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Versperrter Weg: Autos, die auf dem für Bernhard Primus ohnehin schwer zu erkennenden Blindenleitsystem parken, machen den Gang durch die Innenstadt für den blinden Freisinger zu einer Tortur. 

Stadt will Bürger sensibilisieren

Tortur für Blinde: Leitsystem in Freisinger Innenstadt oft zugeparkt – Corona verschäft Problem

  • Magdalena Höcherl
    vonMagdalena Höcherl
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Norbert Müller und Bernhard Primus sind blind – und kommen mit dem Blindenleitsystem in der Freisinger Innenstadt nicht zurecht. Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen verschärfen das Problem.

Freising – Barrierefrei und verkehrsberuhigt: So werden die bis jetzt neu gestalteten Bereiche in der Freisinger Innenstadt bezeichnet. Beides stimmt nicht, finden Norbert Müller und Bernhard Primus. Die Freisinger sind blind. Sie müssen sich ihren Weg durch das Zentrum hart erkämpfen. Durch die Corona-Pandemie und ihre Folgen ist das Ganze zu einer Odyssee geworden.

Der Abschnitt zwischen Heiliggeist- und Amtsgerichtsgasse, den die beiden Männer oft entlanggehen, wurde im Dezember offiziell freigegeben. Unter anderem ist der Straßenraum nun nicht mehr klassisch mit Bürgersteigen in Geh- und Fahrbereich getrennt, sondern auf einer Ebene. Doch jetzt haben Müller und sein Spezl Primus ihre liebe Not, sich dort zurechtzufinden. Das Leitsystem für Blinde hebe sich zu wenig von der normalen Fläche ab. Die Linie sei sehr schwer zu finden, zumal sie immer wieder durch Autos und Räder verstellt werde.

Leitlinie für blinde Menschen nicht erkennbar

Müller ist es wichtig zu betonen, dass es sich um ein grundlegendes Problem handle. „Ich weiß, dass Blinde eine Minderheit sind, und dass dort vielleicht drei blinde Menschen am Tag vorbeigehen“, sagt er. Doch auch für Sehbehinderte, die es in Freising zahlreich gebe, sei der Gang durch die neu gestaltete Innenstadt schwierig. „Die Leitlinie ist nicht erkennbar. Sie müsste einfach besser markiert sein, es gibt keinen Kontrast.“ Zudem dient diese Leitlinie gleichzeitig als Wasserablauf. „Wenn es regnet, laufe ich dann in einer Lache herum.“

Corona verschärfe die Situation: Weil Lokale ihre Freischankflächen vergrößern durften, um mehr Plätze anbieten zu können, gleichzeitig aber auch zum Teil kreuz und quer geparkt werde, tut sich Müller nun noch schwerer als ohnehin schon. „Ich habe nichts dagegen, dass sich Cafés ausbreiten können“, betont er. „Aber da die Stadt sich für eine nicht markierte Regenrinne als Leitsystem entschieden hat, also keinen erkennbaren Blindenstreifen, der auch von Sehenden als solcher wahrgenommen wird, komme ich immer wieder in die blöde Lage, mich mit anderen Verkehrsteilnehmern oder Cafébesitzern, die gar nichts von einem Streifen wissen, auseinandersetzen zu müssen.“

Primus sagt: „Viele Sehende übersehen diese Linie. Man müsste die Spur, wie in anderen Städten auch, weiß kennzeichnen.“ Der Wunsch der beiden Männer: „Es wäre schön, wenn sich der Freisinger Stadtrat selbst mal einen Eindruck verschaffen würde, wie es ist, als blinder Mensch dort unterwegs zu sein.“

Stadt sieht Rinnen als „guten Kompromiss“

In der Stadtverwaltung war Barrierefreiheit ein wesentliches Thema im Zuge der Innenstadtsanierung: Im Vorfeld des Umbaus sei ein „intensiver Abstimmungsprozess“ erfolgt, unter anderem mit Fachstellen, Behindertenvertretungen und dem Know-how der Projektgruppen des Agenda21- und Sozialbeirats, berichtet Christl Steinhart, Pressesprecherin der Stadt. In der Unteren Hauptstraße und den angrenzenden Nebengassen ist das Ergebnis bereits sichtbar: Die 15 Zentimeter hohen Bürgersteige sind entfallen, stattdessen erstreckt sich der gesamte Straßenraum nun auf einer Ebene. Entwässerungsrinnen dienen neben der Wasserführung auch als taktiles Leitsystem. Sie befinden sich laut Steinhart „mit deutlichem Abstand zu den Fassaden und somit auch zu den Ausstellungsflächen der Einzelhändler und Gastronomen“.

Diese Rinnen sollen nach Fertigstellung der Baumaßnahmen wenige Millimeter tiefer als die angrenzenden Oberflächen entlang der gesamten Hauptstraße verlaufen. „Sie stellen einen guten Kompromiss zwischen einer barrierefreien Straße ohne Hürden und einem guten haptischen Orientierungs- und Leitsystem für Mensch mit Sehbeeinträchtigung dar“, erklärt die Stadt-Sprecherin. Um die Orientierung zu erleichtern, sei jeweils eine Straßenseite priorisiert worden, „an der möglichst wenige Barrieren wie Hauseingänge oder Ausstattungselemente zu bewältigen sind“. Kontrastreiche Steine mit gebrochener Oberfläche sollen als zusätzliche Orientierungspunkte dienen.

Vor-Ort-Termin wegen Corona geplatzt

Natürlich sei klar, dass das Leitsystem frei erreich- beziehungsweise ertastbar sein muss, um effektiv nutzbar zu sein. Für Mai sei eigentlich ein entsprechender Vor-Ort-Termin geplant gewesen, der aufgrund der Corona-Einschränkungen ausgesetzt werden musste. „Ziel einer derzeit in Vorbereitung befindlichen Kommunikationsstruktur ist es freilich, das Thema in den Köpfen zu verankern und selbstverständliche Rücksichtnahme aus dem Bewusstsein heraus zu erwirken, dass unüberlegte, leichtfertige Blockaden des haptischen Orientierungs- und Leitsystems Menschen mit Sehbehinderungen in einer nicht zumutbaren Art und Weise beeinträchtigen“, betont Steinhart. Die Neugestaltung der Innenstadt sei schließlich „ausdrücklich auf größtmögliche Barrierefreiheit und ein gleichberechtigtes Miteinander ausgelegt“. Dass sich dort vieles noch einspielen muss, sei – wie wohl bei allen Neuerungen – offenbar leider unvermeidbar.

Abstandsregelungen problematisch

Apropos Coronavirus: Gerade die Warteschlangen bei Bäcker, Metzger und Co. seien problematisch, weil sie für Blinde ein zusätzliches Hindernis darstellen würden, teilt der Blinden- und Sehbehindertenverband mit. Auf dessen Webseite heißt es zudem: „Vielen Betroffenen macht es zu schaffen, dass im öffentlichen Raum seit Beginn der Kontaktbeschränkungen mehr geschwiegen wird als vorher. Dabei sind sehbehinderte und blinde Menschen in Zeiten des Abstandhaltens noch mehr als sonst darauf angewiesen, dass man mit ihnen spricht.“

Freisings Stadtsprecherin Steinhart findet: „Diesem Appell ist doch im Grunde nichts hinzuzufügen, um Menschen mit Behinderung gemeinsam respektvoll und sicher auch durch die Baustellenphase zu führen.“

Aktuelles im Landkreis Freising

Erst Corona, jetzt das Unwetter: Die Zirkusfamilie Schmidt-Feraro muss ums Überleben bangen. Am Mittwochabend wurde der Stall überschwemmt.

Ein „Monsterfisch“ hat einer Frau beim Baden im Anglberger Weiher in Zolling in den Fuß gebissen. Nun wurden Warnschilder aufgestellt.

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