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„Alles von der Seele reden“ - Freisinger Selbsthilferguppe nach Krebs zeigt: Niemand ist allein

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Von: Magdalena Höcherl

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Lia Köhnlein, Leiterin der Freisinger Selbsthilfegruppe nach Krebs
Mit Herzblut dabei: Lia Köhnlein ist für ihr Engagement 2018 vom Staatsministerium für Gesundheit und Pflege mit dem Weißen Engel ausgezeichnet worden. 2019 erhielt sie die Silbermedaille für das Ehrenamt der Stadt Freising. © Armin Forster

Menschen, die eine Krebserkrankung überstanden haben, fallen meist in ein Loch. Aufgefangen werden sie von der Freisinger Selbsthilfegruppe nach Krebs.

Freising/Zolling – „Das kleine Wort hat nur fünf Buchstaben, aber es hat unsere Welt zum Einsturz gebracht, unsere Zeit in eine davor und eine danach geteilt: KREBS.“ So steht es im Flyer der Freisinger Selbsthilfegruppe nach Krebs, die Lia Köhnlein, Jahrgang 1949, leitet. Im Interview spricht die Zollingerin darüber, wie die Selbsthilfegruppe Betroffene und Angehörige unterstützt und was sie durch ihr Engagement für das Leben gelernt hat.

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Frau Köhnlein, wenn jemand den Krebs besiegt hat, ist er theoretisch wieder gesund. Warum braucht es also eine Selbsthilfegruppe nach Krebs?

Menschen, die eine Krebserkrankung überstanden haben, fallen meist in ein Loch, ohne zu wissen, warum. Zu Hause hören sie oft: Warum jetzt? Es geht dir doch wieder gut? Aber die Seele hinkt etwas hinterher, die braucht noch ein bisschen, um alles zu verarbeiten. Vorher ist man mit OP, Chemo, Bestrahlung und so weiter beschäftigt. Dann sagt die Seele: Hey, ich bin auch noch da, tu bitte auch was für mich! Das ist oft der Zeitpunkt, wenn die Betroffenen zu uns in die Gruppe kommen. Hier bekommen sie das Gefühl, verstanden zu werden. Sie spüren, dass sie mit ihren Nöten nicht alleine sind.

Wie sind Sie zur Selbsthilfegruppe nach Krebs gekommen?

Vor 27 Jahren bekam ich die Diagnose Brustkrebs. Das hat mein Leben in ein davor und danach geteilt. Ich habe mich in Büchern von Brustkrebsbetroffenen informiert und mir wurde klar, dass ich in eine Selbsthilfegruppe gehen möchte. Zunächst fand ich eine in Moosburg, nach einigen Jahren hörte ich von einer Neugründung in Freising.

Wie waren die Anfänge dieser Freisinger Gruppe?

Irene Gallisch, die ehemalige 3. Bürgermeisterin der Stadt Freising, hat vor etwa 20 Jahren die Gruppe für Frauen nach Krebs gegründet. Ich war ziemlich von Anfang an dabei. Leider ging es Frau Gallisch bald schlechter und sie suchte unter den Mitgliedern nach einer Vertreterin. Nach einigem Zögern meldete ich mich. 2004 verstarb Frau Gallisch, und wir wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Bei mir war die Diagnose zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre her. Ich wollte etwas zurückgeben – daher stellte ich mich als neue Leiterin zur Verfügung.

Hat sich durch Sie als neue Leiterin auch inhaltlich etwas geändert?

Ich habe den Namen geändert. Mir war es wichtig, dass das Wort Krebs auch im Namen vorkommt, das war vorher nicht der Fall. Man soll gleich wissen, worum es geht. Also wurden wir zuerst zur Frauenselbsthilfe nach Krebs, bis uns irgendwann auch Männer angesprochen haben. Dann haben wir beschlossen, sie auch aufzunehmen und uns umbenannt in Selbsthilfegruppe nach Krebs.

Worum geht es Ihnen?

Wir sind da, um den Betroffenen zu zeigen, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten rund um die Krankheit nicht alleine sind. Bei uns kann man Halt finden, wir können trotz allem lachen und genauso weinen, ohne auf seltsame Reaktionen achten zu müssen. In der Gruppe wird über Krebs gesprochen – aber nicht darüber gejammert. Wir tauschen unsere Erfahrungen aus, geben Ratschläge, etwa Dinge, die beim Arzt aus Zeitmangel nicht zur Sprache kommen. Das ist nicht nur für die Betroffenen wertvoll: Auch die Angehörigen profitieren davon. Oft können sie nicht alles nachvollziehen. In der Gruppe ist das anders, da kann man sich alles von der Seele reden und stößt auf Verständnis.

Stichwort Seele: Wie versucht man dann, sie und den Körper wieder in Einklang zu bringen?

Wir laden uns Referenten ein, zum Beispiel eine Psychologin, die mit uns arbeitet, aber auch verschiedene Ärzte, Ernährungsberaterinnen, Mitarbeiter der AOK, eine Psychoonkologin et cetera. Einmal im Jahr machen wir auch einen Ausflug oder gehen zusammen Essen. So entstehen auch manchmal Freundschaften.

Wer kommt zu Ihnen?

Bei uns wird jeder mit offenen Armen aufgenommen. Die Zahl der Mitglieder hat sich auf rund 20 eingependelt, im Alter von 30 bis 85 Jahren. Rund 80 Prozent haben eine Brustkrebserkrankung hinter sich, einige hatten aber auch einen Gehirntumor oder Krebs im Unterleib. Einmal kam auch eine Frau zu uns, bei der gerade erst Krebs diagnostiziert worden war, um zu erfahren, was auf sie zukommt. Auch in solchen Fällen helfen wir natürlich gerne.

Wie oft finden die Treffen statt?

Vor Corona haben wir uns jeweils am zweiten Dienstag im Monat in einem Raum der AWO getroffen. Das ist im Moment nicht mehr möglich. Nach dem Lockdown sind wir auf Restaurants oder Eisdielen ausgewichen, aber das war für Gruppengespräche ungünstig. Seit einigen Monaten haben wir nun die Gelegenheit, uns in einem Raum des Pfarrheims St. Georg zu treffen und hoffen, dass dies so bleiben kann.

Wie präsent ist die Krankheit Krebs bei diesen Treffen?

Der Krebs ist immer präsent. Kaum hat man irgendeine Nachuntersuchung, ist die Angst von einem auf den andern Moment wieder da. Die Angst begleitet mich mein Leben lang, sie ist ein Teil von mir. Ich muss sie zulassen, darf sie nicht unterdrücken, da sie sonst unterschwellig gären kann. Dafür ist die Gruppe so wertvoll: Man kann das besprechen und merkt, dass es allen ähnlich geht. Denn Verdrängen bringt schlicht nichts. Krebs zu haben, ist immer noch mit einem Stigma behaftet: Krebs ist für viele gleichbedeutend mit Tod, und das löst Angst aus. Oft ziehen sich Bekannte zurück, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Dabei wäre es so wichtig, einfach ganz normale Gespräche zu führen, die sich nicht immer nur um die Krankheit drehen. Gerade weil Krebs so viele Menschen betrifft: Bei jeder achten Frau wird Brustkrebs diagnostiziert.

Für Sie ist diese Krankheit seit 27 Jahren Teil Ihres Alltags. Was hat sich in Ihrem Leben dadurch verändert?

Manchmal werde ich gefragt: Warum tust du dir das an, dir immer dieses Leid anzuhören? Für mich ist es ganz einfach: Ich gebe etwas, aber ich bekomme auch etwas zurück. Das erfüllt mich und tut mir gut. Oft begleite ich Menschen bis auf die Palliativstation, ich bin manchmal bis kurz vor dem Tod noch in Kontakt mit ihnen. Dabei lerne ich immer wieder, dass ich dankbar sein muss, dass es mir gut geht. Was mir wichtig ist: Ich versuche auch zu vermitteln, dass man trotz gleicher Krankheit nicht das gleiche Schicksal teilt. Was aber bei allen Betroffenen gleich ist: Die Erkrankung ist ein Einschnitt, Prioritäten werden neu gesetzt, der Blick auf das Leben verändert sich.

Der Brustkrebsmonat Oktober

Betroffene und interessierte Frauen und Männer jeder Altersgruppe, die die Selbsthilfegruppe nach Krebs, die mit dem Krebshilfeverein Maria & Christoph zusammenarbeitet, kennenlernen wollen, sind eingeladen, sich bei Lia Köhnlein unter Tel. (0 81 68) 10 03 zu melden. Der Brustkrebsmonat Oktober gibt jährlich internationalen Anlass, die Vorbeugung, Erforschung und Behandlung von Brustkrebs ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. In Gesprächen mit Expertinnen und Experten hat das FT dazu in einer kleinen Serie über die Krankheit informiert und aufgeklärt.

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Eine Firma aus Freising hat es sich zum Ziel gesetzt, Brustkrebs-Operationen für Ärzte und Betroffene zu vereinfachen - mit einem speziellen Mikroskop.

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