heruntergekommenes Zimmer
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Zehn Quadratmeter für fünf Menschen: Hier, in einem heruntergekommenen Freisinger Gebäude, „wohnte“ Abdel (Name geändert) mit seinen vier Kindern über Monate hinweg. Einen Herd, gar eine Küche, gab es nicht. Der Vermieter verlangte für den kleinen Raum 600 Euro. 

Familie findet neues Zuhause

Zu fünft auf zehn Quadratmetern: Hilfsbereitschaft rettet Vater vierer Kinder aus prekärer Wohnsituation

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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In einem 10-Quadratmeter-Loch musste ein alleinerziehender Vater mit seinen vier Kindern „wohnen“. Doch dann gab es unfassbare Hilfe von unerwarteter Seite.

Freising – Das Schicksal dieser Familie hat vor einem Jahr etliche FT-Leser bewegt: Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände war der alleinerziehende Vater Abdel (Name geändert) gezwungen, sich mit seinen vier Kindern in ein Zehn-Quadratmeter-Loch zu pferchen, für das der Vermieter dem 52-Jährigen obendrein noch 600 Euro Monatsmiete abgepresst hat. Als Reaktion auf die Berichterstattung in unserer Zeitung entstand im Dezember 2019 eine unfassbar große Hilfswelle, die unter anderem dazu geführt hat, dass die Familie provisorisch in einer deutlich größeren Wohnung unterkam – ohne Miete zahlen zu müssen. Jetzt sind die fünf in ihrem neuen Zuhause angekommen – ein Happy End nach langer Leidenszeit.

Abdel, 52, deutscher Staatsbürger, kam 2002 mit seiner Frau nach Freising. Ein junges Paar aus dem Nahen Osten, das hier Arbeit fand und eine große Familie gründete. Alle vier Kinder, inzwischen 11 bis 15 Jahre alt, wurden hier geboren. Doch dann überschattete der Krieg in der Heimat das Familienglück. Bei einer strapaziösen Reise zu Verwandten in ein Kriegsgebiet wurde die Mutter so traumatisiert, dass in der Folge auch die Ehe zerbrach. Abdel kümmerte sich fortan allein um die Kinder. 2016 zogen die fünf zu Verwandten nach Kiel, weil er sich dort Unterstützung erhoffte. Doch das Heimweh trieb die Familie zurück in die Domstadt.

Die Familie wird auf zehn Quadratmetern gepfercht

Tatsächlich gelang es ihm, eine Wohnung in Freising aufzutreiben, die groß genug für ihn und die Kinder war. Zumindest schien es so. Mit dem Vermieter einigte er sich auf einen Einzug im August 2019. Aufgrund der langen Wegstrecke zwischen Kiel und Freising verzichtete Abdel darauf, im Vorfeld einen Mietvertrag zu unterschreiben – ein großer Fehler. Denn kurz vor knapp machte der Vermieter einen Rückzieher. Da aber hatte Abdel die Kieler Wohnung schon gekündigt. Unumkehrbar. „Eigentlich mache ich keine Dummheiten“, sagte Abdel damals dem FT. Vielleicht sei er naiv gewesen. Aber: „Für mich ist ein Wort ein Vertrag.“

Aus der Not heraus nahm Abdel das „Hilfsangebot“ des verhinderten Vermieters an: Der hatte ihm ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer ohne Küche oder Herd in einem Haus offeriert, das von oben bis unten sanierungsbedürftig ist, und dafür monatlich 600 Euro genommen.

Abdel wandte sich hilfesuchend an die Stadt. Doch die konnte ihm nicht helfen – zumindest nicht sofort. Denn auch Sozialwohnungen sind hart umkämpft, wie Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher damals auf FT-Nachfrage klarstellte. Das sei keine Situation, die man einer Familie mit vier Kindern wünsche, sagte er zum Fall Abdel. „Wir haben aber mehrere Fälle, die sich seit einem Jahr oder mehr in prekären Situationen befinden. Denen ist es schwer zu vermitteln, dass sie von jemandem anderen auf der Warteliste überholt werden, der in Kiel seine Zelte abgebrochen hat, ohne einen Mietvertrag in der Tasche zu haben.“

Immobilienbesitzer macht unfassbares Angebot

Die Hilfe kam dann aus der Bevölkerung, und sie war überwältigend. Menschen kochten für die Familie, spendeten Geld, verschenkten Gutscheine für Spielwaren. Und ein Immobilienbesitzer trommelte Handwerker zusammen, um eine ihm gehörende baufällige Wohnung in Freising so herzurichten, dass sie für die Familie nutzbar war. Die Firmen, die bei der Sanierung halfen, verlangten kein Geld. Auch der Hausbesitzer, der anonym bleiben wollte, wollte keine Miete.

Dank der Hilfsbereitschaft vieler Menschen konnte Abdel das Zehn-Quadratmeter-Loch verlassen und mit seinen Kindern in ein größeres Provisorium ziehen. Von dem neuen Zuhause, in dem seine Familie seit Herbst lebt, hat das FT aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Kinder kein Foto gemacht.

Anfang 2020 konnte Abdel die Wohnung mit seiner Familie beziehen. 60 Quadratmeter – nicht gerade üppig für fünf Personen, aber der Vater fand: „Für mich und meine Kinder ist das wie ein Palast.“ Erst recht, als Corona und der Lockdown kamen. „In dem kleinen Zimmer hätten wir das nicht überstanden“, sagt Abdel heute. Die damalige Hilfswelle hat ihm den Glauben an die Menschheit zurückgegeben. „Es gibt schlimme Leute, aber noch viel mehr gute Leute.“

Die Kinder haben vor Glück getanzt

Das Happy End kündigte sich im Sommer 2020 mit einem Klingelton an. Die Stadt Freising teilte Abdel telefonisch mit, dass eine Sozialwohnung für ihn frei werde. 95 Quadratmeter, vier Zimmer. Die Miete: nicht viel höher als der Preis des Zehn-Quadratmeter-Lochs. Als der Vater seinen Kindern die frohe Kunde mitteilte, war die Freude riesengroß. „Sie haben getanzt vor Glück.“

Seit September wohnt die Familie nun in ihrem neuen Zuhause. Es ist ein ganz anderes Lebensgefühl, sagt Abdel: „Meine Kinder können jetzt endlich Freunde zu sich nach Hause einladen, ohne sich schämen zu müssen.“

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