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Immer noch strömen mehr Menschen als „vor Corona“ in den Hagebau-Markt. Michael Cunow (stellvertretender Marktleiter) und Emely Heindle, die im September eine Ausbildung beginnt, haben alle Hände voll zu tun.

„Die rennen uns die Bude ein“

„Noch nicht wie vor Corona“: Einige Freisinger Geschäfte haben Probleme – andere Branchen boomen

  • Helmut Hobmaier
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Ist der Umsatz wieder wie vor Corona? Wie laufen die Geschäfte? Und wie geht’s weiter? Auf diese Frage antworten Freisings Geschäftsinhaber sehr unterschiedlich. Eine Corona-Zwischenbilanz.

Landkreis – Haben sich die Kunden an die Masken gewöhnt? Ist der Umsatz wieder wie vor Corona? Wie laufen die Geschäfte? Und wie geht’s weiter? Auf diese Fragen antworten Ladenbesitzer und Marktleiter sehr unterschiedlich. Die einen laufen ihrem früheren Umsatz nach, die anderen kommen mit der Arbeit nicht mehr nach.

Die Metzgerei

„Nein, so wie vor Corona ist es bei uns noch nicht“, sagt Margit Kaiser. Die Filialleiterin der Metzgerei Boneberger an der Oberen Hauptstraße in Freising plagen gleich drei arge Probleme.

Da ist zum einen die riesige Baustelle vor der Ladentür – hier wird bis nächstes Jahr die Moosach geöffnet. Lärm, Dreck und Absperrungen vertreiben die Leute, weiß Kaiser. „Und wir sind ja geradezu wie eingekesselt“. Deshalb habe sich die Laufkundschaft deutlich reduziert. Bummeln und Einkaufen in der Oberen Altstadt – das sei derzeit kein Genuss.

„Außerdem fehlt uns der Wochenmarkt“, bedauert die Filialchefin. „Der war wie ein Magnet. Seit der Markt in die Luitpoldanlage umgezogen ist, sind viel weniger Leut’ in der Innenstadt. Da fehlt richtig was.“ Und die dritte Umsatzbremse: die Maskenpflicht und die Ansteherei. „Wegen der Abstandsregeln dürfen wir zum Beispiel am Samstag nicht mehr zu siebt, sondern nur mehr zu viert bedienen“, erzählt Kaiser, „das führt zu Warteschlangen“. Aber wegen ein bisserl Wurst will sich keiner anstellen.“ Die Frage, ob man künftig die Mehrwertsteuerreduzierung an die Kunden weitergibt, beantwortet die Filialleiterin daher mit: „Viele Geschäfte sind jetzt, nach Corona, mit ihren Preisen raufgegangen. Wir nicht.“

Der Baumarkt

„Das waren für uns die herausforderndsten Wochen ever“ zieht Michael Cunow eine erste Corona-Bilanz. Nach der Öffnung am 20. April sei der Hagebau-Markt regelrecht gestürmt worden, berichtet der stellvertretende Filialleiter. „Das hatte schon historische Dimensionen.“ Ob Farbe oder Dünger, Blumentöpfe oder Bauholz – die Regale waren bald beinahe leergeräumt. Eigentlich sehr erfreulich – aber dann gab es Engpässe bei der Lieferung neuer Ware. Die Blumentöpfe beim Hagebau etwa kommen aus Holland – ausverkauft. Auch der deutsche Bauholz-Lieferant musste bald passen: Andere Baumärkte hatten ihn schon geplündert. Und dann fehlten die Spediteure, um die neue Ware anzuliefern. Gleichzeitig also ein enormer Kundenstrom in den Baumarkt – aber bei enorm reduziertem Personal: Kurzarbeit. „Wir wollten den Lockdown außerdem so sozial verträglich hinkriegen wie möglich“, berichtet Cunow. Viele Hagebau-Mitarbeiter seien Mamas und Papas, denen man nach den Kita-Schließungen die Möglichkeit der Kinderbetreuung zuhause einräumen wollte. 

Immer noch strömen mehr Menschen in den Hagebau als früher: „Viele arbeiten weiterhin kurz“, weiß Cunow. „Die haben jetzt Zeit und machen den Garten schön und die Wohnung neu.“ Lieferschwierigkeiten aber gebe es nach wie vor.

Das Modehaus

„Wir sind eigentlich überrascht, wie gut der Neustart gelungen ist“, sagt Wolfgang Billmayer. Als Chef des gleichnamigen Modehauses, des Wäschehauses Billmayer und der Boutique S. Oliver, hat Billmayer einen breiten Überblick über die Branche. Zum einen profitiere man von der enormen Treue der Kunden. Zum anderen vom „kleinen Standort“ Freising. „Die Leut’ fahren jetzt nicht zum Einkaufen nach München“, weiß Billmayer, „die kaufen regional ein – das ist unser Vorteil.“

Aber: „Um in den alten Lauf zu kommen, braucht es noch Zeit. Da muss sich Vieles erst noch einspielen.“ Zum einen fehlten die Anlässe, um sich schicke Kleidung zu kaufen: „Keine Hochzeiten, keine großen Geburtstagsfeiern, keine Schulfeiern“, zählt Billmayer auf – „alles ein Grund, um sich etwas Neues zu kaufen. Und das alles fällt derzeit flach.“ Ein zweiter Punkt sei das fehlende Budget für die Mode: „Viele sind noch in Kurzarbeit und müssen auf einen Teil ihres Einkommens verzichten.“ Da spare man sich schon mal den Kauf eines eleganten Kleides.

Die Maskenpflicht – für Kunden wie Verkaufspersonal – tue ein Übriges, um das in der Modebranche so wichtige Einkaufserlebnis zu schmälern. Billmayer: „Stellen Sie sich einfach mal vor, mit der Maske in der Umkleidekabine Kleidung anzuprobieren, dann wissen Sie, was ich meine.“

Das Autohaus

Zu den Firmen, die die Corona-Krise bisher gut überstanden haben, gehört das Autohaus Gruber Camp+Car. Während des Lockdown musste zwar der Vertrieb aussetzen, und der Verkauf der Neufahrzeuge ging gegen Null, wie Andrea Gruber berichtet. Die Arbeit in der Werkstatt aber ging weiter, und der Verkaufs-Neustart verlief reibungslos: Es werde finanziert, es werde bar bezahlt. „Und die Frequenz ist da. Unsere Hyundai-Modelle gehören ja doch zum günstigeren Preissegment“, so Gruber, „was jetzt angesichts der Kurzarbeit und unsicheren finanziellen Perspektive vieler Menschen ein Vorteil ist.“ Lieferengpässe habe es beim südkoreanischen Hersteller nie gegeben: „Hyundai ist quasi autark“, weiß Andrea Gruber, „die produzieren sogar ihren eigenen Stahl.“

Der Boom bei den Freizeit-Fahrzeugen aber stelle heuer alles bisher Dagewesene in den Schatten: „Die rennen uns die Bude ein“, sagt Andrea Gruber. Das Werk, wo die beliebten Modellreihen Globecar und Sunlight produziert werden, arbeite am Limit: „Die kommen mit der Produktion nicht mehr nach“ – lange Wartezeiten seien die Folge. Die Corona-Krise, Pleiten von Reiseunternehmen und Airlines sowie der Trend, seine Freizeit individuell gestalten zu wollen, hätten zu einer „extremen Nachfrage“ geführt. Gerade in Krisenzeiten sei man lieber auf vier Rädern unterwegs „als mit einem Flieger, der dann nicht fliegt“, wie Gruber sagt. In den Camper aber könne man sich jederzeit „reinsetzen und heimfahren“ – und es darin notfalls auch ein paar Tage gut aushalten. Ganz abgesehen vom niedrigen Infektionsrisiko. Viele schlafen jetzt lieber im eigenen Bett.

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