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Verseuchte Forellen sorgen in Freising derzeit für Wirbel. Das Foto zeigt eine Regenbogenforelle, die aus der Isar gefischt wurde (Symbolfoto).

„Malachitgrün“ kann krebserregend sein

Skandal weitet sich aus: In weiterem Fluss verseuchte Fische aufgetaucht

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In Freising sind Speisefische mit Malachitgrün verunreinigt worden. Doch nun weitet sich der Skandal um die verseuchten Fische aus.

Update vom 14. März 2019: Der Skandal um Malachitgrün belastete Fische im Landkreis Freising weitet sich aus. Auch in der Isar befinden sich Forellen, die mit dem für Speisefische verbotenen Arzneimittel behandelt wurden. Der Anglerverein Moosburg hatte die Fische in dem Zuchtbetrieb gekauft, der sich auch im Fokus der Staatsanwaltschaft befindet. Die Fischer haben nun Alarm geschlagen. Ihre Erkenntnis: Nicht das Wasser ist verseucht, sondern nur die Forellen, die mutmaßlich aus dem verdächtigen Fischereibetrieb stammen.

Verunreinigte Fische in Freising: Verein kaufte Fische bei Zucht

Wie Hartl berichtet, kauft sein Verein seit 2015 bei diesem Betrieb Fische ein, die in den acht Kilometer langen Isar-Abschnitt zwischen Hangenham und Oberhummel eingesetzt werden. „Zum letzten Mal haben wir bei dem Züchter am 22. September 2018 450 Forellen eingekauft.“ Doch erst Ende Januar war der Verein vom Landratsamt Freising informiert worden, dass es da möglicherweise ein Problem gebe mit dem Wasser in der Moosach.

Wie berichtet, hatte die Behörde Proben des Flusses genommen und in Sedimenten eine Belastung festgestellt. „Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit kann nicht sicher ausschließen, dass der im Sediment befindliche Gehalt an Malachitgrün und Leukomalachitgrün von den dort lebenden Fischen aufgenommen wird“, heißt es in dem Schreiben, das dem FT vorliegt. „Für mich war das alles sehr vage formuliert“, sagt Hartl. „Keine Rede von einem Zuchtbetrieb. Auch keine Rede davon, dass die Staatsanwaltschaft bereits ermittelt.“ Die Alarmglocken schrillten bei ihm in diesem Moment noch nicht. Schließlich war von der Isar keine Rede. „Doch dann habe ich in einem Podcast im BR gehört, um welchen Fischzüchter es da gehen soll.“

Fische aus Isar waren schwer mit Leukomalachitgrün belastet

Hartl wurde sofort aktiv. In der Tiefkühltruhe hatte er noch zwei Regenbogenforellen, die er aus dem betroffenen Isarabschnitt gezogen hatte. Und weil Forellen „standorttreu“ sind, ist er sich nahezu sicher, dass die Fische mit den in Freising gekauften identisch sind. Die brachte er zum Tiergesundheitsdienst Bayern nach Grub bei Poing. Das schockierende Ergebnis, das dem FT vorliegt: Beide Fische waren mit 332 Mikrogramm Leukomalachitgrün pro Kilo schwer belastet. „Wenn man bedenkt, dass dieses Arzneimittel seit 2004 für Speisefische verboten ist, weil es krebserregend sein könnte, und wenn man bedenkt, dass daher eine Null-Toleranz besteht, ist das ein sehr hohes Messergebnis“, stellt Hartl klar. Auch der Arzt im Labor sei über den Wert erschrocken gewesen. Zugleich hat der Anglerverein einen Weißfisch, einen sogenannten Aitel, zur Untersuchung gebracht, der in der Moosach geboren und aufgewachsen war. Dieser Fisch wies überhaupt keine Belastung auf. Damit steht für Hartl fest: „Die Fische sind nicht über das Wasser verunreinigt worden, sondern wurden direkt mit dem verbotenen Mittel behandelt.“

Fischer zu spät informiert: „Seit Oktober essen wir diese belasteten Fische“

Umso verärgerter ist der Vorsitzende, dass die Fischer vom Landratsamt nicht nur vage, sondern auch „viel zu spät“ informiert wurden – nach der Saison. Hartl: „Im Klartext: Seit Oktober essen wir diese belasteten Fische.“

Florian von Brunn,

Verbraucherschutz-Experte aus Reihen der SPD, der das Landratsamt schon in der vergangenen Woche scharf angegriffen hat

 

(Merkur.de*)

, fordert nun weitergehende Untersuchungen von wild lebenden Fischen. Tatsächlich teilte das Landratsamt Freising am späten Nachmittag mit, dass am Donnerstag und Freitag Wildfischbeprobungen in der Moosach durch die Fischereifachberatung des Bezirks Oberbayern durchgeführt werden. Gegebenenfalls müssten Angelverbote ausgesprochen werden, forderte von Brunn weiter. Davon allerdings hält Hartl nichts. „Das ist Blödsinn.“ Schließlich rühre die Belastung nicht vom Wasser her. „Dank unserer Eigeninitiative steht fest, dass es sich bei den belasteten Fischen um eingesetzte Forellen handelt.“

FW-Abgeordneter: „Grenzt an Panikmache“

Kritik an dem Vorgehen des SPD-Politikers gab es auch von Benno Zierer. „Das grenzt an Panikmache“, erklärte der FW-Abgeordnete aus Freising. Zugleich kritisiert er das Landratsamt. Aus seiner Sicht hätte die behörde die Anglervereine wesentlich früher informieren müssen. Zierer schlägt einen runden Tisch mit Behörden und den Fischereiberechtigten an Moosach und Isar vor. Außerdem müsste schnellstmöglich aufgeklärt und öffentlich gemacht werden, wer für die Malachitgrün-Belastung verantwortlich sei, und welche Betriebe ohne eigenes Verschulden betroffen waren. „Es gibt Fischzüchter, die völlig unverschuldet unter Verdacht geraten sind – entweder weil sie am selben Gewässer liegen, oder weil sie Fische zugekauft haben“, betont Zierer. „Diese Betriebe gilt es jetzt zu schützen – genauso wie Verbraucher und Angler.“

Landrat verteidigt Mitarbeiter

Landrat Josef Hauner verteidigte im Rahmen einer Versammlung das Vorgehen seiner Mitarbeiter, die „verantwortungsvoll und umsichtig“ gehandelt hätten. Seine Behörde hatte darauf verwiesen, dass für Verbraucher keine Gesundheitsgefahr bestanden hätte. „Was hätte es gebracht, die Öffentlichkeit zu informieren?“ In einer Stellungnahme teilte das Amt weiter mit, dass die gesetzlichen Voraussetzungen gar nicht vorgelegen hätten, um die Bevölkerung aufzuklären. Und warum wurden dann die Betriebe gesperrt? „Weil die Fische zwar nicht als gesundheitsschädlich, aber nicht mehr als verkehrsfähig galten“, lautet die Antwort. 

Allerdings wirft eben diese Stellungnahme eine weitere Frage auf. Darin heißt es, dass das Amt die Sperrungen anordnete, nachdem man in den beprobten Fischen der Betriebe auf die Belastung gestoßen war. Warum aber wurde diese Information so nicht an die Fischer weitergegeben, sondern stattdessen in dem Schreiben an die Vereine nur auf die Sedimentbelastung in der Moosach hingewiesen? Die Fischer wurden so auf eine völlig falsche Fährte gelenkt.

Erstmeldung: Verbotene Mittel in Fischereibetrieb - Behörde warnte Bürger nicht

Freising – Am Aschermittwoch kommt traditionell Fisch auf den Tisch. In Freising kamen jedoch just an diesem Tag Vorfälle an die Oberfläche, die alles andere als appetitfördernd sind: In der Moosach sind Speisefische mit Malachitgrün verunreinigt worden. Drei Fischzuchtbetriebe wurden gesperrt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. 

Dieses Medikament ist bei Verzehrfischen verboten

Bereits am Mittwochmorgen hatte der Bayerische Rundfunk gemeldet, dass dem Landratsamt die Selbstanzeige eines Fischereibetriebs vorliegt. Dieser habe angeblich versehentlich einen unbekannten Stoff in seine Teiche eingebracht. 

Wie Behörden-Sprecher Robert Stangl dem FT am Nachmittag mitteilte, zieht der Fall allerdings deutlich weitere Kreise. Das Landratsamt sei nämlich aufgrund eines Vorfalls in Traunstein auf die Geschehnisse vor der eigenen Haustüre gestoßen. Dort seien Ermittlungen wegen einer auffälligen Probe aus einer Fischzucht aufgenommen worden. Das Unternehmen sei aus dem Landkreis Freising beliefert worden, erklärte Stangl. „In diesem Zuge hat das Landratsamt Freising in drei Betrieben aus dem Landkreis Anhaltspunkte für eine möglicherweise verbotene Anwendung des Stoffs Malachitgrün bei lebensmittelliefernden Fischen gefunden.“

Die Anwendung des Mittels ist verboten

Bei Malachitgrün handelt es sich um ein Tierarzneimittel, das bei Zierfischen eingesetzt wird und im Verdacht steht, krebserregend zu sein. „Es darf daher bei Fischen, die für den menschlichen Verzehr bestimmt sind, nicht angewendet werden“, schreibt das Bundesinstitut für Risikobewertung. „Hier gilt das Prinzip der Nulltoleranz.“ 

Im Januar 2019 erhärtete sich der Verdacht, dass dieses Mittel verbotener Weise im Landkreis zum Einsatz kam. Da wurde das Landratsamt vom Wasserwirtschaftsamt über auffällige Werte von Malachitgrün/Leukomalachitgrün in Sedimenten der Moosach informiert.

Betriebe dürfen Fische nicht in Verkauf bringen

Um welche Fischereibetriebe handelt es sich? Was hat einen der drei zur Selbstanzeige bewogen? Und welche Bereiche der Moosach wurden mit Malachitgrün verunreinigt? Das alles sind Fragen, die das Landratsamt unbeantwortet lässt – mit Verweis auf laufende staatsanwaltschaftliche Ermittlungen und offene strafrechtliche Verfahren. 

Fest steht, dass den drei betroffenen Betrieben untersagt ist, Fische in den Verkehr zu bringen. „Diese auf Lebensmittelrecht gründenden Sperrungen bleiben bis zur Feststellung der Verkehrsfähigkeit der Fische aufrechterhalten“, teilt Stangl mit. „In zwei Betrieben konnten Sperrungen zumindest teilweise wieder aufgehoben werden.“ 

Die Bevölkerung erfährt von alldem nichts

Die Bevölkerung wurde von der Behörde über den Vorfall nicht aufgeklärt. „Die Information der Öffentlichkeit erfolgt im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben nach dem Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch“, erklärt Stangl in Behörden-Deutsch. „Die dort normierten gesetzlichen Voraussetzungen lagen nicht vor, sodass eine Information der Öffentlichkeit nicht erfolgt ist.“ Anders ausgedrückt: Das Landratsamt sah offenbar keine Gesundheitsgefahr. Die zuständigen Lebensmittelbehörden seien informiert worden. Die anliegenden Fischereirechtsinhaber hätten nach Vorlage der Untersuchungsergebnisse ein Schreiben erhalten.

So einen Brief aber hat Professor Jürgen Geist nicht bekommen, wie er auf Nachfrage mitteilt. Der Wissenschaftler forscht am Lehrstuhl für aquatische Systembiologie, das über Fischereirecht verfügt. Das FT erwischte ihn via Handy am Flughafen. Geist war auf dem Weg in die USA, wo er – wie passend – zum Thema Gewässerschutz spricht.

In verunreinigter Moosach haben Kinder gespielt

Wie der Professor berichtet, holen er und sein Team zu Forschungszwecken nordamerikanische Signalkrebse aus der Moosach. „Rechtlich können wir die Tiere nicht in die Moosach zurücksetzen, weil man invasive Arten nicht aussetzen darf“, erklärt er. Um die Krebse trotzdem einer nützlichen Verwendung zuzuführen, werden sie von uns gekocht und gegessen – etwa auf Doktorfeiern oder bei der Weihnachtsfeier.“ 

Professor Jürgen Geist ist über die Informationspolitik des Landratsamts verärgert.

Nicht nur deshalb geriet er in Alarmstimmung, als er im Herbst 2018 gerüchteweise gehört hat, dass die Moosach verunreinigt sein soll. Er dachte auch sofort an den im Oktober durchgeführten Tag der offenen Tür der TU Weihenstephan. „Da haben wir Kinder im Wasser spielen lassen.“ Er habe sich deshalb sofort an das Landratsamt gewandt und um Aufklärung gebeten. Dort habe er erfahren, dass keine Gesundheitsgefahr bestehe. „Trotzdem halte ich es für absolut zwingend und erforderlich, Fischereirecht-Inhaber wie die TU über so einen Vorfall transparent zu informieren. Das ist nicht passiert.“

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