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„Alle geben ihr Bestes!“ Klinikum-Pflegeteam zieht Bilanz – lange kein Normalbetrieb

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Hinter ihnen liegen harte Wochen: Pflegedirektor Oliver Hübler, Ebenen-Leiterin Franziska Böhme, der stellvertretende Leiter der Notaufnahme, Martin Frey, und die Leiterin der Intensivstation, Ivonne Sartor (v.l.). © Lorenz

Das Pflegeteam am Klinikum Freising ging in den vergangenen Wochen an die Grenzen der Belastbarkeit. Nun blicken die Pfleger zurück.

Freising Die examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und Ebenen-Leitung Franziska Böhme kann sich noch sehr gut an den Corona-Patienten Nummer 1 im Klinikum Freising erinnern: Am 29. Februar hat ihn Böhme im Nachtdienst auf Station in Empfang genommen. Schon sehr zügig wurde dann klar: Freising ist ein Corona-Hotspot. Es folgten Wochen, in denen das Pflegeteam bis an die Grenzen der Belastbarkeit gehen musste.

Es beginnt mit harmlosen Fällen

Anfänglich wurden sämtliche auf Corona positiv Getestete im Klinikum auf der dafür gesondert eingerichteten Isolationsstation aufgenommen – bei dieser ersten Belegungsphase konnten vor allem mäßig ausgeprägte Krankheitsbilder mit beispielsweise Fieber beobachtet werden, einige sogar ohne jegliche Symptome. Eine „Kohorten-Isolation“, also mehrere Patienten im Zimmer, war auch noch möglich, da bis dahin nur bestätigte Covid-19-Fälle aufgenommen wurden.

Richtig ernst wurde es dann allerdings bei der zweiten Belegungsphase, der Hoch-Zeit der Freisinger Neu-Infektionen: Zunehmend waren die Patienten multimorbid, also mehrfach vorerkrankt, oftmals mit Nebendiagnosen wie Demenz. Ab den Faschingsferien, berichtet Pflegedirektor Oliver Hübler, war man im Klinikum aber bereits im Krisen-Modus – auch wegen der Entwicklungen in Italien. „Die Klinik war sehr früh betroffen – die Unsicherheit in den ersten Tagen war groß, wir wussten einfach noch sehr wenig“, so Hübler in der Rückschau.

Klinik-Mitarbeiter konnten aber etwa durch Anrufe bei Freunden und Verwandten im Ausland ein ungefähres Bild der Gefahrenlage liefern. Dem hohen Engagement der Mitarbeiter in Pflege, Medizin und unterstützenden Bereichen war es zu verdanken, dass diese Krise professionell bewältigt wurde. Als die Zahl der Erkrankten weiter massiv anstieg, wurde innerhalb eines Nachmittags eine weitere Ebene für Covid-19-Patienten zur Isoliereinheit umgestaltet.

Verschlechterung des Zustands: „Das geht verdammt schnell“

Mit bis zu 67 Covid-19 Patienten, davon 13 Beatmete, stand das Klinikum in der Infektions-Höchstphase vor einer beeindruckenden Gesamt-Leistung: Mitarbeiter wurden verteilt, der Betreuungsschlüssel nach oben gefahren – allein auf der Intensiv-Station waren 18 zusätzliche Pflegende eingesetzt, um die Qualität der Versorgung weiterhin zu sichern.

Pflegedirektor und Leitungen trafen sich täglich zu einem Jour-Fix, um die aktuellen Bedürfnisse anzupassen und zeitnah auf Probleme zu reagieren. „Das fachübergreifende Arbeiten mit allen Mitarbeitern ist super – der Zusammenhalt hat sich deutlich verbessert“, betont die Stationsleitung der Intensiv, Ivonne Sartor. „Sie geben alle ihr Bestes!“

Ganz wichtig für Sartor in dieser Zeit: sich um die Mitarbeiter kümmern. Denn der Gesprächsbedarf nahm mit ansteigender Zahl der Patienten auch bei den Mitarbeitern stetig zu. Überraschend war für sie alle die oftmals rasche Zustands-Verschlechterung von einigen Covid-19-Patienten: „Das geht verdammt schnell“, betont der stellvertretende Leiter der Notaufnahme, Martin Frey. Innerhalb sehr kurzer Zeit werden diese Patienten dann beatmungspflichtig mit einer Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation von bis zu 30 Tagen. Als positives Ereignis nennt Sartor die dennoch geringe Sterberate der Beatmeten in Freising – warnt aber im gleichen Atemzug vor dem falschen Glauben, dass es nur alte Menschen mit Vorerkrankungen treffen könne. Im Klinikum musste auch ein 40-Jähriger mit Covid-19 ohne Vorerkrankungen beatmet werden – aber das, so die Intensiv-Leitung sei den Leuten „nicht bewusst und noch nicht in den Köpfen“.

Auch ein 40-Jähriger ohne Vorerkrankung musste beatmet werden

Auch Böhme kann von der Iso-Station Ähnliches berichten: „Wir hatten hier 30-Jährige, denen ging es richtig schlecht!“ Denn: Es komme nicht nur auf die Vorerkrankungen an, sondern vor allem auf die Virenlast im Körper, so Böhme.

Jetzt in der ruhigeren Phase mit aktuell rund 20 Covid-19- Patienten muss überlegt werden, welche weiteren Schritte gegangen werden. Laut Hübler muss eine Isolation-Ebene vorerst erhalten bleiben. Bis zum 15. Mai gilt die Allgemeinverfügung für den Notfallbetrieb der Kliniken, danach soll wieder der „Normalbetrieb“ anfahren – allerdings bedürfe das noch einiger Anpassungen der Abläufe und Strukturen. Laut Hübler werde es zwar gefordert, aber seiner Meinung nach kann es in absehbarer Zeit keinen „echten Normalbetrieb“ wie vor Corona geben – auch weil die Entwicklung der Fallzahlen nicht einschätzbar ist.

Hoffen auf höhere Wertschätzung

Laut dem Pressesprecher des Hauses, Sascha Alexander, müsse man sowieso erst mal vorsichtiger sein, denn Freising „habe einfach mehr“ an Corona-Patienten. Insgesamt habe das Klinikum 250 Patienten mit dem Virus in kürzester Zeit behandelt – allerdings gäbe es in der Bevölkerung oftmals eine „unterschiedliche Wahrnehmung“. Alexander berichtet jedoch auch von einer hohen Anteilnahme der Bürger – obwohl wir ja „nur unseren Job“ machen, so Böhme. Erfreulich wäre ihrer Meinung nach, wenn die Krise dazu führen würde, dass mehr Menschen diesen Beruf erlernen und ausüben wollen würden.

Hübler fordert außerdem eine höhere Wertschätzung der Pflege: „Dieser Beruf hat eine attraktive Gestaltung von Arbeitszeit und Bezahlung verdient!“ Pflege sei schließlich „ein essenzieller Bestandteil in der Behandlung und Versorgung kranker Menschen“.

Richard Lorenz

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