Eine Frau kauert auf dem Boden einer Wohnung, vor ihr steht ein Mann.
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Gerade während des Lockdowns können Frauen häuslichen Kontroll- und Gewaltsituationen kaum entfliehen. Die Leidtragenden sind dann auch die Kinder. Symbolbild

Diakonisches Werk ist Anlaufstelle für viele

„Die Situation spitzt sich zu“: Häusliche Gewalt nimmt durch Corona zu - ebenso seelische und materielle Not

  • Helmut Hobmaier
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Je länger die Corona-Pandemie andauert, desto härter trifft es die Menschen im Landkreis Freising – materiell wie psychisch. Auch die häusliche Gewalt nimmt zu.

Landkreis – Je länger die Corona-Pandemie andauert, desto härter trifft es die Menschen im Landkreis Freising – materiell wie psychisch. Viele sind in ihrer Existenz bedroht, immer mehr vereinsamen – gleichzeitig nimmt die häusliche Gewalt zu. „Die Situation ist mittlerweile richtig heftig“, sagt Beate Drobniak, Vorständin des Diakonischen Werks Freising.

Viele haben ihren Arbeitsplatz verloren

Die Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit (KASA) ist das niederschwelligste Hilfs- und Beratungsangebot der Diakonie – und die Mitarbeiter arbeiten am Anschlag, wie Drobniak berichtet. In ihrer Not, Angst und Verzweiflung würden sich immer mehr Menschen an die Berater wenden. „Oft sind es Menschen, die in den vergangenen Monaten ihren Arbeitsplatz verloren haben“, so Drobniak. Nicht selten gehe es dabei auch um den Zweitjob, ohne den man das Leben nicht fristen könne – und der jetzt in vielen Fällen weggefallen sei.

Beate Drobniak, Vorständin des Diakonischen Werks Freising, sagt: „Die Situation ist richtig heftig.“

Hintergrund der Existenzkrisen sei häufig der Flughafen mit seinem „niedrigen Lohnsektor“. Aber auch Alleinerziehende, die während des ersten Lockdowns der Kinder wegen zu Haus bleiben mussten, gerieten zunehmend in materielle Not.

„Sehr viele Menschen kämpfen um ihre nackte Existenz“, fasst Drobniak zusammen – und das schlage immer stärker auch auf deren seelische Verfassung durch: „Viele gehen jetzt gerade psychisch so richtig in den Keller.“ Für die Kontaktbeschränkungen hätten alle Verständnis, berichtet die Chefin der Diakonie, „aber die Menschen vereinsamen immer mehr“.

Wichtige Angebote fallen jetzt weg

So habe man auch zwei sehr wichtige Angebote coronabedingt einstellen müssen: Das Trauer-Café, eine Anlaufstelle vor allem für ältere Menschen, die ihren Partner oder ein Geschwister verloren haben. Und die Gruppe „Zusammen Halt finden“, in der man sich um die Kinder von schwerkranken Eltern kümmert. Alles musste eingestellt werden, um fatale Infektionsketten zu vermeiden. Stattdessen gibt es extrem viele Einzelberatungen – gerade für Kinder und Jugendliche. Dabei müsse natürlich ein maximaler Schutzstandard eingehalten werden. Drobniak sagt: „Das geht an unsere Kapazitätsgrenzen. Deshalb versuchen wir, möglichst viel online zu machen. Aber wenn es um Emotionen geht, sind einem online natürlich Grenzen gesetzt.“

Häusliche Gewalt nimmt deutlich zu

Die Pandemie zehrt an den Nerven – und endet immer häufiger in häuslicher Gewalt. „Das geht jetzt erst so richtig los. Die Situation spitzt sich zu. Für die Menschen gibt es wenig Entlastung und wenig Perspektiven. Das wirkt destabilisierend,“ weiß Drobniak, „vor allem in Lockdown-Phasen, wo Frauen der Kontroll- und Gewaltsituation kaum mehr entfliehen können.“

Im schlimmsten Fall ende es dann in gewalttätigen Übergriffen. „Die Gewalt gegen Frauen und Kindern nimmt zu.“ Man arbeite eng mit dem Jugendamt zusammen, häufig könne man aber nur noch Schadensbegrenzung betreiben.

Ehrenamtliche von unschätzbarem Wert

Auch die Arbeit im Frauenhaus wird durch Corona nicht einfacher. Die Frauen, die dorthin geflüchtet sind, seien nervlich noch angespannter als sonst, und die Betreuung der Betroffenen unter Corona-Auflagen sei nicht nur kostspielig, sondern verlange gerade den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen das Äußerste ab. Nur dank deren Engagement laufe der Betrieb im Frauenhaus noch so gut, betont Drobniak. Ein Coronafall im Frauenhaus mit entsprechender Quarantäne und Reihentestung aller Mitarbeiter und Frauen habe dann noch einmal für enorme Mehrarbeit gesorgt, wie die Vorständin des Diakonischen Werks berichtet. Aber auch das habe man überstanden.

Geflüchtete Menschen besonders betroffen

„Extrem betroffen“ von den Auswirkungen der Pandemie seien geflüchtete Menschen, wie Drobniak betont. „Viele haben ihren Job verloren, sitzen jetzt wieder zu Hause und sind von Depressionen bedroht.“ Umso höher sei hier die Beratungsnachfrage: Die beiden eingesetzten Mitarbeiter seien komplett ausgebucht. „Ich weiß, das Thema ist nicht schick“, sagt Drobniak. ,,Aber die Menschen, die zu uns geflüchtet sind, sind die besonders Leidtragenden.“

FDP stellt Anfrage an den Landrat

Die Kriminalstatistische Auswertung zur Partnerschaftsgewalt hat die FDP-Kreisräte Tobias Weiskopf und Susanne Hartmann zu einer schriftlichen Anfrage veranlasst. In dem Schreiben an Landrat Helmut Petz stellen sie fünf Fragen: 1. Liegen dem Landratsamt Daten zu Partnerschaftsgewalt im Landkreis Freising vor? 2. Welche präventiven Maßnahmen unternimmt der Landkreis, um häuslicher sowie sexueller Gewalt und Partnerschaftsgewalt vorzubeugen, und mit welchen Angeboten unterstützt der Landkreis Personen in einer solchen Notlage? 3. Wie viele Hilfeersuchen zur Unterkunft im Frauenhaus und anderen Schutzeinrichtungen mussten 2018, 2019 und bis dato im Jahr 2020 wegen Platzmangel abgelehnt werden? Und wie wurde den Betroffenen anderweitig geholfen? 4. Wie haben sich häusliche Gewalt und Partnerschaftsgewalt im Landkreis Freising seit Beginn der Covid-19-Pandemie verändert? 5. Wie haben sich der Zulauf im Frauenhaus und in anderen Schutzeinrichtungen im Landkreis seit Beginn der Covid-19-Pandemie verändert?

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