+
Vom Osten der Türkei ans deutsche Fließband: Die klassische Gastarbeiter-Geschichte erzählt Familienvater Mehmet Dasch (Atilla Cansever, r.) – flankiert von seiner Familie.

Integrationstheater im Lindenkeller

„O Gott, die Türken integrieren sich“

Mehr als 50 Jahre ist es her, dass die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Kaum jemand konnte sich damals vorstellen, dass die für das Wirtschaftswunder angeworbenen Menschen auf Dauer bleiben könnten. Viele haben sich jedoch für die neue Heimat entschieden. Und genau von einer solchen Familie erzählte die Komödie des Theater Ulüm mit dem Stück „O Gott, die Türken integrieren sich“. Zum Finale der Interkulturellen Woche lud die Agenda-Projektgruppe Migration am Freitag Abend in das Unterhaus im Lindenkeller ein. Ein ganz besonderer Zeitpunkt – vor dem Hintergrund des Erdogan-Besuchs.

Freising – Deutschland, das gelobte Land – wo war das eigentlich? Das fragt Hauptdarsteller Atilla Cansever, der in der turbulenten Komödie den Familienvater Mehmet Dasch verkörpert. Die Erinnerungen seiner eigenen Familie sind es wohl, die er dem Theaterpublikum schildert. Er erzählt, wie es damals gewesen sei, das Heimatdorf im Osten der Türkei zu verlassen und als Arbeitskraft ohne Sprachkenntnisse plötzlich am Fließband Akkordarbeit zu verrichten.

Bunt gemischt und höchst amüsiert war das deutsch-türkische Publikum im Freisinger Lindenkeller. Fotos (2): Lehmann

Cansever ist diese Rolle auf den Leib geschnitten. In vielen kleinen Episoden wird den Zuschauern das Neben- und Miteinander zweier Kulturen vorgeführt. Und das auf höchst unterhaltsame Weise. Es wird viel gelacht, als Tochter Remziye (Yasemin Agbulak), Studentin im vierten Semester, den Vater sprachlich immer wieder aus der Misere helfen muss. Oder wenn ihn seine schlagfertige Frau Fikriye (Hatice Onar) auf Schwäbisch niederredet. Oder wenn sein Sohn die deutsche Freundin heiraten möchte – und es viele Missverständnisse bezüglich der Traditionen gibt.

Doch der deutsch-türkische Theaterbrückenschlag geht auch tiefer und entlarvt politische Doppelmoral – etwas beim Thema EU-Beitritt der Türkei. Ein großes Publikum genießt es geradezu, wie ihm immer wieder der Spiegel vorgehalten wird. Im Zuschauerraum sitzen türkische und deutsche Familien zusammen. Viele türkische Zuschauer haben auch Kinder und Enkelkinder dabei. Und die wundern sich: „Warum spricht denn der so komisch“, kommentieren die Kleinen das holprige Deutsch von Familienvater Mehmet.

Auch er habe sich in einigen Szenen wieder erkannt, verrät hinterher Ismet Ünal, Vorsitzender der Agenda-Projektgruppe Migration. Das Interkulturelle Fest am Samstag auf dem Gelände am JUZ in der Kölblstraße bot Gelegenheit, die flotte Integrationskomödie noch einmal Revue passieren zu lassen.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare