+
Viel mehr, als nur den Einschaltknopf des Geräts zu betätigen, erfordert es, einen Covid-19-Patienten invasiv zu beatmen. Denn der Druck, der dabei entsteht, hat Einfluss auf die Lunge und andere Organe.

Covid-19-Patienten an Beatmungsgeräten

Corona: Über diese Quote freut sich das Klinikum Freising

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
    schließen

Mehr als die Hälfte aller Corona-Patienten, die beatmet werden mussten, sind in Deutschland gestorben. Das Klinikum Freising steht besser da. Ein Arzt nennt die Gründe.

Freising – Die Zahl ist frappierend: 53 Prozent aller Covid-19-Patienten, die von Ende Februar bis Mitte April in deutschen Krankenhäusern an Beatmungsgeräte angeschlossen werden mussten, sind gestorben. Das geht aus einer Studie hervor, die das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO), die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und die Technische Universität Berlin durchgeführt haben. Im Vergleich dazu hat das Klinikum Freising eine deutlich bessere Quote vorzuweisen. Dr. Thomas Marx, Leiter der Intensivabteilung, erklärt, warum.

Herr Dr. Marx, wie viele Covid-19-Patienten mussten im Klinikum Freising seit Patient Null am 29. Februar behandelt werden?

Stand 27. Juli haben wir 420 Covid-19-Fälle abschließend behandelt. Inzwischen sind aber neue Fälle hinzugekommen.

Wie viele der Patienten mussten an eine Beatmungsmaschine angeschlossen werden?

Wir hatten 24 schwere Verläufe auf der Intensivstation. 22 davon wurden beatmet. 70 Prozent haben überlebt. Darüber sind wir sehr froh.

Manche Patienten wollen sich nicht beatmen lassen

Damit liegen Sie besser als der landesweite Schnitt. Rund 53 Prozent der Patienten, die beatmet wurden, sind laut einer AOK-Studie bis Mitte April verstorben. Warum steht das Klinikum besser da?

Man muss ins Kalkül ziehen, dass wir auf der Normalstation sehr ausführlich mit den Patienten vorbesprochen haben, inwieweit Therapien gewünscht sind. Diese Gespräche haben schon zu einem Zeitpunkt stattgefunden, bevor es kritisch wurde.

Gab es Patienten, die nicht beatmet werden wollten?

Wir hatten Patienten, die so massiv vorerkrankt waren, dass sie eine Intensivtherapie für sich ausgeschlossen haben. Die klar zum Ausdruck gebracht haben, dass sie nicht mehr alle Therapie-Eskalationen wünschen, die sie wahrscheinlich auch nicht überstanden hätten. Dass einige Schwerkranke gar nicht an die Beatmungsmaschine kamen, mag auch zu unseren guten statistischen Zahlen beigetragen haben. Trotzdem spiegeln die Zahlen einen Behandlungserfolg wider, den wir vor allem dem großen Einsatz unseres gesamten intensivmedizinischen Teams verdanken.

Welche Menschen wollten keine Beatmung mehr?

Solche, die schon ein sehr hohes Lebensalter haben und nicht vier Wochen lang an Geräten hängen wollen. Oder Patienten, die ein weit fortgeschrittenes Krankheitsbild, etwa ein stark metastasierendes Krebsleiden, haben.

Dr. Thomas Marx, Leiter der Intensivabteilung: Nicht jeder Patient war zu allen „Therapie-Eskalationen“ bereit.

Gab es in dieser Gruppe Todesfälle?

Ja. Wir hatten Patienten auf der Normalstation, die eine Beatmung ausgeschlossen haben und später gestorben sind. Aber wie gesagt: Von den Menschen mit schwerem Krankheitsverlauf haben nur etwa 30 Prozent nicht überlebt.

Was war Ihr Erfolgsrezept?

Wir haben schon in einem vergleichsweise frühen Stadium der Erkrankung auf invasive Beatmung gesetzt. Heißt: Wir haben schneller und häufiger als andere Kliniken die Indikation zur Beatmung gegeben. Von Vorteil war meiner Meinung nach auch, dass wir die Patienten mehrere Stunden pro Tag in Bauchlage beatmet haben. Das wird in der Fachwelt bei Covid-19 nämlich kontrovers diskutiert.

Dr. Marx: „WIr haben die Physik ausgetrickst“

Warum ist die Bauchlage aus Ihrer Sicht von Vorteil?

Wir drehen so die Physik einmal um. Schlecht belüftete Lungenabschnitte werden besser belüftet. Schlecht durchblutete Lungenabschnitte werden besser durchblutet. Ich bin überzeugt, dass die Bauchlage vielen unserer Patienten gut geholfen hat. Wir haben die Physik ausgetrickst.

Welche Alternativen hätte es denn zur invasiven Beatmung gegeben?

Eine High-Flow-Sauerstoff-Therapie. Da wird der Patient über die Nase mit aufgewärmter, stark Sauerstoff-angereicherter Luft versorgt. Im Gegensatz zur Invasivmethode findet hier aber eine Spontanatmung des Patienten statt. Er wird also nicht automatisch mit Sauerstoff versorgt wie bei der invasiven Methode, sondern alles hängt von der eigenen Beatmung des Patienten ab.

Wurde die High-Flow-Methode auch im Klinikum angewandt?

Bei einem Patienten, der eine Beatmung verweigert hatte. Es ist auch gut geworden. Aber vor allem aus Gründen des Mitarbeiterschutzes haben wir, wo es ging, auf High Flow verzichtet.

Große Belastung für Körper und Seele

Aber auch eine invasive Beatmung ist komplex. Es ist ja nicht so, dass es für das medizinische Personal nur darum geht, den Ein- und Ausschalter am Beatmungsgerät zu drücken.

Stimmt. Die invasive Beatmung funktioniert komplett anders als die Normalatmung. Wer selbstständig atmet, zieht die Luft mit Unterdruck in den Körper. Bei der invasiven Beatmung gelangt der Sauerstoff durch Überdruck in den Körper, und das zieht wahnsinnig viel nach sich. Für die Lunge, aber auch für andere Organe ergeben sich neue Druckbelastungen, die Einfluss auf Durchblutung und Durchlüftung haben. Die Kunst ist es, da die richtige Dosis zu finden und zur rechten Zeit wider die Entwöhnung vom Beatmungsgerät zu forcieren.

Für die Patienten ist eine derartige Beatmung sehr stressintensiv, oder?

Auf der Intensivstation lässt sich die Belastung des Patienten inzwischen gut steuern. Schmerz- und Beruhigungsmittel lassen sich so dosieren, dass dem Patienten Stress und Angst gut genommen werden. Auf die leichte Schulter nehmen sollte man es dennoch nicht! Insgesamt ist eine intensivmedizinische Behandlung durchaus eine große Belastung für Körper und Seele, von der sich die Patienten oft über eine lange Zeit wieder erholen müssen.

Lesen Sie auch: 

Landrat Petz fordert Fingerspitzengefühl im Umgang mit Flüchtlingen.

Neues Großprojekt am Flughafen: Event-Arena für 20.000 Besucher geplant – Kritiker warnen vor Verkehrskollaps.

„Sensation“ : Spektakulärer Fund auf Baustelle - Entdeckung einzigartig in ganz Süddeutschland.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Flugzeugabsturz in Moosburg: Zwei Insassen sterben bei Unglück - Rund 100 Einsatzkräfte an Einsatz beteiligt
Flugzeugabsturz in Moosburg: Zwei Insassen sterben bei Unglück - Rund 100 Einsatzkräfte an Einsatz beteiligt
Bei TV-Kultsendung: Aiwanger bekommt Corona-Frust zu spüren - Gastronomen Angst vor Horror-Szenario im Herbst
Bei TV-Kultsendung: Aiwanger bekommt Corona-Frust zu spüren - Gastronomen Angst vor Horror-Szenario im Herbst
Wegen Corona-Infektion: Am Montag bleibt die Paul-Gerhardt-Schule geschlossen
Wegen Corona-Infektion: Am Montag bleibt die Paul-Gerhardt-Schule geschlossen
Absturz nach dem Start: Pilot stirbt in brennendem Kleinflieger
Absturz nach dem Start: Pilot stirbt in brennendem Kleinflieger

Kommentare