Fliegender Retter: Mit den Einsätzen als Luftrettungssanitäter ging für Erwin Prechtl in den 70er-Jahren ein Traum in Erfüllung.
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Fliegender Retter: Mit den Einsätzen als Luftrettungssanitäter ging für Erwin Prechtl in den 70er-Jahren ein Traum in Erfüllung.

Infiziert mit dem Helfer- und Retter-Virus

Der fliegende Sani: Erwin Prechtl (77) aus Freising ist der dienstälteste Luftrettungssanitäter

  • Helmut Hobmaier
    vonHelmut Hobmaier
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Erwin Prechtl aus Freising ist der dienstälteste noch lebende Luftrettungssanitäter aus der Gründerzeit um 1970. Dem Tagblatt berichtet er aus den vergangenen fünf Jahrzehnten.

Freising – „Es ist wie ein hartnäckiger Virus“, sagt Erwin Prechtl „Wenn er Dich einmal erwischt hat, lässt er Dich nicht mehr los“. Es ist der Helfer- oder Retter-Virus, den der 77-jährige Freisinger in sich trägt. Er ist infiziert, seit er als 18-Jähriger zum ersten Mal die Luft einer BRK-Rettungswache geschnuppert hat. Heute ist Erwin Prechtl der dienstälteste noch lebende Luftrettungssanitäter aus der Gründerzeit um 1970. Er hat in Bayern den Aufbau der Rettungsleitstellen mit organisiert. Und er hat – bis vor einigen Jahren – Schwerkranke und Verunglückte aus allen Herren Ländern nach Hause geholt. Ein Vollblut-Sani, der Einiges zu erzählen hat – auch von den dunklen Seiten eines Retter-Lebens.

Zum 50-jährigen Jubiläum der ADAC-Luftrettung traf sich Erwin Prechtl mit dem noch aktiven Piloten Walter Missenhardt. Der kennt Freising übrigens gut: Am 2. März landete er wegen eines Unfalls auf der Karlwirtskreuzung.

Eigentlich war die Sache schon klar, als Erwin Prechtl im Jahr 1961 bei der Freisinger Sani-Kolonne BRK-Luft schnupperte: „Ich hab sofort gesehen, dass mir das Spaß macht. Dass das mein Beruf werden muss.“ Weil in Freising stellenmäßig nichts ging, wurde Prechtl beim BRK-Kreisverband München fest angestellter „Sanitäter im Unfallrettungsdienst und Krankentransport“. Es folgten Lehrgänge und Praktika in Kliniken, wo der junge Sanitäter auf der Intensivstation ebenso Erfahrung sammelte wie in der Nothilfe. „Da lernten wir Infusionen stechen und intubieren“, erinnert sich der 77-Jährige – „und selbst eine Prüfung zum staatlich geprüften Desinfektor musste man absolvieren.“ Erst nach acht Jahren harter Praxis wurde man zum „Rettungssanitäter im BRK“ ernannt.

Ein Job für Angsthasen war der Sani-Beruf nicht

Praxis-Einsatz – das bedeutete in den 1960er-Jahren: reihenweise grauenvolle Verkehrsunfälle. Es war die Zeit vor den Crash-Tests und versteiften Karosserien, vor der Ära der Airbags und Gurte. „Berüchtigt waren etwa die Massenunfälle auf der A 9, wenn dichter Nebel herrschte“, erzählt Prechtl. Dutzende ineinander verkeilte Autos – Verletzte, Tote. „Da funktionierst Du als Rettungssanitäter wie eine Maschine“. Wem zuerst helfen? Triage durchführen und weitere Fahrzeuge nachfordern? „Das läuft alles automatisch ab. Der Schock kommt erst hinterher.“ Prechtl: „Am schlimmsten waren und sind für mich immer Unfälle, wo Kinder schwer verletzt oder getötet wurden. Ich hatte damals ja selbst vier kleine Kinder – und die siehst Du dann vor Dir.“ Kriseninterventionsteams gab es damals noch nicht. „Dann versuchten wir halt, den Eltern am Unfallort so gut wie möglich beizustehen. Dabei hätten wir selber wohl auch Betreuung benötigt.“ Ein Job für Angsthasen war der Sani-Beruf ohnehin nicht. Heute gibt es über 300 Rettungswachen in Bayern und der bodengebundene Notarztdienst ist längst aufgebaut. Zudem stehen landesweit mittlerweile 15 Rettungshubschrauber zur Verfügung. Zu Prechtls Anfangszeit waren die Rettungssanitäter am Unfallort oft komplett auf sich gestellt. „Wir durften zwar in den 70er-Jahreneine eine Infusion legen oder intubieren, aber nichts spritzen.“

Männer der ersten Stunde: Pilot Wolfgang Starke, Dr. med Dieter Strehle und Luftrettungssanitäter Erwin Prechtl (v. r. ) übernahmen am 27. Dezember 1971 diesen nagelneuen Rettungshubschrauber.

Dann schlug die Geburtsstunde der Luftrettung in Bayern. Am 1. November 1970 wurde der erste knallgelbe ADAC-Rettungshubschrauber in Dienst gestellt. Retter binnen Minuten selbst an entlegene Unfallorte bringen zu können – das war eine neue Dimension. Und selbstverständlich faszinierte das Erwin Prechtl, der sich gerade mit seinen acht Praxisjahren für den Job des fliegenden Sanis qualifiziert hatte. Der Umstieg des Freisingers vom Boden auf den Hubschrauber erfolgte im Sommer 1971 – in einer Phase der Schockstarre. Gerade hatte eine Katastrophe die junge Luftrettung erschüttert. Am 17. August 1971 touchierte der Heckrotor des Rettungshubschraubers bei der Landung bei Allach den Boden. Der Arzt, der gerade am Aussteigen war, um Hilfe zu leisten, wurde tödlich verletzt. Sollte man wieder aufhören mit der Rettungsfliegerei? Nein, deshalb übernahm für vier Monate die Fliegerstaffel Süd vom Bundesgrenzschutz in Oberschleißheim mit einer Bell UH 1 D die Luftrettung, bis dann Ende Dezember wieder eine neue – knallgelbe – BO 105 in Dienst gestellt wurde. Beim Jungfernflug an Bord: Erwin Prechtl. Bis 1977 war der Freisinger neben dem Piloten und dem Arzt als Luftrettungssanitäter der dritte Mann an Bord. Turbulente Jahre, die Erwin Prechtl nie vergessen wird: „Es gibt kaum etwas, was Du als Sanitäter nicht gesehen oder erlebt hast“. Noch heute hat er nette Verbindungen zu einigen Verunglückten von damals, die durch die schnelle Hilfe aus der Luft gerettet werden konnten. „Manche bedanken sich heute noch“, berichtet Erwin Prechtl, „und das ist dann ein Danke, das von Herzen kommt.“

Unauslöschbar bleibt das „schwarze Jahr“ 1975

Unauslöschbar bleibt für den Flugsani das Jahr 1975 – „ein schwarzes Jahr“. Zum einen ereignete sich damals am 8. Juni bei Warngau das bisher schwerste Zugunglück in Bayern mit 41 Toten und 126 Verletzten. Erwin Prechtl und sein Kollege Günter Höcherl – ebenfalls ein Freisinger – hatten damals Dienst in der Rettungsleitstelle München und mussten diesen Großeinsatz organisieren und koordinieren. „Schließlich gelang es uns, neben Fahrzeugen aus ganz Oberbayern sieben Hubschrauber in die Luft zu bringen.“

Im Garten des BRK-Heims an der Freisinger Rotkreuzstraße landeten in den 70er-Jahren die Rettungshubschrauber. Von dort aus ging es dann im Sanka zum nahe gelegenen Kreiskrankenhaus, das noch keinen Hubschrauber-Landeplatz hatte. Der Sanitäter mit der Infusion ist der damals etwa 30 Jahre alte Erwin Prechtl.

Dann kam der 2. Oktober. Prechtl sollte gerade wieder von der Leitstelle auf den Hubschrauber wechseln, als er wegen der Erkrankung eines Kollegen zurück in den Innendienst beordert wurde – was ihm das Leben rettete. Bei einem Einsatz südlich von München stürzte der Hubschrauber, in dem statt Prechtl ein junger Kollege saß, ab. Die gesamte Besatzung starb. Prechtl: „Für den jungen Mann, der statt mir mitflog, war es der erste und letzte Einsatz“. 1977 war es dann vorbei mit der Fliegerei. Prechtl wurde vom BRK-Präsidium geholt, um beim Aufbau der Rettungsleitstellen in Bayern mitzuwirken. Bis 1984 dauerte es, bis in Erding die letzte von 26 Leitstellen ans Netz ging.

Das Helfer-Virus aber ließ nie los. Von 1984 bis 1993 holte Prechtl mit dem Rettungswagen immer wieder deutschstämmige Aussiedler im Zuge der Familienzusammenführung von Rumänien nach Deutschland zurück. 28 Mal fuhr der Freisinger mit dem Sanka, der bis obenhin mit Hilfsgütern beladen war, „runter“, und kam mit hoffnungsfrohen Menschen zurück – alles ehrenamtlich. Dabei verunglückte er bei einer der Touren schwer. Im Nebel prallte der Krankenwagen am 3. Dezember 1989 unverschuldet auf einen querstehenden Lkw, der ein Wendemanöver durchführen wollte. Prechtl, auf dem Beifahrersitz, zog sich schwere Wirbelverletzungen zu.

„Selten haben sich Menschen so gefreut, uns zu sehen“

Noch bis vor einigen Jahren war Erwin Prechtl schwer beschäftigt mit der Repatriierung von Kranken und Verletzten, ebenfalls ehrenamtlich für den BRK-Kreisverband Freising. Ob ein Unfallopfer mit multiplen Frakturen in Florenz oder ein Mann mit Herzinfarkt in Neapel – „alle wollten nur noch heim“, erinnert sich Erwin Prechtl. „Selten haben sich Menschen so gefreut, uns zu sehen.“

Einmal wurde ein Patient aus Santander (Spanien) geholt, und die Rückfahrt dauerte fünf Tage, weil der Schwerkranke nachts immer wieder in Krankenhäusern intensivärztlich versorgt werden musste. „Und einmal holten wir sogar einen Querschnittsgelähmten aus Libyen heim“, erinnert sich der Freisinger: „Und bei der Landung mit dem Ambulanzflugzeug auf einem Wüstenflugplatz donnerten zur „Begrüßung“ zwei Migs von Gaddafi über uns hinweg.“

Für vier Monate Zeit übernahm im Sommer 1971 der Bundesgrenzschutz die Luftrettung – nachdem es einen Helikopter-Absturz gegeben hatte. Hier aber kam jede Hilfe zu spät. Schwere Verkehrsunfälle waren in den 70er Jahren an der Tagesordnung.

Jetzt sitzt Erwin Prechtl in seinem Haus am Freisinger Goldberg über einem Schatz an Erinnerungen – Fotos, Zeitungsartikel und inzwischen sogar Fernsehberichte. Zum Jubiläum „50 Jahre ADAC-Flugrettung“ wurde auch der dienstälteste Luftrettungssanitäter interviewt. Ein Held?

„Nein“, sagt Erwin Prechtl im Rückblick: „Das ist keine besondere Leistung. Es ist einfach eine Aufgabe, die ich gern gemacht habe.“

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