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Viele Schlüter-Fans hörten sich den Vortrag von Wolfram A. Riedel (stehend) in der früheren Pförtnerloge an.

Riesen-Andrang beim Vortrag von Wolfram Riedel

Schlüter bleibt Kult

Freising - Im zweiten Kapitel ihrer „Freisinger Gschichten“ hat die Junge Union der Maschinenfabrik Anton Schlüter einen Abend gewidmet. Wolfram A. Riedel, von1969 bis zum bitteren Ende 1994 Werbechef und Öffentlichkeitsarbeiter beim Freisinger Traktorenhersteller, plauderte dabei aus dem Nähkästchen.

Der Junge-Union-Vorsitzende Marcus Fleischmann war, wie auch der Referent, überrascht über den Andrang zum Vortrag in der ehemaligen Pförtnerloge des früheren Unternehmens, dem heutigen „Café am Schlüter“. Es wurde schnell klar, dass die meisten Besucher ehemalige Mitarbeiter des Unternehmens und vor allem Fans und Mitglieder aus den vielen Schlüterclubs waren. Erkennbar an den roten, schlüterfarbenen Jacken – ein bekennender Schlüter-Fan kam gar in blauer Latzhose mit dem Firmenaufdruck „Schlüter Traktoren“. Wolfram A. Riedel begann mit seinem Vortrag über die Firmengeschichte im Jahre 1880, als der spätere Kommerzienrat Anton Schlüter auf der Wanderschaft von NRW in Freising ankam und als Mechaniker bei der Tuchfabrik Feller einen ersten Job erhielt. Schon bald arbeitete er mit zwei Gesellen in der Weißenburger Straße in München in der eigenen Werkstatt, später dann in der Balanstraße. 1915 wurde das 100 000 Quadratmeter große Grundstück in Freising erworben. Aber erst nach dem Krieg verlagerte der Sohn des Firmengründers die Traktorenproduktion in die Domstadt Freising. Ab Anfang der 60er Jahre wurden die (bären)-starken PS-Schlepper bekannt, die unter der Leitung des neuen Inhabers Dr. Anton Schlüter, dem Enkel des Firmengründers, produziert wurden. Die Traktoren hatten damals 35 bis 80 PS, 1964 wurde die erste 100 PS starke Zugmaschine präsentiert. Als richtiges Unikat gilt auch heute noch der Profi Trac 5000 TVL mit 500 PS aus dem Jahr 1978, der zu den stärksten jemals gebauten Traktoren zählt. Wolfram A. Riedel schilderte den letzten Firmenpatriarchen als einen Pionier, der Wissenschaft und Praxis zusammenbrachte, der weit über die Grenzen Freisings hinaus bis in den hohen Norden bekannt war. „Er hatte noch Verbindungen zu seinen Partnern. „Wo gibt es das heute noch, dass der Inhaber eines Werkes Kontakte zu seinen Kunden hat?“, fragte Riedel. Darin sah er auch den heutigen Kult um „Schlüter“ begründet. Und der Firmenchef hatte ein soziales Gewissen, baute Wohnungen für Mitarbeiter (Schlüterblöcke), trat als Sponsor in der Stadt Freising auf. Dessen Fehlen bedauerte Kulturreferent Hubert Hierl: „Schlüter hätte bestimmt 10 000 Euro für unsere Brückenheiligen gespendet.“ Das Aus für das Freisinger Unternehmen, das freilich die meisten Steuern nach München zahlte, war besiegelt, als auch die anderen Traktorenhersteller begannen, PS-starke Traktoren zu bauen. „Da konnte Schlüter nicht mehr mithalten“, so Referent Riedel. Nicht gerade mit Ruhm bekleckert habe sich bei der Abwicklung der Firma die Stadt Freising. Denn immerhin wollte BMW das Schlüter-Areal erwerben, doch die Pläne des Autobauers gefielen den Stadträten damals nicht – die Sicht auf die Domtürme fand man nicht frei genug. So kaufte die „Spatengrund“ das Grundstück, das Schlütergut hatte längst die Molkerei Weihenstephan erworben und dann an Müller-Milch weiter verschachert. „Zum Schleuderpreis“, wie Stadtrat Hubert Hierl am Montag dem damaligen bayerischen Finanzminister Kurt Faltlhauser vorwarf. „Freising bekommt keinen Cent Steuer von Müller Milch“, brummte Hierl grimmig. Der Abend endete mit viel Fachsimpelei der eingefleischten Schlüterfans. Und dabei wurde vor allem eines klar: Der Mythos Schlüter lebt weiter, Schlüter wird – auch über den Tag hinaus – Kult bleiben.

Heinz Mettig

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