Andrea und Ralph Mion vom Bauernhof-Café Doblmair in Au
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Sehnsüchtig warten sie auf Gäste: Andrea und Ralph Mion vom Bauernhof-Café Doblmair in Au machen mit Gerichten zum Mitnehmen immerhin ein Viertel ihres Umsatzes – dank der Treue ihrer Stammgäste.

Kritik an Politik, Sorge um Existenz

„Den meisten steht das Wasser bis zum Hals“: Alarmstufe Rot in der Gastronomie im Kreis Freising

  • Helmut Hobmaier
    vonHelmut Hobmaier
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  • Magdalena Höcherl
    Magdalena Höcherl
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Fast ein halbes Jahr im Lockdown: Die Stimmung bei den Gastronomen im Landkreis rabenschwarz. „Den meisten steht das Wasser bis zum Hals“, sagt Freisings Dehoga-Chefin.

Landkreis – Eigentlich war er für den April geplant – der sanfte Neustart in der Gastronomie. Doch die grassierende britische Corona-Mutante hat alle Hoffnungen zunichtegemacht. Es droht ein Lockdown bis weit in den Juni. Die Stimmung bei den Gastronomen: rabenschwarz. „Kein Konzept, kein Plan, kein System“: Nicht nur für Ludwig Scherr vom Gasthof Hörhammer („Alter Wirt“) in Zolling ist die Corona-Politik eine einzige Katastrophe. Die Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) im Landkreis, Anna Elisabeth Hofmeier, warnt: „Den meisten in der Branche steht das Wasser bis zum Hals.“

Stimmung der Wirte „ganz, ganz unten“

Gerade haben sich die Wirte in einer virtuellen Kreisversammlung der Dehoga ausgetauscht. „Die Stimmung war ganz, ganz unten“, berichtet Hofmeier. „Es gab viel Kritik an der Politik, harte Kritik.“ Die Gastronomie werde als erstes zugesperrt und als letztes wieder aufgemacht. Konzepte, in denen auch die Hotellerie und Gastronomie berücksichtigt werden, gebe es nicht.

Schaut das nicht verlockend aus? Die Parkcafé-Chefs Steffen Irion (l.) und Can Tuna bieten ein Sonntags-Frühstück an, „to go“.

Dabei existierten es bewährte Hygienekonzepte, die bei entsprechenden Räumlichkeiten auch drinnen funktionierten: Maske bis zum Tisch, viel Abstand, ein Belüftungskonzept, Maskenpflicht für alle Mitarbeiter – das alles müsse natürlich penibel eingehalten werde. Und die Wirte seien dazu auch bereit. Aber: Es werde nicht einmal ein Versuch unternommen, das zu testen. „Man könnte im kleinen Rahmen beginnen“, schlägt die Dehoga-Kreischefin vor, „etwa mit nur einer Familie oder einem Paar am Tisch.“ Falls die Infektionszahlen stabil bleiben, könne man schrittweise weiter lockern.

Feiern werden endgültig abgesagt

Wenn nicht bald etwas geschehe, so Hofmeier, würden Existenzen vernichtet. „So geht es nicht mehr weiter. Wir müssen wieder arbeiten.“ Es herrsche Alarmstufe Rot. Ein Beispiel: „Gerade werden die vom vergangenen Jahr verschobenen Hochzeitsfeiern wieder abgesagt“, berichtet Hofmeier. „Das bedeutet: endgültig storniert, nicht verschoben. Umsatz, der unwiederbringlich verloren ist.“

Eine Absage erteilt Anna Elisabeth Hofmeier dem Vorschlag, die eintreffenden Gäste zu testen: „Dazu müsste man eine richtige Teststation aufbauen.“ Auch wäre das eine Kostenfrage. Schon die Tests der Mitarbeiter seien ein Kostenfaktor: „Bei Vollbeschäftigung und zwei Tests wöchentlich müssten wir pro Woche 100 Tests durchführen.“

Herbe Kritik vom Hörhammer-Wirt

Mit einem deutlich strengeren Lockdown um Weihnachten hätte viel Unheil verhindert werden können, glaubt Ludwig Scherr vom Gasthof Hörhammer. Vor allem aber ärgert ihn das „totale Versagen“ der EU beim Impfstart. Ausbaden müssten das jetzt die Wirte: „Wer keine Rücklagen hat, ist ruiniert. Wer welche hat, braucht sie auf. Ich musste bereits Grund verkaufen.“ Viel zu zögerlich kämen die Corona-Hilfen. Und jetzt hätten die Politiker nichts Besseres zu tun, als sich wegen der anstehenden Bundestagswahl zu „hakeln“.

Aber es sei nicht nur das Geschäft, das leide: „Ich bin auch Wirt, weil ich gerne Menschen um mich habe. Ich möchte für meine Gäste da sein. Ich bin doch kein Einsiedler“, sagt Scherr, der am Freitag und Sonntag seine Schmankerl zum Abholen anbietet. Die Nachfrage sei ganz gut, „aber ich mache das vor allem, um beschäftigt zu sein“. Die Menschen, sagt Scherr, bräuchten wieder eine Perspektive – „aber nichts geht weiter. Ein einziger Zirkus. Das ist doch nicht mehr feierlich!“

Schwierige Lage im Bauernhof-Café

Ralph Mion, der mit seiner Frau Andrea das Bauernhof-Café Doblmair in Au betreibt, musste seine Hoffnungen erneut verschieben – und zwar auf den Muttertag am 9. Mai. Bis dahin hat das bayerische Kabinett die Corona-Maßnahmen vorerst verlängert. Vorher wird es in der Gastronomie weiterhin nichts als To-go-Angebote geben. „Ich bin fast froh, dass wir sozusagen von Woche zu Woche vertröstet werden“, sagt der 56-Jährige. „Denn wenn man uns schon im November gesagt hätte, dass der Lockdown für die Gastro mindestens ein halbes Jahr geht, hätten sicher viele den Kopf in den Sand gesteckt.“

Doch auch so ist die Lage schwierig: Die staatliche Unterstützung laufe schleppend. „Erst im März haben wir den letzten Teil der Novemberhilfen bekommen, das Dezembergeld ist natürlich auch noch nicht voll ausgezahlt.“

Ohne unsere tollen Stammgäste hätten wir längst zusperren müssen.

Ralph Mion vom Bauernhof-Café Doblmair in Au

Um sich über Wasser zu halten, setzt das Ehepaar Mion auf Gerichte zum Mitnehmen. „Damit machen wir vielleicht ein Viertel des gewöhnlichen Umsatzes, aber ohne unsere tollen Stammgäste hätten wir schon längst zusperren müssen.“ So sei die Situation einigermaßen erträglich, auch Aushilfskräfte hätten bislang glücklicherweise noch nicht ausgestellt werden müssen. „Wir sind ein kleines Familienunternehmen, da geht’s schon noch. Aber wenn ich dann höre, dass große Automobilfirmen ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und dann Dividenden an die Aktionäre auszahlen, bin ich – gelinde gesagt – verärgert.“

Ralph Mion hofft auf ein baldiges Ende des „Fake-Lockdowns“, wie er die aktuelle Situation nennt. „Es ist ja nur ein Bruchteil der Leute im Homeoffice.“ Die Unterhaltungs- und Fitnessbranche sowie Gastro und Hotellerie würden derzeit am meisten leiden. „Alle anderen dürfen ja normal in die Arbeit, teilweise sogar ohne Tests ins Großraumbüro.“ Er verstehe daher nicht, wieso Wirtshausbesuche verboten sind. Im Sommer hätten er und seine Kollegen bewiesen, ihre Gäste mit entsprechenden Hygienekonzepten zu schützen.

Der Inhaber des Bauernhof-Cafés Doblmair wünscht sich daher vonseiten der Politik eine Öffnungsperspektive kombiniert mit vielen Tests, ähnlich dem Tübinger Modell, um zumindest die Außengastronomie langsam wieder hochzufahren. „Das wäre für mich ein mögliches Szenario.“

Parkcafé-Wirte sind „frustriert“

Diesem Vorschlag kann Can Tuna nur zustimmen. Gemeinsam mit Steffen Irion ist er Pächter des Freisinger Parkcafés – und hängt seit einem halben Jahr in der Luft. „Wir sind frustriert“ sagt Tuna. „Uns fehlt die Perspektive.“

Wenn es die vonseiten der Politik gäbe, würde er auch einen mehrwöchigen ganz harten Lockdown akzeptieren. Motto: Besser befristet alles dichtmachen als so weitermachen wie bisher. „Wirtschaftlich können wir das nicht mehr lange stemmen“, sagt der Freisinger Parkcafé-Chef, der seit Wochen ein Sonntagsfrühstück „to go“ anbietet und das nun auf einen Straßenverkauf von Kaffee, Kuchen und Getränken wie einen Spritz ausweiten möchte. Mit den bisherigen ausgefeilten Hygienekonzepten ist seiner Meinung nach die Öffnung der Außengastronomie durchaus vertretbar. „Wir haben das ja bereits im Sommer erfolgreich praktiziert.“ Auch eine Öffnung nach dem Tübinger Modell wäre eine runde Sache: Kunden werden einmal täglich professionell schnellgetestet – und dürfen dann in Biergärten und Läden. Zunächst ist das aber bekanntlich auf Eis gelegt.

Eine Wirtin aus dem Landkreis, die nach dem Gespräch mit dem Freisinger Tagblatt lieber anonym bleiben will, sprach wohl für die gesamte Branche, als sie dem Reporter sagte: „Ich mag zu dem Thema gar nichts mehr sagen – sonst krieg’ ich noch ein Magengeschwür.“

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