„Man kann vor der Kamera zwar die Noten richtig spielen, aber vom Vortrag kommt weniger rüber.“ Carina und Fabian Castell hätten sich ein Vorspiel gewünscht, aber auch der digitale „Jugend-musiziert“-Wettbewerb, ihr erster gemeinsamer Auftritt, wird ihnen in guter Erinnerung bleiben.
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„Man kann vor der Kamera zwar die Noten richtig spielen, aber vom Vortrag kommt weniger rüber.“ Carina und Fabian Castell hätten sich ein Vorspiel gewünscht, aber auch der digitale „Jugend-musiziert“-Wettbewerb, ihr erster gemeinsamer Auftritt, wird ihnen in guter Erinnerung bleiben. Screenshot

Die Musik im Fokus

Dank Videoclips konnte „Jugend musiziert“ trotz Corona stattfinden - Drei Teilnehmer aus Freising berichten

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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Auch „Jugend musiziert“ muss wegen Corona neue Wege gehen: Drei Teilnehmer aus Freising berichten von dem digitalen Wettbewerb.

Freising – Noch außergewöhnlicher kann eine Premiere kaum sein. Zum ersten Mal nimmt Lukas Pflüger an „Jugend musiziert“ teil. Und dann geschieht dies gleich auf ganz neuen Wegen. Aufgrund von Corona sehen es die Regularien für dieses Jahr vor, dass Kinder ab zwölf Jahren nicht vor einer Jury vorspielen, sondern einen digital aufgenommenen Videobeitrag einreichen.

„Das war ziemlich aufwendig“, sagt Lukas, der sich in der Rubrik Klarinette Solo angemeldet hat. Vor allem wusste der Zwölfjährige aus Freising lange nicht, ob ihn bei der Aufnahme eine Lehrkraft auf dem Klavier würde begleiten dürfen – oder ob er auf ein Playback aus der Konserve angewiesen sein würde. „Erst kurz vor Schluss war klar, dass wir bei der Aufnahmen zu zweit sein dürfen – mit den entsprechenden Abständen.“

In einem Rutsch durchgespielt

Etwa 15 Minuten dauerte das Programm, das Lukas und sein Lehrer Thomas Weighardt für den Wettbewerb zusammengestellt hatten. „Da es nicht erlaubt war, das Video zu schneiden, mussten wir die Stücke in einem Rutsch durchspielen“, berichtet der Freisinger. „Unser Ziel war es zudem, nicht zu viele Durchgänge aufzunehmen.“ Am Ende benötigte der Klarinettenspieler eine Probe und zwei Durchläufe. Dann war der mit dem Smartphone des Vaters aufgenommene Beitrag im Kasten. Kleinere Fehler im Vortrag wurden dabei in Kauf genommen.

„Wir mussten die Stücke in einem Rutsch durchspielen“, erklärte Lukas Pflüger. Dass ein Video eingereicht werden musste, kam ihm entgegen. Er war weniger aufgeregt. Screenshot

Lukas’ Fazit: „Am Ende ist es mir entgegengekommen, dass der Beitrag per Video eingereicht werden musste. Hätte ich vor einer Jury vorspielen müssen, wäre ich sicher viel aufgeregter gewesen.“

Carina und Fabian Castell haben diese Art des Lampenfiebers schon mehrfach erlebt. Die beiden Geschwister aus Freising haben jeweils schon zum vierten Mal bei „Jugend musiziert“ mitgemacht. Dieses Mal aber sind sie erstmals gemeinsam angetreten – in der Kategorie Klavier vierhändig. In Zeiten, in denen Kontakte möglichst reduziert werden sollen, bot es sich an, dass sich Bruder und Schwester zusammentun. „Aber mit Corona hat das nichts zu tun“, erklärt Fabian. „Wir hatten schon nach dem letzten ,Jugend musiziert’ die Idee, einmal gemeinsam aufzutreten.“

Mit der Aufregung fehlt auch der Kick

Umso mehr bedauern es die beiden, dass es nun eben zu keinem Auftritt kam. „Ein Vorspiel macht schon mehr Spaß, als ein Video aufzunehmen“, betont Carina. „Und es ist auch nach einer langen Zeit des Übens ein schönerer Abschluss.“

Bei den Videoaufnahmen stellten die beiden auch fest, dass es viel schwieriger sei, einen perfekten Auftritt vor der Kamera hinzubekommen. „Es hat einfach ein bisschen die Aufregung und damit auch der Kick gefehlt“, sagt Fabian. Fast immer lief beim Üben die Kamera mit. Dass es kurz vor Abgabetermin doch noch möglich war, den Saal der Musikschule zu nutzen, wusste im Vorfeld niemand. „Zum Schluss hatten wir drei ernst zu nehmende Aufnahmen, aus denen wir versucht haben, die beste herauszusuchen.“

Am Ende waren die beiden ganz zufrieden. Allerdings findet Carina, dass in der Aufnahme schon was verloren gehe: „Man kann vor der Kamera zwar die Noten richtig spielen, aber vom Vortrag kommt weniger rüber.“ Die Feinheiten und Stimmungen seien auf den Aufnahmen nicht so deutlich wahrnehmbar wie für ein Live-Publikum. „Musikalisch büßt man da schon einiges ein.“

Carinas Klavierlehrerin Julia Fedulajewa ist trotzdem oder gerade deswegen stolz auf ihre Schüler und Schülerinnen. Sie hat drei Duos auf den Wettbewerb vorbereitet und sagt: „Ich habe wahnsinnig großen Respekt vor der Leistung aller Kinder.“ Schließlich sei die Situation für alle schwierig.

„Bei einem digitalen Unterricht bleibt natürlich vieles auf der Strecke, und dass ist natürlich manchmal auch sehr deprimierend“, sagt sie. „Mir war es aber wichtig, dass wir nicht alle in einem Corona-Blues versinken. Denn das hätte alle Kreativität und jeden Mut gehemmt.“ Stattdessen war es ihr wichtig, die Konzentration auf all das zu lenken, was in der Pandemie möglich ist, klappt und Freude bereitet.

Am Ende hat alles Sinn gemacht

Am Ende hatten die Teilnehmenden so viele gute Beiträge gesammelt, dass sich Lehrer und Schüler teilweise gar nicht einig waren, welchen Film man nun einreichen sollte. „Ich plädiere eher für solche Auftritte, die vielleicht technisch weniger perfekt und mit Schönheitsfehlern behaftet sind, dafür aber emotional frischer und musikalischer rüberkommen“, sagt Julia Fedulajewa. „Aber es gibt natürlich auch andere Sichtweisen.“ Letztlich habe man neben den Schülern auch Eltern und Geschwisterkinder befragt. Am Ende hätten sich dann immer Mehrheiten gebildet. „Und entscheiden müssen es letztlich die Musiker selbst.“

„Ich habe wahnsinnig großen Respekt vor der Leistung aller Kinder“: Lehrerin Julia Fedulajewa ist stolz auf ihre Schüler und Schülerinnen.

Am Ende sei es auch gar nicht so wichtig, wie viele Punkte einzelne Beiträge erzielen würden. „Es gab im Vorfeld so viele Bedenken und Fragen bezüglich des Wettbewerbs – ob es überhaupt Sinn macht, ihn unter diesen Umständen durchzuführen. Trotzdem haben sich die jungen Menschen alle für die Musik entschieden.“

Julia Fedulajewa ist sich sicher: „Wenn wir später mal auf diese Pandemie zurückschauen, dann werden wir nicht nur an die Isolation und die Schwierigkeiten denken, sondern wir werden uns an die Stunden des schönen gemeinsamen Musizierens erinnern.“

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