Eine Ärztin neben einer Beatmungsmaschine.
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14 Patienten können auf der Intensivstation des Klinikums Freising versorgt werden. Es gäbe zwar mehr Betten – aber dafür reicht das Personal nicht.

Corona-Situation verschärft sich

„Wir haben einen Kollaps zu befürchten“: Pflegedirektor am Klinikum Freising appelliert an die Bürger

  • Helmut Hobmaier
    vonHelmut Hobmaier
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Sollten die Infektionszahlen nicht sinken, fürchtet Oliver Hübler, Pflegedirektor am Klinikum Freising, einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems. Er richtet einen flammenden Appell an die Bürger.

Landkreis – Im Klinikum Freising laufen die Vorbereitungen für den Ernstfall – den weiteren Zustrom an schwerkranken Covid-19-Patienten. Bereits jetzt werden fünf Patienten beatmet. Und die Kapazitäten – vor allem, was das Pflegepersonal betrifft – sind begrenzt. Sollten die Infektionszahlen nicht nach unten gehen, fürchtet Pflegedirektor Oliver Hübler einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems in Deutschland. Am Ende des Gesprächs mit dem Freisinger Tagblatt richtet Hübler daher einen flammenden Appell an alle.

Herr Hübler, kann das Klinikum eine zweite schwere Corona-Welle überhaupt verkraften?

Das hängt vom weiteren Infektionsgeschehen ab. Derzeit – Stand Montag – haben wir fünf Patienten, die alle beatmet werden müssen, darunter sind auch jüngere um die 50 Jahre. 16 weitere Patienten – von jünger bis hochbetagt – liegen außerdem auf der Isolierstation, für die wir bereits eine komplette Ebene reserviert haben. Die Zahlen sind zwar gerade stabil. Aber ich kann nicht in die Zukunft schauen. Keiner weiß, wie es weitergeht. Eine klare Tendenz nach unten kann ich nicht erkennen. Wir bereiten uns also auf einen weiteren Ausbau im Intensiv- und Überwachungsbereich vor. Das ist eine ziemliche Herausforderung.

Warum?

Weil wir nur begrenzt Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben. Wir setzen bei den Kollegen aus der Pflege und aus dem medizinischen Bereich auf Freiwilligkeit, um das in irgendeiner Form managen zu können. Und alle leisten hervorragende Arbeit. Aber das hat auch seinen Preis – nämlich Einschränkungen der Kapazitäten außerhalb des Covid-Bereichs. Wir haben ja auch weiterhin Schlaganfälle, Herzinfarkte und Krebserkrankungen. Wir müssen die zweite Corona-Krise meistern – aber trotzdem weiterhin die gesamte Bevölkerung medizinisch versorgen.

Pflegedirektor Oliver Hübler warnt: „Wir haben nur begrenzt Pflegefachkräfte.“

Wie viele Patienten waren es auf dem Höhepunkt der ersten Welle?

Damals haben wir maximal 14 Patienten auf der Intensivstation beatmet und 60 weitere auf der Isolierstation betreut. Damit waren wir allerdings auch am Limit.

Konnten Sie diese Kapazitäten ausbauen?

Wir könnten zwar Betten noch und nöcher aufstellen – aber wir haben nicht die Pflegefachkräfte, um diese Patienten dann auch zu betreuen. Das heißt: Wir können weiterhin maximal 14 Intensiv-Betten betreiben, plus einige Überwachungsbetten. Aber auch da sind die Kapazitäten schnell erschöpft. Intensivpfleger können Sie nicht aus dem Ärmel schütteln. Die Ausbildung dauert Jahre.

Da die Infektionszahlen auch im Landkreis Freising weiterhin hoch sind, bedeutet das: Es ist bereits fünf vor Zwölf.

Ja, wir sind in Habacht-Stellung.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie Bilder aus Berlin sehen mit Tausenden von Corona-Leugnern und Masken-Verweigerern?

Dann stelle ich mir die Frage: Ist die individuelle Freiheit wirklich das höchste Gut, das verteidigt werden muss – und welchen Preis ist man bereit, dafür zu bezahlen? Schauen Sie in die Schweiz. Dort sind alle Intensivbetten bereits belegt. Wollen wir das auch riskieren? Wir haben den Kollaps unseres Gesundheitssystems zu befürchten, wenn die Infektionswelle so weiterläuft wie bisher. Man sollte sich klar machen, was das bedeutet: Das kann auf Jahre und Jahrzehnte hinaus Konsequenzen für die Versorgung der Bevölkerung bedeuten. Wollen wir in Deutschland ein Gesundheitssystem mit eingeschränkter Versorgung? Das sollte man als Politiker in die Überlegungen miteinbeziehen.

Was sollte Ihrer Meinung nach jetzt geschehen? Ein totaler Lockdown?

Das wäre die Ultima Ratio, wenn alle Appelle nicht mehr fruchten. Jetzt erwarte ich von der Regierung zunächst mal eine bessere Krisen-Kommunikation statt widersprüchlicher Aussagen, die die Menschen auf verschlungenen Pfaden aus irgendwelchen Gremien erreichen. Es braucht jetzt einen klaren Appell, Rücksicht zu nehmen und achtsam zu sein. Ob Vorschriften verschärft werden müssen, hängt vom Infektionsgeschehen ab. Fest steht aber: Wenn die Sache so weiterläuft, steuern wir auf einen Kollaps zu. Das ist keine Panikmache, sondern eine kritische Bewertung der Situation.

Wenn die Sache so weiterläuft – dann haben Sie am Klinikum dauerhaft eine Vielzahl von Covid-19-Patienten. Wie lange halten Sie das durch? Ein halbes Jahr?

Abhängig von der Zahl der erkrankten Patienten und deren Krankheitsverläufen muss man das Geschehen kritisch bewerten. Bei einer dauerhaft hohen Belastung kommen wir an unsere Grenzen und haben dann auch mit vermehrten Ausfällen bei den Beschäftigten zu rechnen – mit all ihren Konsequenzen.

Wie ist die Stimmung im Pflegebereich?

Das Engagement liegt auf einem sehr hohem Niveau – und ich zolle meinen Mitarbeitern dafür den größten Respekt. Aber die Stimmung ist angespannt.

Wie lautet Ihr Appell an Ihre Mitmenschen?

Bleiben Sie achtsam! Überlegen Sie, welche Aktivitäten wirklich notwendig sind! Man kann Corona für ein Märchen halten. Aber dann sollte man sich nicht wundern, wenn man eines Tages schwer erkrankt – und im Klinikum kein Bett mehr frei ist.

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