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Wenn der Bär über den Pulli spaziert: Freisinger gründet ökologisches Modelabel für die Domstadt

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Von: Manuel Eser

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Ein ökologisches Modelabel für Freising hat Gründer Immanuel Schumm (r.) entwickelt. Unterstützt wird er von Freunden, unter anderem von (v. l.) Sandra und Markus te Heesen, Mariana Pedraza und Susanne Oberloher.
Ein ökologisches Modelabel für Freising hat Gründer Immanuel Schumm (r.) entwickelt. Unterstützt wird er von Freunden, unter anderem von (v. l.) Sandra und Markus te Heesen, Mariana Pedraza und Susanne Oberloher. © lehmann

Er verbindet die Liebe zu seiner Heimatstadt Freising mit nachhaltiger Kleidung: Immanuel Schumm (28) hat ein Modelabel gegründet, das fest in der Domstadt verwurzelt ist.

Freising – Der Freisinger Bär, der auf der Silhouette der Stadt spazieren geht. Der Schattenriss von Lehrberg und Nährberg mit der Aufschrift „Dahoam“. Der schräg nach rechts gekippte Rathausturm. Eine stilisierte Stadtkarte in Rostrot mit der abstrakten Isar-Linie im Zentrum. Das sind nur einige der von Immanuel Schumm kreierten Motive, die sich auf Hosen und T-Shirts, Pullovern und Jacken, Käppis und Taschen befinden.

Um sie produzieren zu können, hat der Freisinger im Frühjahr 2021 das Start-up EST.724 gegründet. Und auch der Name des Unternehmens bezieht sich auf Schumms Verbundenheit mit seiner Heimatstadt. Denn 724 war das Jahr des Heiligen Korbinian, dem Freisinger Gründungspatron. Die Abkürzung EST. für „established“ findet besonders in der Modebranche große Verwendung, berichtet der 28-Jährige. „Dort weist die angeführte Jahreszahl im Regelfall auf das Gründungsjahr der Modemarke hin. Der Markenname EST.724 ist in unserem Fall ein Wortspiel, das auf die Gründung der Stadt Freising anspielt.“

Die Idee

Bereits während seines Studiums der Wirtschaftspsychologie spielte Schumm mit dem Gedanken, ein regionales, ökologisches Modelabel für Freising zu entwickeln. „Inspiriert wurde ich von anderen heimatverbundenen Modemarken, die es für Bayern und München bereits gibt“, erzählt er. Die Grundidee fand er super, viele Designs aber zu plakativ. „Ich hätte ein solches Produkt selbst nicht tragen wollen. Dadurch entstand die Idee, heimatverbundene Designs in einer dezenten, schlichten und stilisierten Form zu gestalten.“ Immer wenn ihm ein Einfall kam, legte Schumm die Studienbücher zur Seite und setzte sich an seinen Schreibtisch, um die Motive, die er im Kopf hatte, auf Papier festzuhalten.

Nach Abgabe seiner Masterarbeit im Wintersemester 2020/21 gab er sich den entscheidenden Ruck: „Ich wollte den Traum von nachhaltiger Mode für Freising in die Tat umsetzen, habe das Projekt aber noch sehr lange für mich behalten“, berichtet er. Auf eigene Faust recherchierte er Produktpartner, Vertriebsketten, Logistikabwicklung, rechtliche Rahmenbedingungen und vieles mehr. „Erst nach und nach, als das Grundkonzept bereits stand, habe ich sukzessive Freunde und Familie in mein Vorhaben eingeweiht.“

Die Komplizen

Sein Team nennt er seine „Freunde aus Freising“, die er über die unterschiedlichsten Verbindungen kennengelernt hat. „Bei den einen war es die Schule, bei anderen war es die Familie, bei wieder anderen waren es die Freunde von Freunden, die zu eigenen Freunden wurden. Ich würde sagen, es war sehr typisch, wie man sich in einer familiären Stadt wie Freising so kennenlernt.“

Die Aufgaben sind bei EST.724 bunt verteilt. „Alle, die sich an diesem Projekt beteiligen, zeigen dies durch ihr eigenes besonderes Know-how und Engagement“, sagt Schumm. Freunde und Familienangehörige helfen durch Ideen, bei der Vermarktung auf Instagram oder bei Retouren. Besonders betont er die „herausstechenden Leistungen“ von Markus te Heesen, Inhaber des MGTH Studios in Moosburg, der ihm als professioneller Fotograf und Videograf zur Seite steht. Auch die „erstklassige Expertise“ von Jenny Fretz hebt er hervor. Die professionelle Stylistin und Visagistin kümmert sich um das passende Aussehen bei Fotos- und Videosessions. Schumm selbst wickelt die Bestellungen ab, kümmert sich um den Kundenkontakt, sämtliche Verwaltungsaufgaben – und zeichnet weiter neue Designs.

Faszination für Freising

Was die Domstadt für den 28-Jährigen zur großen Inspirationsquelle macht? „Die vielen Dualitäten“, sagt Schumm. „Freising ist klein und gleichzeitig groß. Groß genug, um überall neue Leute kennenzulernen. Klein genug, um sich einen familiären Charme zu bewahren.“ Zudem sei Freising sehr alt und gleichzeitig hochmodern. „Befindet man sich gerade in Weihenstephan, zeigt sich die Umgebung geprägt durch moderne Architektur aus Glas, Stahl, Beton und modernen Holzbauten.“ Stehe man auf dem Domberg, sei man in einer Barockwelt. „Freising ist bayerisch mondän und gleichzeitig alternativ.“

Die gute Tat

Neben seiner Heimatliebe spornt Schumm auch der Wunsch an, mit seiner Arbeit Gutes zu bewirken. „Ein positiver ökologischer Fußabdruck ist einer der stärksten Antreiber für uns“, sagt er. „So möchten wir einerseits unseren Kundinnen und Kunden alle Produkte zu einem fairen Preis bereitstellen, zum anderen aber auch in den Bereichen Nachhaltigkeit, Produktion und Qualität das Bestmögliche bieten.“

Alle Produkte werden deshalb erst nach Eingang einer Bestellung gefertigt, um Überproduktionen zu verhindern. Verwendet werden nur biologische Materialien: hauptsächlich Biobaumwolle, die EST.724 aus nachhaltig bewirtschaften Plantagen bezieht. „Unsere Kooperations- und Zulieferfirmen haben wir sorgfältig ausgewählt.“ Die Textilien würden unter strengen Auflagen und Kontrollen in verschiedenen asiatischen Ländern zu sicheren und menschenwürdigen Arbeitsbedingungen bei fairen Lohnzahlungen produziert. „Jeder Schritt der Produktionskette wird dabei auf Einhaltung der Corporate Social Responsibility überwacht.“

Der Aufdruck auf die Textilien findet in Deutschland mit wasserschonenden DTG-Druckmaschinen unter Einsatz erneuerbarer Energien statt. Für die Motive wird abbaubare NeoPigment-Tinte verwendet, die frei von Gift- und tierischen Inhaltsstoffen ist. Zu den Kunden gelangt die Ware via klimaneutralem Versand in plastikfreier Verpackung.

Die Herausforderung

Für die Realisierung von EST.724 hat sich Schumm immer wieder auf komplett neues Terrain begeben. Dafür braucht es Mut, oder wie es der Gründer ausdrückt: „Die größte Herausforderung ist die ständige Überwindung der eigenen Scheu.“

Als Beispiel nennt er die sogenannten „Abmahn-Parasiten“ – Anwaltskanzleien, die das Internet nach Fehlern in den Rechtstexten absuchen und dann die entsprechenden Betreiber verklagen. „Um gegen so etwas gewappnet zu sein, sind wasserdichte Rechtstexte wie Impressum, AGBs oder Datenschutzerklärung unabdingbar. Doch wie sollten wir das angehen, wenn wir selbst keine Juristen sind und das Budget knapp ist? Eigene Anwälte sind teuer, selbst zu schreiben wäre zu riskant, die Texte von anderen Webseiten zu übernehmen illegal.“ Dank gründlicher Recherche fand das Team schließlich doch geeignete Rechtspartner.

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Bei vielen Aufgaben lässt sich auch der Aufwand schwer einschätzen. „Als es um den Aufbau unseres Online-Shops ging, habe ich im Internet ein ausgezeichnetes, etwa 60-minütiges Video-Tutorial gefunden. Ich dachte mir damals: Eine Stunde? Das bedeutet, ich stehe früh auf, mache mir einen Kaffee und werde den ganzen Tag durchackern, um am Abend das Gerüst des Onlineshops fertig zu haben“, erzählt er. Dann fügt er lachend hinzu. „Nun ja, bis der Shop fertig war, hat es doch zwei ganze Monate gedauert.“

Anderen Start-up-Neulingen empfiehlt er: „Wenn sich ein Problem anfühlt wie verhext und sich einfach keine Lösung zeigen will, ist es keine Option, sich selbst verrückt zu machen. Lieber eine Nacht darüber schlafen und am nächsten Tag in aller Ruhe neu an die Sache herangehen.“ Irgendwie lasse sich dann doch immer für alles eine Lösung finden. „Entscheidend ist es für jeden Gründer, die Balance zu meistern zwischen Zielfokussierung und Kompromisslosigkeit auf der einen Seite sowie Flexibilität, Spontanität und Offenheit für neue Perspektiven auf der anderen Seite.“

Die Zukunft

Bisher wird die Ware nur über den eigenen Onlinestore vertrieben. Schumms Ziel ist es aber, mit regionalen Einzelhändlern Kooperationen zu schließen, um einzelne Produkte auch in Geschäften anbieten zu können. Möglichst noch in diesem Jahr. Die angesprochenen Ladeninhaber hätten sich auch angetan gezeigt, meint Schumm.

Viel Herzblut

Das Problem: „Wir haben unser Projekt so aufgebaut, dass wir die hochwertige Kleidung zu einem fairen Preis anbieten möchten.“ Die Gewinnmarge, die am Ende übrig bleibe, sei weit geringer als bei einem herkömmlichen Modelabel. Und die Gewinnmarge, die der Einzelhandel normalerweise benötige, damit sich ein derartiger Deal angesichts aller Fixkosten rechne, sei höher als die Gesamtmarge von Est.724. Dennoch versuche man gemeinsam, auch hier eine Lösung zu finden, sagt Schumm. „Das geht nur, da wir alle, auch die großartigen Ladenbesitzer der Stadt Freising, eine Menge Herzblut hineinstecken.“

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