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Bei ihm laufen die Fäden zusammen: Minister Florian Herrmann (r.), Vorsitzender des bayerischen Katastrophenstabs, zusammen mit Ministerpräsident Markus Söder in der Kabinettssitzung Anfang dieser Woche.

Im Gespräch mit Florian Herrmann

„Gab keinen Grund, länger zu warten“: Vorsitzender erklärt Vorgehen des Katastrophenstabs

  • Andreas Beschorner
    vonAndreas Beschorner
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Staatskanzlei-Chef Florian Herrmann leitet den bayerischen Katastrophenstab. Im Interview spricht er über die aktuelle Lage und das Vorgehen der Staatsregierung.

Landkreis – Bei ihm laufen die Fäden zusammen: Florian Herrmann, Leiter der Staatskanzlei und seit Beginn der Corona-Krise derjenige, der als Vorsitzender des bayerischen Katastrophenstabs ganz wesentlich die Maßnahmen mitbestimmt, die man im Freistaat gegen die Pandemie ergriffen hat – und weiterhin ergreifen wird. Im FT-Interview erklärt der Staatsminister das Vorgehen der Bayerischen Staatsregierung.

Herr Herrmann, sind Sie selbst schon getestet?

Ja – und zum Glück negativ. Aber auch die Kontaktperson, wegen der ich mich einem Test unterzogen habe, war nicht positiv getestet worden.

„Wir haben eine sehr dynamische Entwicklung feststellen müssen“

Wie schützen Sie sich weiterhin?

Ich bin derzeit ausschließlich Zuhause oder in der Staatskanzlei – und dort mit dem notwendigen Abstand. Es finden praktisch nur noch Video- und Telefonkonferenzen statt, ich nehme keine externen Termine wahr.

Bayern ist mit seiner Ausgangsbeschränkung vorangegangen. Dafür gab es Kritik aus anderen Bundesländern. Wieso war das aber trotzdem richtig und wichtig?

Das lag sicherlich an der geografischen Lage Bayerns, das dadurch mehr betroffen ist als andere Länder. Wir haben eine sehr dynamische Entwicklung feststellen müssen, und auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen entschieden, schnell Maßnahmen zu ergreifen, um die Infizierung zu verlangsamen. Es gab keinen Grund zu warten. Jeder Tag länger ohne diese Beschränkungen hätte hunderte Infizierte mehr und mehr Tote bedeutet.

„Wollen die Menschen ja nicht einsperren“

Wie schwer fällt es, den Bürgern solche Einschränkungen aufzuerlegen?

Das sind schon Entscheidungen, die man sich nicht leicht macht. Bayern ist ein freiheitliches Land, ein Freistaat, und wir wollen die Menschen ja nicht einsperren. Aber in dieser Extremsituation geht es nicht so sehr um Politik, sondern um Medizin, Biologie und Mathematik. Und wenn man weiß, wie dieses Virus agiert, muss man alles tun, um die Ausbreitung zu verlangsamen.

Und wie schwer fällt es, so viele Milliarden Euro bereitzustellen, um die Wirtschaft zu stärken?

Auch das war eine schwierige, aber absolut notwendige Entscheidung. Die Gesundheit der Bürger steht an erster Stelle. Aber selbstverständlich wissen wir, dass nach der medizinischen Herausforderung eine riesige wirtschaftliche Herausforderung auf uns wartet. Mit den 20 Milliarden Euro, die der Freistaat als Sonderfonds bereitstellt, mit Bürgschaften und Soforthilfen für Klein- und Mittelständler,haben wir da schon reagiert. Wir werden alles tun, was notwendig ist, um die bayerische Wirtschaft zu stützen und Arbeitsplätze zu sichern.

Katastrophenstab tagt täglich

Gibt es eigentlich noch ein anderes Thema für Sie und die Staatsregierung? Oder muss alles andere jetzt warten?

Die gesamte Staatsregierung konzentriert sich voll auf diese Notfallsituation. Weil wir ja den Katastrophenfall ausgerufen haben, gibt es täglich Videokonferenzen, in denen auch alle Folgefragen behandelt werden, in die alle Minister und selbstverständlich der Ministerpräsident eingebunden sind.

Auf welchen Grundlagen und wie oft wird die Situation neu bewertet?

Wie gesagt: Der Katastrophenstab tagt täglich. Ein fester Tagesordnungspunkt ist die Schilderung der Lage durch das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Hinzukommen Berichte des Robert-Koch-Instituts, von Virologen und viele andere Informationen.

Trauen Sie sich zu, eine Prognose abzugeben, ab wann sich die Lage entspannt?

Die Ausgangsbeschränkungen gelten seit Samstag. Diese muss man nun wirken lassen, das heißt, man muss die Lage eine gewisse Zeit lang beobachten. Ich halte mich da mit Spekulationen zurück. Die Beschränkungen werden wir so lange aufrechterhalten wie es notwendig ist. Wir dürfen auch nicht zu früh wieder zu alten Verhältnissen zurückkehren, damit es nicht zu einer zweiten Welle kommt.

„Größter Respekt“ für alle im Einsatz

Der Landkreis Freising, also Ihr Stimmkreis, gehört zu den am stärksten betroffenen in Bayern. Gibt es dafür eine Erklärung?

Das kann die Lage sein. Oder auch nur Zufall. Das wird man später in Ruhe wissenschaftlich analysieren müssen. Derzeit müssen wir die Herausforderungen ganz konkret bewältigen. Aber ich spreche dem Landrat, dem Klinikum, dem Gesundheitsamt, den Ärzten und Pflegern meinen größten Respekt für ihren Einsatz aus.

Und doch gibt es noch immer Bürger, die den Ernst der Lage nicht erkennen oder nicht erkennen wollen.

Das ist extrem unsolidarisches Verhalten, das ist unverantwortlich. Man kann das Virus selbst ohne Symptome haben, aber der, an den man es weitergibt, kann daran sterben. Außerdem ist es ein Irrglaube, dass nur Menschen über 80 Jahre von einem schweren Verlauf betroffen sind. Es liegen auch Menschen zwischen 30 und 60 an den Beatmungsgeräten. Ich verstehe es nicht, wieso es nicht möglich ist, sich angesichts solch einer Krise mal zwei Wochen selbst etwas zurückzunehmen.

Ein Schlusswort?

Es wird auch nach der Krise ein Bayern geben. Und vielleicht wird die Gesellschaft dann sogar eine bessere sein, weil wir jetzt Solidarität bewiesen haben.

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