Markus Schmid, Bereitschaftsleiter des BRK Freising vor Rettungsfahrzeugen
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Hat sich mit der Pandemie arrangiert: Markus Schmid, Leiter der BRK-Bereitschaft in Freising, kann den Erfahrungen mit dem Coronavirus auch Positives abgewinnen. Foto: lehmann

Markus Schmid berichtet über Ehrenamt in Zeiten der Pandemie

„Meine Mitarbeiter waren schon besorgt“: Freisings BRK-Bereitschaftsleiter über die Konfrontation mit Corona

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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Für Markus Schmid, Leiter des BRK-Bereitschaftsdienstes Freising, war 2020 ein schweres Jahr. Dem FT berichtet er über seine Erfahrungen mit Corona.

Freising – Markus Schmid engagiert sich in einem Ehrenamt, das besonders stark mit Corona konfrontiert ist: Der 46-Jährige ist Bereitschaftsleiter beim BRK Freising. Anlässlich des Ehrenamtstags traf sich der Mathe- und Physiklehrer mit dem FT. Im Interview erklärt er, warum 2020 in seinen 26 Dienstjahren beim Roten Kreuz das härteste, aber nicht das anstrengendste war, und weshalb er glaubt, dass er und sein Team gestärkt aus der Pandemie hervorgehen werden.

Herr Schmid, Sie sind seit 1994 beim BRK engagiert. Was hat Sie damals zum Roten Kreuz geführt?

Das war ein sehr eigennütziger Beweggrund. Damals gab es ja noch den Zivildienst. Das BRK hat einem die Möglichkeit gegeben, nach der Schule sofort mit einem Studium anzufangen und nebenbei Dienst zu tun, sofern man sich für acht Jahre verpflichtet. Das habe ich getan.

Corona-Jahr war schwer, aber nicht anstrengend

Aus den acht Jahren ist längst viel mehr Zeit geworden. Was motiviert Sie an dieser ehrenamtlichen Tätigkeit?

Zum einen, dass man etwas bewegen und verändern kann. Zum anderen, dass man neben vielen Bagatellgeschichten in vereinzelten Fällen wirklich helfen und sogar Leben retten kann. Das ist ein enormer Motivationsgrund.

Darf man bei einer Tätigkeit, die sehr viel Ernsthaftigkeit erfordert, davon sprechen, dass das Ehrenamt Spaß macht?

Ja, unbedingt. Wer macht schon was freiwillig, wenn kein Spaß dabei ist. Und der Spaß kommt im Miteinander, den gemeinsamen Aktivitäten und Festen, die es ja heuer nicht gibt.

Ist 2020 Ihr schwerstes und anstrengendste Jahr als Ehrenamtlicher?

War es ein schweres Jahr? Ja, insofern, dass heuer das Miteinander abgeht. Man sieht die Leute kaum, weil es fast keine Sanitätsdienste gegeben hat, kein Sommerfest, keine Weihnachtsfeier, keine außerdienstlichen Treffen mit den Leuten. Alles nicht möglich. Das macht das Ganze schwer. Anstrengend: Nein, weil dieses Jahr eben kaum Dienste stattgefunden haben. Es gab kein Uferlos-Festival, kein Volksfest, kein Altstadtfest oder eine sportliche Großveranstaltung, bei der wir im Normalfall den Sanitätsdienst übernehmen. Ich hatte also noch nie so wenig zu organisieren wie 2020. So gesehen war das Jahr sehr entspannt.

„Meine ehrenamtlichen Kräfte sind schon am Scharren“

Für viele wahrscheinlich etwas zu entspannt.

Meine ehrenamtlichen Kräfte sind schon am Scharren. Die würden natürlich gerne mehr Dienste machen, aber es geht im Moment eben nicht.

Nachwuchsarbeit war dann coronabedingt vermutlich auch nicht möglich. Ein Problem?

Eigentlich nicht. Es gab noch einen Sanitätslehrgang vor dem Shutdown, und inzwischen läuft auch wieder einer – unter den entsprechenden Corona-Auflagen. Trotz Lockdown haben wir übrigens dieses Jahr einen hohen Zulauf an Mitgliedern.

Erklären Sie sich den Zuwachs mit einer aus der Pandemie heraus geborenen Solidarität mit dem Rettungswesen?

Das mag dieses Jahr mit hineingespielt haben. Allerdings hatten wir auch 2019 einen Zuwachs. Da erleben wir gerade einen für uns schönen Trend.

„Uns war nicht klar, wie wir mit der Situation umgehen sollten“

Alles andere als ein schöner Trend sind die nun erneut steigenden Corona-Infektionszahlen. Wann in diesem Jahr ist Ihnen bewusst geworden, dass das Virus nicht nur weit weg in China, sondern auch in Freising ein echtes Problem werden würde?

Einen genauen Zeitpunkt kann ich nicht benennen. Ich erinnere mich aber an den Beginn einer Nachtschicht Ende März, bei der mir die Mitarbeiter der Tagschicht berichtet haben, dass sie fast ausschließlich Einsätze mit Corona-Bezug gefahren haben. Da habe ich mir gedacht: Jetzt geht es auch bei uns los.

Wie war die Stimmung damals beim BRK?

Meine Mitarbeiter waren schon besorgt. Damals wusste man ja auch noch nicht so viel über Corona. Uns war nicht klar, wie wir mit der Situation umgehen sollen. Das haben wir erst mit der Zeit gelernt.

Hatten Ihre Mitarbeiter Angst, sie könnten sich im Dienst anstecken?

Nein, solche Ängste habe ich nicht vernommen.

Ängste zugeben - „kein Zeichen von Schwäche“

Weil es sie nicht gab, oder weil sie lieber niemand aussprechen wollte?

Wir haben eine Gesprächskultur, in der man solche Sorgen aussprechen kann. Aber freilich mag es auch Mitarbeiter geben, die es als Schwäche sehen würden, wenn sie Ängste zugeben müssten. Aber das wäre kein Zeichen von Schwäche.

Wie oft sind Sie in Ihrem Ehrenamt mit Corona in Berührung gekommen?

Gar nicht mal so oft, wie man denken könne, vielleicht drei- oder viermal.

Bei welcher Gelegenheit?

Wenn etwa Verlegungen vom Klinikum Freising in andere Krankenhäuser stattgefunden haben.

Bleiben die Corona-Patienten denn nicht in dem Krankenhaus, in das sie eingeliefert werden – beziehungsweise das sie selbst aufsuchen?

Nein. Wenn in einem Krankenhaus die Kapazitäten eng werden, dann versucht man Patienten, die noch transportfähig sind, schon in Kliniken zu bringen, die noch nicht so belastet sind. Und diese Situation hatten wir auch in Freising einige Male.

BRK-Mitarbeiter „haben eine besondere Erfahrung“

Haben sich Mitarbeiter in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit angesteckt?

Wir mussten insgesamt drei ehrenamtliche Mitarbeiter, die im Rettungsdienst tätig sind, in Quarantäne schicken, weil sie mit infizierten Menschen in Kontakt kamen. Von denen hat sich aber keiner angesteckt. Bei den hauptamtlichen Kräften kam das öfter vor.

Gibt es Mitarbeiter, die wegen Corona ihr Ehrenamt ruhen lassen?

Ich weiß von einem Mitarbeiter, der momentan seine Tätigkeit im Rettungsdienst eingestellt hat, weil er einen Risikopatienten im familiären Umfeld hat.

Müssen Ehrenamtliche, die in so einem sensiblen Bereich arbeiten, im Vergleich zu anderen Mitbürgern im Privaten noch mal mehr aufpassen, dass sie sich nicht anstecken?

Ja, wir haben eine besondere Verantwortung, uns zu schützen, weil keiner das Virus ins BRK hineinziehen will. Wenn sich einer unserer Mitarbeiter privat gar nicht an die Corona-Regeln halten würde, sich deshalb infizieren und Kolleginnen und Kollegen anstecken würde, wäre das katastrophal. Ich sehe aber auch kein Problem darin, sich an die Regeln zu halten. Sich die Hände zu waschen und Maske zu tragen, wo es notwendig ist, halte ich nicht für zu viel verlangt.

Albert Einstein gegen die Querdenker

Was sagen Sie als Mitarbeiter im Gesundheitssystem zur Querdenker-Bewegung?

Es gibt im BRK sieben Grundsätze. Dazu zählen Unparteilichkeit und Neutralität. Insofern verbietet es sich für mich, dazu etwas zu sagen. Als Privatperson und Physiker würde ich diese Frage mit einem Zitat von Albert Einstein beantworten.

Der Physiker Albert Einstein soll gesagt haben: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Nächste Frage bitte!

Dann was Positives: Im Frühjahr wurde den Mitarbeitern des Gesundheitswesens für ihre Leistung in Corona-Zeiten von vielen Menschen an den Fenstern Applaus gezollt. Haben Sie sich über diesen Beifall gefreut?

Natürlich freut es einen, wenn man in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird und ein kleines Dankeschön bekommt. Ich finde, dass sich das viele meiner Kollegen verdient haben.

BRK konnte viel aus der Pandemie lernen

Warum werden Sie gestärkt aus der Pandemie hervorgehen?

Weil das BRK aus der Pandemie viel lernen konnte. Es sind Strukturen und Apparate in Betrieb genommen worden, die wir davor nicht hatten. Ich denke etwa an den Aufbau des Krisenstabs, der die Kontakte und die Zusammenarbeit mit Behörden gestärkt hat. Ich persönlich habe in diesem Jahr über mich gelernt, dass ich mich mit solchen außergewöhnlichen Situationen arrangieren kann. Glücklicherweise, denn offensichtlich können das nicht alle. Ich vergleiche das mit einem Immunsystem. Wenn man so eine Pandemie mal durchgemacht und überstanden hat, hat man bildlich gesprochen Antikörper entwickelt. Ich hoffe, dass sich so eine Situation nicht wiederholt. Aber wenn, dann weiß ich damit umzugehen.

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