Ehepaar vor Modehaus
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„Unvorstellbar“: Wenn Andrea und Wolfgang Billmayer vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass Geschäfte wochenlang schließen müssen, hätten sie gesagt: „Das ist unmöglich.“ Jetzt zur Jahreswende stehen sie vor ihrem geschlossenen Modehaus. Beide bleiben jedoch kämpferisch.

95 Prozent Umsatzeinbußen im Lockdown

„Unvorstellbar“: Modehaus-Chef zieht Bilanz über Corona-Jahr - und seine fatalen Folgen

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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Für Wolfgang Billmayer, Inhaber des gleichnamigen Modehauses, war 2020 ein schwarzes Jahr. Eine von Corona angeschobene Entwicklung bereitet ihm große Sorgen.

  • Für viele Einzelhändler war 2020 ein schwarzes Jahr.
  • Modehändler Wolfgang Billmayer berichtet, unter welchen Umsatzeinbußen er gelitten hat.
  • Eine Entwicklung, die Corona vorangetrieben hat, bereitet ihm besonders Sorgen.

Freising – Zu den vielen Einzelhändlern aus Freising, die von der Corona-Pandemie massiv betroffen waren, gehört auch das Modehaus Billmayer. Für Inhaber Wolfgang Billmayer war es eines der schwärzesten Jahre in der Geschichte des Familienunternehmens. Im FT-Interview berichtet er über sein persönliches Corona-Jahr – und welche Entwicklungen ihm für die Zukunft große Sorgen bereiten.

Herr Billmayer, reisen wir in der Zeit um ein Jahr zurück: Welche Vorsätze hatten Sie zu Silvester 2019?

Wir wollten weiterhin erfolgreich sein und hatten den Vorsatz, unseren Geschäftserfolg zu halten oder, wenn möglich, zu steigern. Aber dann kam Corona . . .

Wann haben Sie zum ersten Mal von Corona gehört, und wann haben Sie geahnt, dass das auch in Freising zum Problem werden könnte?

Nach dem Vorfall bei Webasto. (In dem Unternehmen hatte es in der Belegschaft Ende Januar die ersten beiden getesteten Corona-Fälle überhaupt in Deutschland gegeben – Anmerkung der Redaktion) Dabei haben wir nie gedacht, dass es sich zu dieser Katastrophe auswächst. Als die Berichte aus Italien immer schockierender wurden, haben wir immer noch gemeint, das alles ist sehr weit weg.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass auch der Landkreis Freising massiv betroffen sein wird?

Als die Politik das Thema Lockdown immer klarer angesprochen hat, und es klar wurde, dass es ganz Europa trifft.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als feststand, dass Sie ihr Geschäft schließen müssen?

Da waren ganz viele Fragen in meinem Kopf: Wie sollen wir mit unseren Mitarbeitern diesen Umsatzverlust wegstecken? Wie verhalten sich unsere Lieferanten? Was tun mit der laufenden Alterung unserer modischen Ware? Und wie lange wird der „Spuk“ dauern?

In der Freisinger Innenstadt haben Geschäften zusammen einen Liefer-Service entwickelt.

Das war unter anderem eine Idee der Aktiven City Freising. Wir haben uns dem aber nicht angeschlossen, da wir einen eigenen kleinen Onlineshop mit Lieferservice auf die Beine gestellt hatten. Die Idee der AFC war auch eher für Nahversorgungsartikel gedacht.

Wie viele Kunden haben diesen Lieferservice in Anspruch genommen?

Wir hatten ungefähr fünf Lieferungen am Tag.

Hat sich der Online-Handel in der Pandemie als Segen herausgestellt oder ist er doch eher Fluch für den Einzelhändler?

Der Onlineshop samt Lieferungen hat uns moralisch durch die Krise getragen und uns auch einen großen Zuspruch der Kunden gebracht. Leider sind uns die Big-Player zu überlegen, und auch viele Konsumenten wählen hier den perfekten und „bequemen“ Service der Großen, die ja auch immer in den Medien protegiert werden

Das müssen Sie bitte erläutern.

Die Kunden werden durch die von der Politik verhängten Lockdowns dazu gezwungen, über den Online-Handel Geschenke und Artikel der geschlossenen Branchen zu erwerben. Die großen Lebensmittel-Geschäfte – und hier vor allem die Discounter – dürfen auch hier über sämtliche Branchenbeschränkungen hinweg Artikel bewerben und verkaufen.

Wenn die Temperaturen jetzt im Januar anziehen, kaufen die Menschen Mütze und Schal eben nicht bei Ihnen, sondern im Supermarkt oder online.

Ja. Dies hat gravierende Auswirkungen auf das Konsumverhalten für die Zukunft, da diese immer näher am Bedarf kaufen und auch durch das Überangebot im Netz das Gefühl haben, immer alles und sofort zu erhalten. Das stimmt jedoch objektiv gar nicht immer – siehe Lieferzeiten bei der Paketzustellung und gerade auch da so manche Unzuverlässigkeit der Paketzusteller.

In Prozenten gesprochen: Wie hoch waren Ihre Umsatzeinbußen im ersten Lockdown?

In der Zeit der Schließung: 95 Prozent!

Haben Sie dann Wirtschaftshilfen in Anspruch genommen?

Wir haben die Sofort-Hilfe genutzt.

Viele Betroffene haben darüber geschimpft, wie kompliziert die Antragstellung war.

Nach Rückfragen bei Kollegen und mit deren Tipps lief es reibungslos und zeitnah – trotz Ostern.

Bei der Wiedereröffnung der Geschäfte galt Maskenpflicht. Wie schwer war es, sich daran zu gewöhnen, den ganzen Tag mit Maske zu arbeiten?

Wie beim Lockdown haben wir die Hürde zunächst als sehr hoch empfunden. Aber der Besuch der ersten Kunden und unsere Freude darüber haben uns über die Hürde getragen. Die Gewöhnung war anfangs allerdings mühsam. Es hat etwas gedauert, bis die richtige Maskenart für jeden gefunden war.

Maskenpflicht, Maximalzahl an Kunden im Laden: Haben die Kunden bei den Maßnahmen gut mitgezogen, oder gab es immer wieder Schwierigkeiten?

Gleich nach der Wiedereröffnung waren die Kunden erst mal dankbar, dass es überhaupt wieder möglich war, einkaufen zu gehen. Es war auch eine Zeit, in der viele es vorgezogen haben, in kleineren Geschäften einzukaufen. Da allerdings aufgrund der Beschränkungen weniger Menschen als normal zugleich im Laden sein durften, mussten wir uns beim Personaleinsatz einschränken. Hin und wieder hatten wir später Probleme mit uneinsichtigen Kunden – vor allem mit solchen, die angeblich eine Maskenbefreiung vom Arzt attestiert bekommen haben.

Sind Sie im Sommer wieder auf ähnliche Umsätze gekommen wie vor dem Lockdown?

Durch die starken Unsicherheiten beim Reisen und beim Besuch von hochfrequentierten Orten wie Einkaufscentern und Fußgängerzonen sind die Konsumenten in der Region geblieben. Das hat uns geholfen. Was uns aber sehr geschadet hat, war, dass fast alle Events, Familienfesten und andere Feiern bis hin zu den Volksfesten komplett weggefallen sind. Es gab schlicht und ergreifend gar keine Anlässe für die Menschen, sich Kleidung zu kaufen. Trotzdem: Wir haben zwischen 80 und 90 Prozent der monatlichen Vorjahresumsätze erzielt, jedoch mit einem sportiveren Angebot.

„Aufgabe und Resignation gebühren sich nicht“

Jetzt herrscht wieder Lockdown: Gab es einen Moment in diesem Jahr, wo Sie hinwerfen wollten und sich dachten: Ich schließe den Laden für immer?

Aufgabe und Resignation gebühren sich nicht bei einer über 190-jährigen Firmentradition. Unsere solide und auf Sicherheit basierende Geschäftsführung erlaubt es, diese massive Krise zu überstehen, wenn auch mit starken persönlichen Kapitaleinlagen. Wir sehen für uns und möglichen Nachfolgern in der Familie eine Zukunft im innerstädtischen familiengeführten Einzelhandel.

Gibt es für Sie irgendetwas Positives, das die Pandemie mit sich gebracht hat – oder der Lockdown?

Für uns hat der Lockdown überhaupt nichts Positives gebracht. Er ist für mich mit vielen negative Gedanken verbunden und vor allem mit einer unerfreulichen Entwicklung. Wir sind gezwungen, uns mit dem Thema Online-Handel zu beschäftigen, ob mit eigenem Shop oder eben über die extrem teuren und reglementierten Plattformen wie Outfits24 oder Zalando. Hier wird nach deren sehr harten und strengen Regeln gespielt. Wenn man betrachtet, wie viel des Ertrags wir denen abgeben müssen, ist der Online-Handel nicht das Instrument, echte und dringend nötige Erträge zu erzielen. Er ist mehr ein Ventil, um überhaupt Ware abzusetzen.

„Vor einem Jahr wäre alles unvorstellbar gewesen“

Wie blicken Sie das Corona-Jahr zurück?

Vor einem Jahr wäre alles, was 2020 passiert ist, unvorstellbar gewesen. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass Läden in Freising komplett geschlossen bleiben müssen, dass es keinerlei Umsatz gibt, sondern nur weiterlaufende Fixkosten, dass unsere Mitarbeiter in Kurzarbeit müssen – ich hätte gesagt: Das ist unmöglich.

Und was sind jetzt Ihre Ziele oder Vorsätze für das Jahr 2021?

Wir schärfen weiter unsere Sortimente, konzentrieren uns noch mehr auf unsere treuen, kaufwilligen Kunden und bekennen uns zu unseren Geschäften in Freising und Wartenberg. Natürlich hoffen wir, dass wir zusammen mit der Freisinger Innenstadt viele „alte“ Kunden begeistern und neue Kunden aus dem großen Einzugsgebiet für die Zukunft gewinnen werden. Nur gemeinsam mit einer starken Innenstadt und der Vielzahl von unterschiedlichsten Geschäften werden wir alle bestehen.

Rainer Pflügler aus Kleineisenbach ist einer von wenigen Schafhaltern. Im Coronajahr hat der Nebenerwerbslandwirt mit langer Familientradition festgestellt, was seine Stärke ist. Einen Personalwechsel gibt es hingegen im Echinger Gemeinderat: Bertram Böhm legt nach über zwölf Jahren sein Amt nieder. Sein Nachfolger steht schon fest. Und im allgemeinen Lockdown ging diese Nachricht fast unter: Das Echinger Fotostudio von Daniel Philipp an der Bahnhofstraße schließt ab Ende Januar für immer seine Türen.

(Von Manuel Eser)

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