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„Dann wanderte seine Hand unter die Decke“: Der frühere Domspatz Alexander Probst in Freising.

Erschütternde Erinnerungen

„Als blonder, zarter Junge damals sehr gemocht“: Regensburger Domspatz berichtet von Missbrauchs-Jahren

Alexander Probst erlebte bei den Regensburger Domspatzen die Hölle auf Erden. In der Grundschule kam die Gewalt, im Gymnasium der sexuelle Missbrauch. In Freising packt er aus.

Freising – Das Entsetzen im Raum war spürbar, obschon die Zuhörer mit dem Thema bei ihrer Arbeit immer wieder konfrontiert werden: Zum Fachtag „Sexualisierte Gewalt“ kamen Fachkräfte der Jugendhilfe aus ganz Bayern ins Freisinger Landratsamt – und hörten zunächst Alexander Probst zu. Der ehemalige Chorjunge der Regensburger Domspatzen berichtete von den Erlebnissen seiner Kindheit.

Berichte, die die Zuhörer sichtlich erschütterten. „Alexander, du hast nicht aufgepasst“, habe es in der Vorschule der Regensburger Domspatzen geheißen, in die er mit acht Jahren kam. „Dann hat der Lehrer meinen Kopf zur Seite gelegt und mir eine gedonnert, dass du denkst, du fliegst davon.“ Dabei habe er sich erst „wahnsinnig gefreut“, aus seinem Elternhaus wegzukommen, in dem ebenfalls Gewalt an der Tagesordnung war. 

„In der Schule wurde gesagt, du wirst etwas Besonderes – aber nach drei Tagen war meine Freude weg. Es herrschten Regeln, wie ich sie später nicht mal bei der Bundeswehr erlebt habe“, sagte der Referent. „Um sechs Uhr morgens hatten wir in Zweierreihen dazustehen und die Erwachsenen schauten nach, ob alles sauber sei, auch im Genitalbereich. Wir wussten ja nicht, was diese Körperbereiche für Erwachsene bedeuten.“

Nach Schlägen floss Blut aus Nase und Ohren der Kinder

Freundschaften zwischen den 120 Jungen wurden verhindert, Kinder isoliert durch den strikt einzuhaltenden Tagesablauf. Bei einigen Vorschülern sei nach den Schlägen Blut aus Nase und Ohren geflossen. Prügelattacken im Schlafsaal durch den Direktor und den Präfekten wurden totgeschwiegen. Und wenn Eltern sich beschwerten, dann hätte die Schule von Verleumdungen gesprochen und mit Rausschmiss gedroht, so Probst.

Am Gymnasium habe es dann statt Prügel sexuelle Übergriffe gegeben, wie Probst berichtete. „Ich war damals ein blonder, zarter Junge– der von einigen Herrschaften sehr gemocht wurde. Leider. Ein Präfekt saß jeden Abend, wenn er Dienst hatte, an meinem Bett und dann wanderte seine Hand unter die Decke.“

Kinder könnten nicht differenzieren, mahnte der Referent. „Da wird etwas gemacht, was du eigentlich nicht willst. Aber irgendwie ist es auch spannend, wenn etwas mit dem Körper passiert. Das ist in dem Alter ja ganz neu.“

Der Vater holte ihn aus der Hölle - das Beste, was er je für den Sohn tat

Schließlich vertraute er sich seinem Vater an, obwohl er auch im Elternhaus Geringschätzung erfuhr. Es sei eine „Übersprungshandlung“ bei einer Autofahrt gewesen, als er seinem Vater von den Vorfällen bei den Regensburger Domspatzen erzählte. 

Der Vater machte kurzen Prozess und holte seinen Sohn aus dem Gymnasium. „Es war das Beste, was er als Vater für mich getan hat. Da war ich endlich frei“, so Probst, der vor acht Jahren an die Öffentlichkeit ging. 

„2010 wurde mir noch mitgeteilt ich sei ein Einzelfall. Und ich dachte mir, das ist wie damals. Die versuchen dich klein zu halten.“ Probst kämpfte weiter. „Und 2016 waren es dann plötzlich über 500 Einzelfälle, die bekannt wurden.“

Er habe mittlerweile seinen Frieden gemacht, sagte der 58-Jährige. Man könne die Geschehnisse nicht für alles im Leben verantwortlich machen. „Aber ich kenne viele, die heute noch darunter leiden.“

„Wir müssen unsere Kinder vor solchen kranken Menschen schützen“, so sieht es der Betroffene Alexander Probst. „Aber es gibt auch Überprävention. Es gibt Menschen, die dich nur in den Arm nehmen – und sonst nichts. Das sollte man Kindern nicht nehmen.“

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Im Juli vergangenen Jahres hatte der zur Aufarbeitung des Missbrauchskandals bei dem Knabenchor eingesetzte Rechtsanwalt Ulrich Weber seinen Abschlussbericht vorgelegt. Demnach wurden bei den Domspatzen über die Jahrzehnte insgesamt 547 Kinder Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt.

Trotz der schockierenden Einblicke in den Missbrauchsskandal sah sich Ex-Kardinal Gerhard Ludwig Müller zu Unrecht kritisiert - er wies den Vorwurf zurück, die Aufklärung verschleppt zu haben.

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