sei nun mal da, und da Allershausen eine Bedarfsumleitung der Autobahn ist, könne die Durchfahrt nicht einfach verboten werden. „Wie sollte man dagegensteuern, wenn doch die Hauptbelastung durch den Verkehr auf der Autobahn kommt?“

Rupert Popp: „Da wird schon sehr einseitig angeklagt“

Grundsätzlich beobachtet er die ganze Diskussion über das Fahrverbot für Diesel eher skeptisch. „Da wird schon sehr einseitig angeklagt“, findet er. Ein Diesel brauche durchschnittlich zwei Liter weniger Kraftstoff pro 100 Kilometer, man zahlt dafür weniger als für Benzin. „Eine echte Bewertung findet aufgrund der Sauerei, die sich so manche Autobauer da geleistet haben, nicht mehr statt. Jetzt hat man halt den Diesel in der Reißn.“

Die Messung der Feinstaub-Belastung in der Domstadt ist für den Bürgerverein Freising„kein Thema“ wie dessen Vorsitzender Reinhard Kendlbacher mitteilt: „Wir kümmern uns mit unseren Messungen darum, dass der Ultrafeinstaub endlich mehr in der Öffentlichkeit wahr- und vor allem ernst genommen wird.“ Beim Feinstaub stünden ja die Grenzwerte schon fest: „Beim Ultrafeinstaub kämpfen wir hingegen darum, dass solche Grenzwerte eingeführt werden.“

Freising: weit über 26.000 Fahrzeuge täglich

In Freising gibt es keine keine Messstelle für Feinstaubbelastung, bestätigt OB Tobias Eschenbacher: „Das Landesamt für Umweltschutz (LfU) arbeitet im Falle unserer Stadt mit Vergleichswerten, die dann umgerechnet werden“. Bezugsgröße ist dabei die LfU-Messstelle im Münchner Stadtteil Johanneskirchen: „Dort herrscht ungefähr das gleiche Verkehrsaufkommen wie in Freising“, erklärt Eschenbacher. Umgerechnet gab’s aber noch nie Überschreitungen.

Zur Verkehrsentwicklung in Freising: Allein auf der Kreuzung der FS44 (Schlüterbrücke) und der St 2350 (ehemalige B11) werden täglich über weit über 26.000 Fahrzeuge gezählt – prognostiziert sind mehr als 30.000 Fahrzeuge täglich. Ein großer Teil der Pkw und Lkw zwängt sich zudem durch die Stadt in Richtung A9. Nach Fertigstellung der Westtangente werden es zumindest rund 9000 Fahrzeuge weniger sein, die die Saar- und Johannisstraße belasten, wenn sie zur Autobahn Richtung Allershausen wollen.

Tobias Eschenbacher: „Messungen sind Sache des Landratsamts“

In den vergangenen 20 Jahren hat zudem die Belastung der Mainburger Straße enorm zugenommen: von 8200 auf 14.900 Fahrzeuge an Werktagen stieg die Kurve in der Statistik an. Ohne die Nordostumfahrung, die gerade im Bau ist, würde das tägliche Aufkommen im Osten des Stadtgebiets auf über 37.000 Autos steigen.

Ob es auch einmal in Freising eine Feinstaub-Messstelle geben wird, das liege nicht in der Hand der Stadt, sagt der OB: „Das ist Sache des Landesamts.“ Er könne sich allerdings im Zuge der immer stärker werdenden Diskussion rund ums Thema Feinstaub und die Reinhaltung der Luft „durchaus vorstellen“, dass das LfU sein Messnetz einmal ausdehnen wird.

In Neufahrn wird gerade ein Messgerät angeschafft

Die Gemeinde Neufahrn nimmt die Themen Feinstaub und Ultrafeinstaub ernst. Wie Umweltreferent Florian Pflügler (ÖDP) bestätigte, ist man gerade dabei, ein entsprechendes Messgerät anzuschaffen, um in Bälde Messungen durchführen zu können. Mit Unterstützung des Bürgervereins Freising, wie er betonte. Im Fokus steht hierbei der Ultrafeinstaub und der Flughafen als mögliche Quelle. Einzelne Messungen hätten bereits stattgefunden. Das reiche aber nicht, weil die Belastung stark von der Windrichtung abhängt. Ziel sei es, „genau nachzuweisen wie viel vom Flughafen kommt.“

Die Belastung durch Autoverkehr spielt laut Pflügler keine so große Rolle in Neufahrn. Zumindest innerorts nicht. Die größten Emissionen kommen seiner Ansicht von den Autobahnen. Hier lägen aber keine spezifischen Neufahrner Werte vor. Pflügler hält die Belastung durch den Flugverkehr für viel gefährlicher. Im Gegensatz zu Autoabgasen könne „der Staub vom Flugverkehr sogar ins Blut gelangen.“ Auch Bürgermeister Franz Heilmeier ist dahinter: „Die Gemeinde Neufahrn unterstützt den Bürgerverein bei seinen Messungen, um das Ausmaß und die Auswirkungen der Feinstäube und Ultrafeinstäube vertieft untersuchen zu können. Je fundierter diese Untersuchungen sind, desto besser“.

Moosburgs dritter Bürgermeister ist selbst aktiv geworden

„Mir sind keine Feinstaubmessungen in Moosburg bekannt“, sagt Michael Stanglmaier, Umweltreferent und 3. Bürgermeister. Dass man in der Dreirosenstadt demnächst allerdings trotzdem eine Vorstellung davon bekommt, wie stark die Innenstadt von Abgasen belastet ist, liegt am Einsatz des Grünen-Stadtrats: „Die Deutsche Umwelthilfe hat vergangenes Jahr 500 Gemeinden kostenlose Stickoxid-Messungen angeboten. Ich habe mich für Moosburg beworben.“ 

Und tatsächlich: Stanglmaier bekam den Zuschlag von der DUH, und so wurden im Februar 28 Tage lang Messröhrchen an mehreren Stellen der Altstadt installiert. „Dadurch kann der Durchschnittswert errechnet werden. Was man nicht bekommt, sind die Tages-Spitzen“, sagt Stanglmaier.

Michael Stanglmaier: „Mobilität der Moosburger muss sich grundlegend wandeln“

Weil zwischen Stickoxiden und Feinstaub ein direkter Zusammenhang bestehe, erhalte die Stadt im Zuge der Messungen also auch eine ungefähre Ahnung vom Feinstaub-Status. Er erwarte die Ergebnisse nach Ostern und wolle sie dann seinen Kollegen im Stadtrat und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. „Wir werden sehen, was dabei rauskommt – eventuell sind dann weiterführende Messungen nötig.

Aus Sicht des dritten Bürgermeisters müsse sich die Mobilität der Moosburger grundlegend wandeln. „Die meisten Leute sind sich einig, dass in der Stadt eine zu hohe Verkehrsbelastung herrscht. Wir diskutieren seit Jahrzehnten darüber, ohne dass groß was passiert ist.“

Seiner Meinung nach müssten deshalb endlich der Radverkehr und der Stadtbus gestärkt werden. Stanglmaier: „Es gibt in Deutschland und weltweit gute Beispiele, wie Städte durch Verkehrsberuhigung attraktiver gestaltet werden können.“

von Armin Forster, Wolfgang Schnetz, Alexander Fischer und Andrea Beschorner

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