Gewalt gegen Polizisten
+
Die Einsätze werden intensiver – das bestätigen auch die Polizeichefs im Landkreis Freising. In der Kreisstadt gab es 2019 mehr tätliche Angriffe gegen Polizeibeamte als Beleidigungen – eine alarmierende Entwicklung. Die Zahlen für das Jahr 2020 werden im August erwartet. Symbolbild

Einsätze werden intensiver

„Hemmschwelle sinkt“: 26 Polizisten im Dienst verletzt - Gewaltdelikte nehmen im Bereich der PI Freising zu

  • Helmut Hobmaier
    vonHelmut Hobmaier
    schließen

Die Gewalt gegen Polizeibeamte nimmt zu. Die PI Freising hat für das Jahr 2019 Rekordwerte registriert.

Landkreis – Die Gewalt gegen Polizeibeamte nimmt zu. Nicht nur im Bereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord ist der beunruhigende Trend einer steigenden Zahl von Delikten zu beobachten, sondern auch im Landkreis Freising. Betroffen ist der Bereich der Freisinger Inspektion, wo auch die Zahl der verletzten Polizisten immer mehr wird.

Im Bereich der Polizeiinspektion Freising wurden 2019 die Rekordwerte von 36 Gewalttaten und 15 verletzten Beamte registriert. Im Zuständigkeitsbereich der Dienststellen Moosburg und Neufahrn verläuft die Entwicklung zum Teil sogar gegenläufig. In Moosburg aber ist 2019 die Zahl der verletzten Polizisten von zwei im Jahr 2018 wieder auf acht sprunghaft angestiegen. Wer bedroht und beleidigt Polizeibeamte? Wer schlägt sogar zu – und warum?

Das Stadt-Land-Gefälle spiegelt sich auch in der Zahl der verletzten Polizeibeamten wider. In Neufahrn ist die Situation eher entspannt.

Über 80 Prozent der Täter waren männlich – und fast 70 Prozent (2019) der Täter stand unter dem Einfluss von Alkohol und/oder Drogen. „Besonders erschreckend ist bei der Betrachtung der Entwicklungen, dass sich die verbalen Angriffe mit den körperlichen Angriffen gegen die Beamtinnen und Beamten zwischenzeitlich die Waage halten“, betont Polizeipräsident Günther Gietl. 2019 wurden im Bereich der drei genannten Polizeidienststellen in 26 Fällen Polizeibeamte – Frauen wie Männer – vorsätzlich körperlich angegangen. Zusätzliche fünf Mal wurde anderweitig körperlicher Widerstand gegen polizeiliche Maßnahmen geleistet. Dem stehen insgesamt 25 Beleidigungen und verbale Bedrohungen gegen Einsatzkräfte der Polizei gegenüber.

„Für die Polizisten sind verbale Übergriffe zwar einfacher wegzustecken als körperliche, aber sie belasten trotzdem“, weiß Gietl. „Sehr besorgniserregend und bedrückend“ sei jede(r) einzelne verletzte Polizeibeamte. Gietl: „2019 waren es zu unserem großen Bedauern zuletzt wieder 26 Polizistinnen und Polizisten, die bei den drei Dienststellen im Landkreis Freising völlig unnötig im Dienst durch Straftäter verletzt wurden.“ Es sei „nicht zu akzeptieren, dass Helfer, egal, ob Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienste, die vielfach diesen Dienst an der Gesellschaft im Ehrenamt ausüben, selbst Opfer von Angriffen werden”, sagt der Polizeipräsident.

PI Freising

„Die Hemmschwelle sinkt“, kommentiert der Freisinger Inspektionsleiter Ernst Neuner die steigende Zahl von verletzten Kollegen und Gewaltdelikten gegen die Polizei. „Unser Gegenüber ist einfach schneller dabei beim Beleidigen, beim Infragestellen von Maßnahmen, bei tätlichen Angriffen.“ Immer häufiger sei die Polizei als Hüter und Vertreter von Recht und Ordnung das Ziel von Aggressionen. Unter Einfluss von Alkohol und Drogen sei zum einen das rationale Denken quasi ausgeschaltet, weiß Neuner.

Doch das sei es nicht allein: „Meiner Einschätzung nach hapert es auch an der grundlegenden Wertevermittlung. Der Grundrespekt geht verloren, was man auch dran sieht, dass zum Beispiel die Lehrer im Grunde das gleiche Problem haben wie wir. Wem gegenüber einfach Respekt geboten ist – das wird häufig nicht mehr vermittelt.“

Bedroht oder beleidigt wurden Polizeibeamten im Landkreis im Jahr 2019 25 Mal. In 26 Fällen kam es sogar Körperverletzungen und/oder tätlichen Angriffen. Fünfmal wurde Widerstand geleistet. Die Zahlen für das Jahr 2020 werden im August erwartet.

Alarmierend sei auch das Ausmaß der Gewalt. „In Freising haben wir mittlerweile mehr tätliche Angriffe als Beleidigungen, die man ja noch eher wegstecken kann als eine körperliche Attacke“, berichtet der Inspektionschef. „Das erfüllt mich mit Sorge“, sagt Neuner. „Meine Kollegen sind schließlich keine Prügelknaben.“

„Freundlichkeit wird leider als Schwäche ausgelegt“

Dabei seien viele Polizisten im Einsatz schon „mit angezogener Handbremse“ unterwegs. Die Beamten würden häufig gefilmt, so Neuner, einzelne Szenen herausgenommen und so im Internet gezeigt, dass die Beamten möglichst schlecht ausschauten. Daher sei er „ein absoluter Fan“ der Body-Cam. „Da wird alles gefilmt, alles gezeigt – und man sieht, wie sich das Ganze wirklich abgespielt hat.“

Auch das „Schubladendenken“ vieler Menschen ärgert Neuner. Aufgrund von bedauerlichen Einzelfällen, die auch aufgeklärt werden müssten, bezeichne man „die Polizei“ als gewaltbereit, „die Polizei“ als rechtsradikal. Das sei nicht nur ärgerlich und unfair, sondern verunsichere auch gerade jüngere Kollegen, die dann im Einsatz Angst hätten, etwas falsch zu machen. „Unser Gegenüber erkennt das sofort“, weiß Neuner, „und Freundlichkeit wird dann leider als Schwäche ausgelegt.“

PI Moosburg

Der Moosburger Inspektionschef Christian Bidinger ist seit 40 Jahren bei der Polizei. „Gewalt gegen Polizeibeamte, das war immer schon ein Thema“, weiß Bidinger. Das liege in der Natur der Sache: „Wenn wir kommen, dann häufig deshalb, weil es Probleme gibt. Oft sind auch noch Alkohol oder Drogen im Spiel. Wenn wir dann polizeiliche Maßnahmen durchsetzen müssen, gibt es schon mal Widerstandshandlungen oder andere Gewaltdelikte.“

Deutlich zugenommen haben die Gewaltdelikte gegen Polizeibeamte im Bereich der Inspektion Freising. In Moosburg verläuft der Trend umgekehrt.

Natürlich sei es immer das Ziel, die Situation nicht eskalieren zu lassen. Das werde im Einsatztraining auch geübt. Dass die Hemmschwelle, Polizisten zu attackieren, insgesamt sinkt, kann Bidinger für den Bereich Moosburg nicht bestätigen. Allerdings habe er schon den Eindruck, dass manche Einsätze „intensiver“ würden. Die acht verletzten Polizisten des Jahres 2019, sagt der Inspektionschef, seien aber acht zu viel.

PI Neufahrn

„Ein gewisser Sittenverfall ist schon erkennbar“, hat Neufahrns Inspektionschef Hermann Eschenbecher festgestellt – auch mit Blick auf Rettungsdienst und Feuerwehr als ebenfalls Leidtragende. Eine alarmierende Tendenz zu mehr Gewalt gegen die Polizei kann Eschenbecher aber nicht bestätigen.

Dennoch: Es sei schon Zeit, auch klar zu machen, dass man sich als Polizist nicht alles bieten lassen müsse: „Das A-Wort und die Polizei herumschubsen – das geht halt nicht.“ Er ermutige jüngere Kollegen durchaus, hier auch eine Grenze einzuziehen und Anzeige zu erstatten. „Dann gibt’s für besonders Aggressive beizeiten die Gelbe Karte der Justiz, und das ist auch gut so.“ Eschenbecher fasst es so zusammen: „Es muss nicht sein, dass man uns Polizisten schäbig behandelt.“

Die Zahlen für das Jahr 2020 werden im August erwartet.

Alle Neuigkeiten und Nachrichten aus Freising und der Region lesen Sie immer aktuell hier.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare