Die erste FSM-Fraktion 2011
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Die erste FSM-Fraktion 2011: (v. l.) Maria Lintl, Tobias Eschenbacher, Hans Hölzl, Ricarda Schindler, Florian Notter, Reinhard Fiedler, Ludwig Kropp, Anton Frankl und Oliver Pflüger.

„Heiße Zeit“

Als es zur Spaltung der Freisinger CSU kam: Vor zehn Jahren wurde die FSM gegründet - Akteure blicken zurück

  • Andreas Beschorner
    VonAndreas Beschorner
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Am 1. September 2011 ließen acht CSU-Stadträte die Bombe platzen und gründeten eine neue Gruppierung: die FSM. Noch immer knabbern einige Akteure daran.

Freising – Es war sein Geburtstag. Sein vierunddreißigster. Und den wird Tobias Eschenbacher nie vergessen. Denn als am 1. September 2011 in einem Bericht des Freisinger Tagblatts zu lesen ist, dass sich acht CSU-Stadträte von der Fraktion losgesagt haben, bricht über Eschenbacher und seine Mitstreiter die mediale Flut herein. Das Nachrichtenmagazin Focus, der BR, die Zeit – alle stürzen sich auf diese Nachricht.

„Das war Wahnsinn“, erinnert sich Eschenbacher, heute bekanntlich Oberbürgermeister der Stadt Freising. Völlig überrascht von diesem Medienhype war auch Florian Notter – damals Stadtrat, dann der Gründungsvorsitzende der FSM und heute Stadtarchivar: „Ich dachte, das wird in der lokalen Presse nur ein paar Tage Thema sein.“ Eine Fehleinschätzung, wie sich zeigte. Aber klar: Es war die Zeit, als der Startbahn-Widerstand seinen Höhepunkt erreicht hatte. Die CSU stand nicht gerade gut da.

Eigentlich wollte der spätere OB schon aus der Politik aussteigen

Nicht der alleinige Anlass und auch nicht der Beginn dieser Entwicklung in der Freisinger Parteienlandschaft, aber ein wichtiges Datum ist der 7. Juli 2011: Da wird in der Luitpoldhalle Rudolf Schwaiger mit 124 Stimmen zum OB-Kandidaten der CSU Freising gekürt, sein Mitbewerber Eschenbacher erhält 95 Stimmen. „Enttäuscht“ sei er damals gewesen, sagt Eschenbacher. Aber den Gedanken, Fraktion und Partei den Rücken zu kehren, hatte er da noch gar nicht.

Das habe sich erst in den Wochen danach entwickelt. Da habe es dann die eine oder andere Auseinandersetzung gegeben, „ein paar unschöne Sachen“ seien passiert. Es sei ernüchternd gewesen, wie dann mit ihm umgegangen worden sei. Eschenbacher gesteht, dass er im August 2011 der Meinung war, er bringe sein Stadtratsmandat (Eschenbacher war Fraktionschef der CSU) noch bis 2014 zu Ende, steige dann aus der Politik und aus der CSU aus. Doch es kam anders. Ganz anders.

„Wir haben alle Mut bewiesen“, meint der FSM-Gründungsvorsitzende

Es setzt das ein, was Eschenbacher und Notter „Dynamik“ nennen. Als er nämlich der Fraktion seine Überlegungen eröffnet, so erinnert sich Eschenbacher, stellt er fest, dass er mit seiner Unzufriedenheit nicht allein ist. Auch Notters erste Gedanken nach den Ereignissen in den Wochen nach dem 7. Juli waren, dass er 2014 nicht mehr kandidieren werde. Doch dann habe sich gezeigt, dass es manch anderem in der Fraktion auch so ging, dass der Ärger noch dazu generationenübergreifend war.

„Das war das gruppendynamischste Erlebnis meines Lebens“, beschreibt Notter heute, wie es vor zehn Jahren ablief. Vor allem: „Wir haben alle Mut bewiesen, weil wir ja unsere Mandate riskiert haben“, so Notter. Denn kaum jemand habe damals geglaubt, dass man bei der nächsten Kommunalwahl 2014 einen Erfolg einfahren könne. Auch das kam anders, wie man heute weiß.

Die Abkehr von der CSU wäre auch ohne OB-Kandidatenkür passiert

Als dann am Abend des 31. August der damalige CSU-Stadtrat und -Ortsvorsitzende Erich Irlstorfer das Tagblatt von der Spaltung der Fraktion unterrichtet, fühlen sich Eschenbacher, Notter & Co. unter Druck gesetzt. „Wir mussten handeln und Nägel mit Köpfen machen“, so Eschenbacher. Deshalb bestätigt man die Spaltung, der auch der Austritt von fünf Stadträten aus der CSU folgte. Am 1. September brach der mediale Sturm los.

Dass man damals die Fraktion verließ, sei wahrlich nicht nur auf die für Eschenbacher verlorene Kandidatenkür der CSU zurückzuführen gewesen, betonen der heutige OB und Stadtarchivar Notter. „Das war schon komplexer als nur die OB-Entscheidung“, so Notter. Er habe „schon lange mit der CSU gehadert“ – nicht nur wegen der dritten Startbahn. Die Abkehr von Fraktion und CSU wäre auch ohne OB-Kandidatenkür passiert, ist sich Notter sicher.

CSU-Bundestagsabgeordnete spricht von abgekartetem Spiel

Erich Irlstorfer, heute bekanntlich CSU-Bundestagsabgeordneter, erinnert sich auch noch gut an die „heiße Zeit“. Er habe alles versucht, um das „Duell“ zwischen Schwaiger und Eschenbacher zu verhindern, einen Riss durch Partei und Fraktion zu vermeiden. Sogar die Bewerbung als Bundestagskandidat für das Jahr 2013 habe er für denjenigen in Aussicht gestellt, der auf eine Kandidatur verzichte. Umsonst. Nach der Ernennung Schwaigers – und auch schon vorher – habe man dann vereinbart, dass der Unterlegene den Sieger unterstützen werde. Schließlich habe man das gemeinsame Ziel verfolgt, den OB-Sessel erstmals überhaupt für die CSU zu erobern.

Dass es dazu nicht kommt, dass sich acht Stadträte abkehren, das bezeichnet Irlstorfer heute wie damals als „klaren Wortbruch“ – initiiert weniger von Eschenbacher selbst als von dessen Umfeld. Irlstorfer glaubt, das alles sei vorher schon „abgekartet“ gewesen. Auf jeden Fall sei diese Zeit „sehr belastend und garantiert nicht vergnügungssteuerpflichtig“ gewesen, erinnert sich Irlstorfer.

Da jubelten sie noch (v.l.): Florian Herrmann, Rudolf Schwaiger und Erich Irltstorfer, doch die Kür des OB-Kandidaten wurde der CSU zum großen Verhängnis.

Schon allein deshalb, weil bei der Kandidatenkür, einem Hochfest der Kommunalpolitik, zum Einzug der Gladiatoren „Highway to Hell“ von AC/DC gespielt wurde. Manch ein CSUler habe daraufhin seinen Parteiaustritt erklärt, weil eine christliche Partei nichts mit der Hölle zu tun haben dürfe, erzählt Irlstorfer. Immerhin: Von einem „psychotischen Massenselbstmord“, wie der damalige CSU-Kreisvorsitzende und heutige Staatsminister Florian Herrmann den Ausstieg der acht CSU-Stadträte bezeichnete, spricht Irlstorfer nicht.

Peinliche Begegnungen auf dem Volksfest

Pikant damals: Kurz nachdem die Bombe geplatzt ist, wird das Volksfest eröffnet –traditionell beim Anstich ein Schaulaufen der kommunalen Politprominenz. Da hätten „beide Seiten schon etwas peinlich berührt nebeneinander gestanden“, erinnert sich Eschenbacher, die „Abtrünnigen“ hätten auch an einem eigenen Tisch Platz genommen. Beim Volksfestrundgang am ersten Volksfestsamstag dann die Überraschung: Viele Leute gratulieren ihm und klopfen ihm auf die Schulter.

Den nächsten Schritt macht die FSM, die sich am 27. September gründet, am 27. Oktober: Da küren die Mitglieder des Vereins mit 50 von 50 Stimmen Tobias Eschenbacher zu ihrem OB-Kandidaten für die Wahl 2012. So sehr das in der Öffentlichkeit erwartet worden war, so selbstverständlich sei das nicht gewesen. „Wir haben überlegt, ob wir überhaupt am Wahlkampf teilnehmen sollen. Wir dachten, wir hätten eh keine Chance, haben uns dann aber dazu entschlossen, um den Namen FSM bekannt zu machen“, erzählt Eschenbacher. Man habe ihn eher als „A-dabei-Kandidaten“ gesehen.

„Wir haben immer noch daran zu knabbern“

Doch es kam wieder anders. Ganz anders. Eschenbacher setzt sich in der Stichwahl gegen Sebastian Habermeyer von den Grünen durch, kann 2020, acht Jahre später, sein Amt deutlich und klar im ersten Wahlgang verteidigen. Und die FSM wird 2014 mit elf Sitzen stärkste Fraktion, die CSU bekommt gerade noch sechs Sitze.

Das Fünfjährige: FSM-Kuchen für alle verteilte im Oktober 2016 Vorsitzender Patrick Romer (M.): „Was wir geschafft haben, ist wirklich toll“, hieß es damals.

Und 2020: Wieder wird die FSM mit elf Sitzen die stärkste Gruppierung, die CSU sackt weiter ab auf vier Sitze. Es ist das, was Irlstorfer so beschreibt: „Wir haben noch immer daran zu knabbern.“ Denn wenn man beide Gruppierungen, die doch inhaltlich viel gemeinsam hätten, zusammenzählen würde, so hätte man mit 15 Stadträten doch „eine schöne Fraktion“. So weit geht die Liebe zwar dann doch nicht, aber Eschenbacher schildert, dass man nach der Trennung „relativ schnell wieder auf sachlicher Ebene zusammengefunden“ habe. Vor allem Schwaiger sei bei bestimmten Themen „eine große Stütze im Stadtrat“.

FSM profitiert davon, dass ihr „kein parteipolitischer Makel“ anhaftet

Das Erfolgsgeheimnis der FSM, die auch im Kreistag mit sieben Sitzen vertreten ist, sieht Eschenbacher unter anderem darin, dass sich ganz viele Menschen über alle Schichten und politische Richtungen einbringen, dass man offenbar in Freising eine Gruppierung brauchte, der „kein parteipolitischer Makel“ anhaftet. Notter sieht als Faktoren für den Erfolg zum einen OB Eschenbacher als „eine extrem starke Figur und integre Persönlichkeit an der Spitze“, zum anderen eine ruhige, sachliche, seriöse und „möglichst wenig populistische“ Arbeitsweise.

Damals, vor zehn Jahren, sei die Kommunalpolitik in Freising eben eine „total eingefahrene Sache“ gewesen, viele Entscheidungsprozesse seien stets gleich abgelaufen. Das habe die Leute offenbar „angeödet“. Denn in der Demokratie sei es notwendig, dass sich auch mal etwas bewegt.

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