Julia Bönig, Geschäftsführerin der Aktiven City
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„Das ist der neue Tiefpunkt“, sagt Julia Bönig, Geschäftsführerin der Aktiven City, nach dem Osterruhe-Hickhack.

Stimmung im Einzelhandel am Boden

„Nullkommanull nachgedacht“: Geschäftsführerin der Aktiven City wird nach Hickhack um Osterruhe deutlich

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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Nach dem Hickhack um die Osterruhe ist die Stimmung beim Freisinger Einzelhandel am Boden. Julia Bönig von der Aktiven City äußert scharfe Kritik.

  • Die Politik hat den für Ostern geplanten Shutdown wieder zurückgenommen.
  • Viele Geschäftsleute in Freising aber haben Termine für Gründonnerstag bereits abgesagt und Bestellungen umdisponiert.
  • Julia Bönig, Geschäftsführerin der Aktiven City: „Wer weiß, was nächste Woche beschlossen wird.“

Freising – Nach massiver Kritik von Wirtschaftsverbänden hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die geplante Osterruhe wieder zurückgenommen. Der komplette Shutdown für Gründonnerstag wurde abgeblasen. Für Julia Bönig, Geschäftsführerin der Aktiven City, ist das jedoch kein Grund zur Erleichterung. Ganz im Gegenteil.

„Das ist ein neuer Tiefpunkt“, sagte Bönig auf FT-Nachfrage. „Für mich ist es unfassbar, wie die Politik derart unüberlegte, realitätsferne Entscheidungen treffen kann. Da war einfach nullkommanull zu Ende gedacht.“ Es sei zwar schön, dass sich die Kanzlerin entschuldigt habe. Aber von den politischen Führungskräften des Landes dürfe man einfach mehr verlangen.

Jetzt muss alles wieder rückgängig gemacht werden

Für den Freisinger Einzelhandel ist das Chaos damit perfekt. Denn wie Bönig mitteilte, informiert die Aktive City ihre Mitglieder immer so schnell wie möglich über neue Corona-Bestimmungen – so auch über die Osterruhe. Schon am Dienstag hätten sich alle auf die Hinterbeine gestellt. Metzger hätten Bestellungen von Osterschinken, die für Gründonnerstag getätigt waren, auf Karsamstag umdisponiert. Friseure und Zahnärzte hätten Termine für Gründonnerstag abgesagt. „Alle sitzen für diesen irrsinnigen organisatorischen Aufwand stundenlang am Telefon, um Corona-Regelungen so schnell wie möglich umzusetzen“, sagt Bönig. Jetzt müsse man das alles wieder rückgängig machen.

„Akt der Größe“: MdB Erich Irlstorfer verteidigt die Kanzlerin

CSU-Bundestagsabgeordneter Erich Irlstorfer hat die Osterruhe für keine gute Idee gehalten. „Bei mir haben sich nach dieser politischen Entscheidung einige Leute gemeldet, die dieser Regelung sehr kritisch gegenüber standen. Zu denen habe ich auch gehört“, sagte der Abgeordnete dem FT.

Hätten sämtliche Geschäfte am Gründonnerstag geschlossen bleiben müssen, dann hätten sich die kompletten Ostereinkäufe auf den Karsamstag konzentriert. „Wenn in einem viel kleineren Zeitfenster deutlich mehr Leute zum Einkaufen gehen, dann ist es doch klar, dass die Ansteckungsgefahr größer wird“, argumentierte Irlstorfer, der sich selbst erst von einer Corona-Infektion erholt hat und just am politisch turbulenten Mittwoch seinen ersten Arbeitstag in Berlin hatte.

„Wir Politiker stehen auch täglich unter Strom und unter Druck. Da passieren irgendwann Fehler“, sagte Irlstorfer. „Es ist aber auch ein Akt der Größe, eine falsche Entscheidung zurückzunehmen.“ Deshalb habe Angela Merkel weiterhin seinen Rückhalt. Sollte die Kanzlerin wie von Oppositionsseite gefordert, die Vertrauensfrage im Bundestag stellen, rechnet er mit einem klaren Ergebnis. „Die Koalition ist dafür gefestigt genug.“

„Die Stimmung bei den Einzelhändlern und Gastronomen ist am Boden, weil man sich auf keine Entscheidung mehr verlassen kann“, erklärt Bönig. Das Hin und Her um die Osterruhe sei da nur ein Beispiel. Sie erinnert auch daran, wie bei der geplanten Rückkehr zur Außen-Gastro etwa die Notbremse bereits gezogen wurde, obwohl der eigentlich dafür vorgesehene Inzidenzwert noch gar nicht erreicht war. „Es gibt überhaupt keine Perspektive“, kritisiert Bönig. „Denn wer weiß denn, was nächste Woche beschlossen wird? Oder ob die bayerische Regierung dann wieder einen Sonderweg geht? Oder wie der Landkreis die Beschlüsse umsetzt?“

„Kaum einer weiß doch noch, wer auf hat, und was erlaubt ist“

Dazu kommen Beschlüsse, die keiner mehr nachvollziehen könne, betont Bönig. „Warum darf etwa der Bücherladen öffnen, das Modegeschäft aber nicht? Entsprechend groß sei daher inzwischen auch die Verwirrung in der Bevölkerung. „Kaum einer weiß doch noch, wer auf hat, und was erlaubt ist.“ Auch das drücke das Geschäft.

Was die Händler zu schätzen wissen, ist die Solidarität der Freisinger. „Die Gastronomen freuen sich über jede Essensbestellung, die Ladenbesitzer über jeden Click & Collect-Kauf“, sagt Bönig. „Die treuen Kunden sind derzeit die einzigen Lichtblicke, die der Einzelhandel und die Gastronomie haben.“

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