Konsumverhalten von Kindern
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Wie das Taschengeld bis zum Ende des Monats reicht, ist nur eine Frage, mit der sich Schüler im Fach Alltagskunde auseinandersetzen.

„Da ist die Mittelschule ihrer Zeit voraus“

Alltagskunde im Unterricht: Expertin erklärt, was Gymnasien von Mittelschulen lernen können

  • Magdalena Höcherl
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Alltagskunde soll künftig an Grund- und weiterführenden Schulen unterrichtet werden. Angela Flohr, Seminarrektorin aus Freising, sagt: „Da können sich die Schulen eine Scheibe von der Mittelschule abschneiden.“

Freising – Wie funktioniert gesunde Ernährung? Wie arbeitet ein Landwirt? Und wie reicht das Taschengeld bis zum Ende des Monats? Solche Fragen aus dem Bereich Alltagskunde sollen künftig in den bayerischen Schulen beantwortet werden – im Rahmen von zwei Projektwochen. Diese sind an Grund- sowie weiterführenden Schulen geplant. Dafür schade es nicht, einen Blick in die Mittelschulen zu werfen, findet Angela Flohr (45). Sie ist als Seminarrektorin für die Ausbildung der Mittelschullehrkräfte in den Landkreisen Freising und München zuständig und betont: „Was Alltagskompetenzen angeht, können sich die anderen Schulen eine Scheibe von der Mittelschule abschneiden.“

Alleinstellungsmerkmal im deutschen Schulsystem

Die Projektwochen werden im Rahmen des Artenschutz-Versöhnungsgesetzes zugedacht: Die Landfrauen haben schon 2013 angeregt, das Fach „Lebensku

Bricht eine Lanze für die Mittelschule: Seminarrektorin Angela Flohr.

nde“ einzuführen. Die Diskussion gibt es schon länger: Vor fünf Jahren verbreitete sich der Twitter-Post einer Kölner Schülerin in den Sozialen Medien: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ Seitdem gibt es auch aus der Bevölkerung immer wieder Vorstöße, Alltags-Themen im Unterricht zu behandeln.

„Da ist die Mittelschule ihrer Zeit voraus“, sagt Angela Flohr. Mit dem Fokus auf Berufsorientierung und Alltagskompetenzen hätten diese Einrichtungen, die in der allgemeinen Diskussionen neben Gymnasium und Realschule oft vernachlässigt würden, bislang ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Schulsystem. „Unsere Schüler haben von Anfang an das Fach Wirtschaft im Beruf, kurz WiB, in dem alle Kompetenzen, über die jetzt diskutiert wird, vermittelt werden.“ Ein Blick auf den Lehrplan zeigt: Bereits in der fünften Jahrgangsstufe stehen zum Beispiel die Themen Konsumverhalten, der Umgang mit Geld, Rechtliches zu Handyverträgen und Internetgeschäften, Technik ganz praktisch, aber auch Hausarbeit, Ernährung und Gesundheit auf dem Programm. „Fachlehrerkollegen bilden die Schüler in diesen Bereichen perfekt aus“, so Flohr.

„Alltagskompetenzen gehören im Alltag geschult“

Hinzu komme der starke Bezug zum praxisorientierten Lernen und Arbeiten. Oftmals würden Experten in die Klassen kommen. „Sprechen wir zum Beispiel über Frühverschuldung, laden wir einen Bänker ein.“ Der Unterricht finde nicht nur im Klassenzimmer statt, sondern auch an außerschulischen Lernorten, sagt Flohr: in örtlichen Betrieb, einer Bäckerei, im Rathaus, in der Kläranlage. Zudem absolviere jeder Mittelschüler mindestens drei Praktika, um den Berufsalltag kennenzulernen.

„Alltagskompetenzen gehören im Alltag geschult“, sagt die Seminarrektorin. „Wenn das Elternhaus das nicht mehr leisten kann, muss die Schule einspringen.“ Deshalb ist in ihren Augen auch ein Schullandheimaufenthalt – schon in der Grundschule – notwendig. „Hier geht es um Fähigkeiten wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Auch das Benehmen bei Tisch spielt eine Rolle.“ Lauter Kompetenzen, die für das soziale Zusammenleben unabdingbar seien.

„Wir kennen die Kinder zu 100 Prozent“

Ein Vorteil der Unterrichtsstruktur an Grund- und Mittelschulen sei das Klassleiterprinzip: Eine Klasse wird in nahezu allen Fächern von einer Lehrkraft betreut. „Wir kennen die Kinder zu 100 Prozent.“ Die Arbeitsweise und das Schüler-Lehrer-Verhältnis sei so ganz anders als bei stetem Wechsel.

Mittel-, aber auch Grundschulen würden bereits zahlreiche der nun geforderten Alltagskompetenzen vermitteln. Deshalb ärgert sich Flohr umso mehr, dass diesen oft sogar noch Steine in den Weg gelegt würden. Den Schullandheimaufenthalt etwa müssten Lehrer oftmals aus eigener Tasche bezahlen. „Es ist nicht förderlich, finanzielle Töpfe zu schließen und Grundschullehrer gleichzeitig zu einer Stunde mehr zu verpflichten“, sagt Flohr. „Das kann nicht sein.“

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