Das Scharfrichter-Anwesen in Freising von Norden, Aufnahme von 1985. Auf dem Hügel vorne soll sich der Galgen befunden haben.
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Das Scharfrichter-Anwesen in Freising von Norden, Aufnahme von 1985. Auf dem Hügel vorne soll sich der Galgen befunden haben.

Historiker Ernst Keller berichtet

Die gescheiterte Hinrichtung: Eine ebenso denkwürdige wie makabre Geschichte aus Freising im 18. Jahrhundert

Eine etwas ungewöhnliche Geschichte über eine gescheiterte Hinrichtung in Freising aus dem Jahre 1748 erzählt Historiker Ernst Keller aus Fürholzen.

Freising - Als Pfarrer Johann Jakob Pämer, der Bauherr der 1723 errichteten Fürholzer Kirche St. Stephanus, wieder einmal in Freising weilt, kommt es zu einer Begegnung mit einem Franziskaner, der ihm im Laufe des Gesprächs eine unglaubliche Geschichte erzählt. Pämer ist so beeindruckt, dass er sie in seinem Tagebuch festhält. Danach soll sich Folgendes zugetragen haben:

Ein Geächteter soll hingerichtet werden

Am 20. Dezember 1748, einem „Freytag vorm hl. Christtag“, wird der Ordensmann als Beichtvater zu einer Hinrichtung in Freising einbestellt. Für die Hinrichtung – durch den Strang – verurteilt ist ein unbekannter Soldat, den man wegen „verybter Diebställ“ in der Stadt aufgegriffen und dabei festgestellt habe, er sei bereits „zu Salzburg verhaftet und mit dem Bugglbrand signirt“. Anmerkung: Mit dem Brandzeichen auf dem Rücken galt der Malefikant (Angeklagte) als geächtet und für immer seines Landes oder seiner Stadt verwiesen. In Freising zum Beispiel wurde zu jener Zeit ein ertappter Dieb an den Pranger gestellt und vom Scharfrichter der Buchstabe „F“ (für Fur, Dieb) in den Rücken aufgebrannt. Dann folgten Rutenstreiche, und anschließend wurde er nach dem Schwur, die Stadt nicht mehr zu betreten, ausgewiesen.

Das einstige Scharfrichterhaus in Freising vor dem Abbruch 1988.

Der „schon gehenkte“ fällt vom Galgen

Trotz seiner misslichen Lage kann der Gebrandmarkte nicht bewegt werden, seinen Namen, seine Herkunft und seine Abstammung zu verraten, worauf man ihn ohne große Umschweife vor Gericht stellt, verurteilt und zur Richtstätte führt. Nach einem kurzen Gebet samt Beichte, gemeinsam mit dem Geistlichen, steigt er zusammen mit dem Scharfrichter die Leiter zum Galgen hinauf. Oben angekommen, legt ihm der Henker sogleich die Schlinge um den Hals und stößt ihn in geübter Weise von der Leiter. Doch „weillen der strang gebrochen, fiel dieser schon gehenkter“ vom Galgen auf den Boden. Dann schildert der Franziskaner weitere Einzelheiten. So sei „der Maleficant, sobald er an der Laitter frey hangte, von den Henkersknechten beym fiessen angezogen und von oben vom Scharpfrichter geknickhet worden“.

Studenten entführen den Delinquenten

Der nun am Boden liegende Verurteilte habe kurz das Bewusstsein verloren. Dann sei er wieder zu Kräften gekommen und habe noch einmal zu beichten begehrt. Nachdem aber „die Scharpfrichter schon mit 2 andern strangen versehen geweßt und parat, ihn wiederumb hinaufzuknipfen oder woll gar aufm Boden zu ertrosseln“, seien ein paar Studenten mutig aus der Menge der Schaulustigen hervorgetreten, hätten den Mann auf ein bereitstehendes Pferd gepackt und ihn in das unweit „auf Bayer. Territorio“ gelegene Kloster Weihenstephan entführt. Keiner der ebenfalls anwesenden Freisinger Grenadieren sei eingeschritten, lediglich der hiesige Gerichtsschreiber habe vergeblich versucht, die Befreiung zu verhindern.

Der Hofkanzler ist erzürnt

In der Zwischenzeit wird vom Bannrichter Dr. Mayr, der das Todesurteil gesprochen und die Hinrichtung geleitet hat, der Hofkanzler benachrichtigt. Erzürnt ordnet „S. Gnaden Herr Hofcanzler“ die unverzügliche Rückholung an. Doch alle Mühe ist vergebens. Wie Pfarrer Pämer vom Franziskaner später erfährt, soll der Prälat von Weihenstephan den Geflüchteten „in die freyung“ aufgenommen und „gleich schen funkhlnei geklaithet“ haben. Nach Aussage des Geistlichen habe dieser zarte, feine Hände gehabt, was „mehr auf was adeliches als gemaines“ hindeute. Kurze Zeit später begleitet der Prälat seinen Schützling – „wiewohl nit gar gern“ – noch ein Stück des Weges in die Freiheit. Der Eintrag Pämers endet mit der Bemerkung, Gott möge dem Malefikanten nun hoffentlich die Einsicht verleihen, in Zukunft ein besseres Leben zu führen.

Gehängte dienten auch zur Abschreckung

Ergänzend zu dieser Geschichte sei noch angefügt, dass der Standort des Galgens ab 1709 – durch den Bau des Scharfrichterhauses – von seinem ursprünglichen Platz an der alten Münchner Landstraße (heute Real-Markt, Gutenbergstraße 2) an die alte Haindlfinger Straße (heute Prinz-Ludwig-Straße 33) verlegt worden war. Die weithin sichtbare Anhöhe galt als idealer Platz für die Gehängten, wo sie zur Abschreckung der Betrachter oft so lange am Galgen baumelten, bis sie von selbst herunterfielen.

Als Scharfrichter bei der besagten Hinrichtung fungierte der vier Jahre zuvor (1744) installierte Johann Georg Hörmann, der seinen Dienst als Wasenmeister (Abdecker), Hundehalter für das Oberjägermeisteramt und eben Scharfrichter mit dem Nachweis einer hohen Qualifikation angetreten hatte. Bei seinen bisherigen Hinrichtungen mit dem Schwert, mit dem Strang oder mit dem Rad seien ihm weder eine „Verunglückung“ noch Fehler oder Mängel unterlaufen.

Sohn hat „Fressen und Saufen“ vom Vater geerbt

Erstaunlich deshalb ist, dass die gescheiterte Hinrichtung zwar den Unmut der Bevölkerung nach sich gezogen hatte und von höchster Stelle gerügt worden war, aber ohne persönliche Konsequenzen für ihn blieb. Als Hörmann 1767 infolge eines plötzlichen Schlaganfalls stirbt, kommt es zu einem erbitterten Rechtsstreit zwischen der 49-jährigen Witwe Maria Salome und ihrem erwachsenen Sohn Johann (es lebten noch drei Töchter im Haushalt, zwei waren minderjährig). Der Grund: Während Johann fest damit gerechnet hatte, das Anwesen seines verstorbenen Vaters weiterzuführen, heiratet die Witwe den 23-jährigen Scharfrichter- und Abdecker-Sohn Georg Hueber aus Erding. Dieser übernimmt den gesamten Betrieb und wird der letzte Freisinger Scharfrichter.

In einer Eingabe hinsichtlich der Übergabe schreibt die Witwe unter anderem, dass das Leben mit ihrem Mann ein einziges „grausames Fegefeuer“ gewesen sei. Er habe sich dem Trunke ergeben, sei grob und brutal gewesen und habe sie bei Streitereien einfach aus dem Haus gesperrt, bei jedem Wetter. Ihr Sohn Johann sei ganz nach dem Vater geraten und habe all seine Untugenden – neben „Fressen und Saufen“ – von ihm geerbt.

1808 wird der Galgen abgebrochen

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gibt es in Freising keine Hinrichtungen und somit keine Scharfrichter mehr. 1808 wird der morsche Galgen abgebrochen. Mitte des 19. Jahrhunderts geht der einstige Hochstiftbesitz an den Abdecker Joseph Schiller über, der ihn unter dem Hofnamen „Schillerbauer“ weiterführt. Bald darauf erscheint das Anwesen nur mehr als landwirtschaftlicher Betrieb. 1988 erfolgte der Abriss, trotz Denkmalschutz.

Ernst Keller

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