Den Stoff muss man fühlen: Für Claudia Jordan vom gleichnamigen Textilgeschäft ist „Click&Collect“ nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
+
Den Stoff muss man fühlen: Für Claudia Jordan vom gleichnamigen Textilgeschäft ist „Click&Collect“ nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

„Nur ein Tropfen auf den heißen Stein“

Besser als nichts: „Click&Collect“ hilft Freisinger Einzelhändlern, präsent zu bleiben – Warten auf Hilfen

  • Magdalena Höcherl
    vonMagdalena Höcherl
    schließen

„Click&Collect“ soll den Einzelhändlern durch den Lockdown helfen. Eine Zwischenbilanz in Freising zeigt: Es ist besser als nichts - aber bei Weitem nicht gut.

Freising – Seit 16. Dezember sind die Läden im Freistaat geschlossen. Mitte Januar konnten die Inhaber etwas aufatmen: „Click & Collect“, sprich Ware online oder telefonisch zu bestellen und vor Ort abzuholen, wurde erlaubt. Seither bemühen sich Freisings Einzelhändler sehr um ihre Kunden. Die Zwischenbilanz: Es ist besser als nichts – aber bei Weitem nicht gut.

„Es ist furchtbar, anders kann man es nicht sagen“, erklärt Claudia Jordan vom gleichnamigen Textilgeschäft an der Bahnhofstraße. Das Angebot, per Telefon zu bestellen, werde nicht sehr gut angenommen. „Zwar melden sich schon Kunden, die gezielt etwas brauchen. Aber mit einem geöffneten Laden ist das nicht zu vergleichen“, berichtet sie. „Die Bestellungen sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie decken die Kosten lange nicht.“

„Wir trauen uns nicht, so zu bestellen wie normalerweise“

Bequem bei etablierten Anbietern im Internet zu bestellen, sieht Jordan als zu große Konkurrenz. Mit seiner großen Stärke, der Beratung, könne das Familienunternehmen derzeit nicht punkten. „Wenn jemand neue Vorhänge oder ein Daunenbett braucht, geht nichts darüber, sich die Muster vor Ort anzuschauen, die Stoffe zu fühlen, sich den Rat der Fachleute einzuholen“, sagt Jordan.

Ein weiteres Problem: „Wir wissen nicht, wie es weitergeht.“ Vertreter würden bereits wegen der Sommerware anrufen. „Aber wir trauen uns nicht, so zu bestellen wie normalerweise.“ Vor dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr sei noch fleißig Osterware bestellt worden. „Die mussten wir dann so, wie sie war, wieder einpacken.“ Auch Claudia Jordan wünscht sich, die Pandemie schnellstmöglich in den Griff zu bekommen. Sie fragt sich aber, warum der Einzelhandel nicht die Chance bekomme, sich und seine Schutzkonzepte zu beweisen. „Warum geht das für Bäcker und Metzger, aber nicht für uns?“

Kein Schmuck in der Pandemie

Richard Horwath vom Schmuck-Depot Newline in Freising tut sich mit „Click&Collect“ ebenfalls schwer. 80 Prozent des Geschäfts seien Dienstleistungen wie Batteriewechsel oder Reparaturarbeiten. „Der Verkauf läuft sehr schleppend.“ Warum das so ist, liege auf der Hand: „Schmuck ist das, was die Menschen derzeit am wenigsten brauchen. Momentan spart die ganze Welt.“ Der Valentinstag und vor allem die Zeit vor Weihnachten, in der normalerweise das Jahresgeschäft gemacht wird, sei sehr schwach gewesen. „Das Servicegeschäft jetzt geht auch auf unsere Kosten. Aber wir wollen demonstrieren, dass wir als Schmuckhändler des Vertrauens für unsere Kunden da sind“, erklärt Horwath, der 17 Mitarbeiter hat und Filialen in Freising, Straubing und Landshut betreibt.

Aktuell sei die Situation noch auszuhalten, weil er bereits im vergangenen Jahr den Einkauf reduziert und mehr gespart habe. Doch langsam werde die Luft dünn, zumal noch keinerlei staatliche Unterstützung eingetroffen sei. „Vor ein paar Tagen konnten wir sie erst beantragen. Mit Zahlungen rechne ich nicht vor April, Mai.“ Trotzdem betont der 61-Jährige: „Ich stehe hinter den Maßnahmen. Auch wenn sie auf meinen Geldbeutel gehen.“

„Wir lassen uns nicht zerstören“

Immer weniger Verständnis kann dagegen Isolde Köckeis aufbringen. „Es ist totaler Wahnsinn. Ich habe nach wie vor etliche Ausgaben, und von den Überbrückungshilfen kam auch noch nichts an“, sagt die Inhaberin der Boutique Maximilian. Über „Click&Collect“ werde sie vor allem von ihrer Stammkundschaft unterstützt. „Aber Kleidung muss man sehen, anfassen, probieren können“, sagt auch sie.

Durch den Lockdown würden dem deutschen Textil- und Schuhhandel täglich 700 Millionen Euro Umsatz fehlen. Köckeis engagiert sich daher mit mehreren tausend Familienunternehmen in der Initiative „Wir stehen aufrecht“, die Klage gegen die Maßnahmen einreichen wollen. An diesem Montag will sie mit einem orange dekorierten Schaufenster auf die prekäre Lage aufmerksam machen. „Wir haben ein gutes Hygienekonzept. Wir müssen langsam öffnen.“ Sie betont: „Wir lassen uns nicht zerstören.“

Bücher sind ein „dankbares Medium“

Bei Bücher Pustet hat man sich mit der Situation arrangiert. „Natürlich sind wir erleichtert, wenn wir hoffentlich ab 7. März wieder öffnen dürfen“, sagt Filialleiterin Jutta Ederer. „Ich möchte mir nicht vorstellen, bis Ostern geschlossen zu haben.“

Wie das „Click&Collect“ in der Buchhandlung derzeit läuft, damit sei sie jedoch zufrieden. „Das wird gut angenommen.“ Bücher seien, anders als verderbliche Ware oder Mode, ein „dankbares Medium“, sagt Ederer. „Natürlich ist die Situation nicht toll, aber man muss das in Relation sehen. Die Buchbranche hat vom ganzen Einzelhandel am wenigsten zu klagen.“

Sparkasse will Firmenkunden unterstützen

Die Sparkasse Freising will den Einzelhandel mit „Click&Collect“ unterstützen: Dazu bietet sie Firmen- und Gewerbekunden eine E-Commerce-Lösung inklusive aller gängigen Online-Bezahlverfahren an. Das Paket beinhaltet einen Website-Baukasten mit zahlreichen Vorlagen. Für das Einrichten werden keinerlei Programmierkenntnisse benötigt. Innerhalb von 24 Stunden kann der Händler mit seinem eigenen Online-Shop starten. „Diese in Bayern eingeräumte Möglichkeit hilft uns allen, die örtliche Wirtschaft zu stärken, statt anonym im Netz bei beliebigen Anbietern einzukaufen“, so Vorstandsvorsitzender Johann Kirsch.

Die Einzelhändler in Freising hatten mit der Lockdown-Verlängerung schon gerechnet. Dennoch steigt die Frustration.

„Wir fallen immer wieder durchs Raster“: Weil Verena Deckner keine Staatshilfen erhält, ist ihr Buchladen durch den Corona-Lockdown von der Pleite bedroht.

Alle Neuigkeiten und Nachrichten aus Freising und der Region lesen Sie immer aktuell hier.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare