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Die FDP hat bei Erstwählern abgesahnt, die CSU nicht – Warum? Interview mit zwei Freisinger Parteivertretern

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Von: Manuel Eser

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Redeten Tacheles: 23 Prozent der Erstwähler haben die FDP gewählt, nur zehn Prozent die CSU. Warum das so ist, wollte (v. l.) FT-Redakteur Manuel Eser von Tobias Weiskopf (FDP) und Benedikt Flexeder (CSU) wissen.
Redeten Tacheles: 23 Prozent der Erstwähler haben die FDP gewählt, nur zehn Prozent die CSU. Warum das so ist, wollte (v. l.) FT-Redakteur Manuel Eser von Tobias Weiskopf (FDP) und Benedikt Flexeder (CSU) wissen. © Lehmann

Bei der Bundestagswahl haben viele Junge FDP gewählt - die CSU dagegen ist wenig beliebt. Tobias Weiskopf und Benedikt Flexeder diskutieren die Gründe.

Freising – Es war eine der größten Überraschungen bei der Bundestagswahl: Neben den Grünen hat die FDP die meisten Stimmen von Erstwählern bekommen. Die Union ist bei der Jugend hingegen wenig beliebt. Im FT-Interview berichtet Tobias Weiskopf (23), warum seine FDP so gut abgeschnitten hat, und erklärt Benedikt Flexeder (31), was seine CSU falsch gemacht hat. Ein Gespräch, in dem Tacheles geredet wurde.

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Herr Weiskopf, die Ampelkoalition ist fix. Hätten Sie Jamaika bevorzugt?

Tobias Weiskopf: Ich war anfangs überhaupt kein Freund der Ampel, weil mir die Vorstellungskraft gefehlt hat, dass hier ein Bündnis entstehen kann, in dem sich alle Parteien wiederfinden. Aber wenn ich das Sondierungspapier betrachte, komme ich zu dem Urteil, dass genau das gelungen ist. Und wenn wir den Prozess angucken, wie die Jamaika-Vorgespräche verlaufen sind, war die Ampel alternativlos, weil die Union nicht regierungsfähig war.

Ist das so, Herr Flexeder?

Benedikt Flexeder: Regierungsfähig wären wir schon gewesen. Ein Dreierbündnis hinzubekommen, ist aber einfach schwierig. Ich lasse mich überraschen, wie gut die Ampel hält.
Weiskopf: Die Schwierigkeit wäre bei Jamaika noch größer gewesen, weil da ja eigentlich nicht drei, sondern sogar vier Parteien beteiligt sind. Denn CSU und CDU sitzen erfahrungsgemäß nicht immer im selben Boot.
Flexeder: Das stimmt.

Die CSU wird nicht mitregieren. Ist Opposition aus Ihrer Sicht, Herr Flexeder, besser, als mit den Grünen zu regieren?

Flexeder: Die Oppositionsbank ist hart. Da müssen sich unsere Abgeordneten gute Polster mitbringen. Gestalten und regieren wäre schöner.

Auch mit den Grünen?

Flexeder: Ja, denn auch bei den Grünen gibt es Vernünftige. Aber klar: Am liebsten wäre uns Schwarz-Gelb gewesen. Das sieht die FDP sicher auch so.
Weiskopf: Das teile ich nur bedingt. Wir sind zwar der Union in wirtschaftlichen Fragen sehr nah, aber gerade gesellschaftspolitisch tut die Ampel gut. Denn die Union hat da in den vergangenen Jahren viel blockiert, ob es da um die Abschaffung von Paragraf 219a geht, der Ärzte unter Strafe stellt, die öffentlich über Schwangerschaftsabbrüche informieren, um das Transsexuellen-Gesetz oder die Ehe für alle. Da braucht es gesellschaftspolitisch liberale Kräfte. Deswegen ist es für mich kein Automatismus, dass Schwarz-Gelb immer das Richtige ist. Ich hoffe aber trotzdem, dass sich die Union in der Opposition erholt, damit man künftig Wirtschaftsreformen auch wieder gemeinsam anstoßen kann. Wir haben die Oppositionsbank jedenfalls gut gepolstert und vorgewärmt.

Jetzt ist es ja nicht so, dass die Union in ihren vielen Regierungsjahren nichts vorangebracht hätte im Land. Schmerzt es Sie, Herr Flexeder, umso mehr, dass Ihre Partei derzeit als rückschrittliche Partei wahrgenommen wird – oder ist sie das tatsächlich geworden?

Flexeder: Ich finde, gerade in den letzten Jahren kann man der Union nicht unbedingt zu viel Konservatismus vorwerfen. Im Gegenteil. Aber was etwa den Paragrafen 219a angeht: Es stimmt, Werbung für Abtreibungen passt nicht unbedingt ins Wertesystem der Union.

Fast 25 Prozent der Erstwähler haben FDP gewählt. Waren Sie davon überrascht, Herr Weiskopf?

Weiskopf: Überrascht hat mich, dass wir in einer ersten Umfrage bei den Erstwählern sogar vor den Grünen gelegen sind. Am Ende waren wir prozentual gleichauf. Es hat mich aber nicht überrascht, dass ein Viertel der jungen Menschen der FDP ihre Stimme gegeben hat, weil ich glaube, dass wir zwei wichtige Punkte für junge Menschen vereinen: Erstens die Lust auf Fortschritt und Veränderung, und zweitens haben wir ein richtig starkes inhaltliches Angebot gemacht.

Zum Beispiel?

Weiskopf: Das beginnt bei der Reform des BAföG, das unbürokratischer und elternunabhängiger funktionieren muss. Das geht weiter bei der Altersvorsorge, die aktuell gegen die Wand gefahren wird, und die wir mit dem Konzept der kapitalgedeckten Altersvorsorge nach schwedischem Vorbild so reformieren wollen, dass unsere Generation auch noch eine solide Rente hat. Und es umfasst die Legalisierung von Cannabis, was für junge Menschen ein wichtiges Anliegen ist. Viele Jungwähler haben mir im Wahlkampf daher signalisiert, dass die FDP eins zu eins ihr Anwalt im Bundestag ist.

Bis dato waren das immer die Grünen. Die Wahl hat aber gezeigt, dass es nicht die eine Stimme der Jugend gibt, etwa Fridays for Future, sondern viele Stimmen.

Weiskopf: Auch wenn man es nicht glaubt: Ich kenne viele Leute, die bei Fridays for Future aktiv sind und FDP gewählt haben. Junge Wähler haben uns nicht nur, aber auch wegen unseres Klimaschutzkonzepts gewählt.
Flexeder: In der JU gibt es ebenfalls viele Jugendliche, die das Thema Klima auf dem Plan haben. Ich denke, dass es unsere Generation auszeichnet, Ökonomie und Ökologie zusammenzudenken.

Wie wichtig sind Erstwählern wirtschaftliche Fragen?

Weiskopf: Sie stehen ganz oben auf der Agenda. Viele Ältere glauben, dass alle jungen Menschen studieren und vom Geldbeutel ihrer Eltern leben, bis sie 30 sind. Das ist aber nicht so. Ein ganz großer Teil fängt mit 15, 16 Jahren eine Ausbildung an und zahlt dann schon Steuern. Viele machen in jungen Jahren auch ihren Meister und dann einen Handwerksbetrieb auf. Denen ist wirtschaftlicher Erfolg natürlich wichtig. Was bei jungen Menschen wahnsinnig boomt, ist das Thema private Altersvorsorge. Die investieren in ETF-Fonds und Aktien – oft auch in nachhaltige Start-ups.

Warum hat es die CSU nicht geschafft, die wirtschaftlich interessierte Jugend zu gewinnen?

Flexeder: Bei der FDP hat neben starken Inhalten und Zukunftsvisionen auch eine ziemlich gute Marketingstrategie durchgeschlagen. Christian Lindner war gefühlt bei jedem Finanz-YouTuber, den man kennt, und ist dort genau zu den Themen interviewt worden.
Weiskopf: Soweit ich weiß, wurden auch andere Parteivorsitzende angefragt.
Flexeder: Ganz genau. Der YouTuber Marvin Neumann zum Beispiel hat jeden Spitzenkandidaten eingeladen. Wer hat sich zur Verfügung gestellt? Christian Lindner und Olaf Scholz. Wer hat sich nicht zur Verfügung gestellt? Annalena Baerbock und Armin Laschet – angeblich wegen zu geringer Reichweite. Da muss ich sagen: Okay, wenn man auf eine Reichweite von 500 000 Personen verzichten kann, verliert man halt die Wahl.
Weiskopf: Aus meiner Sicht hat die Union mit Blick auf die Jungwähler noch einen Fehler gemacht: Während wir uns in der Pandemie für junge Leute und ihre Freiheitsrechte stark gemacht haben, hat die Große Koalition Kinder und Jugendliche oft hinten runterfallen lassen.

Sie nicken, Herr Flexeder?

Flexeder: Ich muss sagen, dass in der Corona-Krise Clubkultur, Veranstaltungen und alles, was die Jugendzeit ausmacht, nicht unbedingt gezählt haben. Wir als JU hatten in dieser Zeit mit unseren digitalen Talkabouts früh den Hauptgeschäftsführer vom Verband für Popkultur zu Gast, mit dem wir konkret darüber gesprochen haben, wie wir das Leben für Kinder und Jugendliche sicher wieder hochfahren können. Denn jedes Jahr, das du in der Jugend verlierst, sind gefühlt zehn Jahre.
Weiskopf: Und man muss die Ignoranz nicht allein auf Clubkultur reduzieren. Ich weiß nicht, wie oft wir im Kreistag über Luftfilter für Klassenzimmer diskutiert haben. Und was auch vergessen wurde: Erwachsene wohnen oft schön ländlich im Einfamilienhaus, junge Leute wohnen meist in Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnungen oder auf zehn Quadratmetern im Studentenzimmer.
Flexeder: Da bekommt man im Lockdown einen Lagerkoller. Für mich ging das Hand in Hand: Auf der einen Seite das Einsperren, andererseits das Wegnehmen jugendlicher Erfahrungen. Das sind zwei Themen, die wir als Junge Union früh angesprochen haben.

Das heißt, dass Sie als Jugendorganisation von der „großen“ Partei nicht gehört oder nicht ernst genommen wurden.

Flexeder: In dieser Zeit haben so viel Interessensgruppen versucht, ihr Ding durchzusetzen, dass du auch auf die eigene Jugendorganisation nicht immer hören kannst. Ist schade.

Mit CSU-Kreischef Florian Herrmann hätten Sie als JU-Kreisvize aber eigentlich einen direkten Draht in die Staatskanzlei?

Flexeder: Auf ihn lasse ich auch nichts kommen. Florian Herrmann steht für mich immer als erster Ansprechpartner zur Verfügung. Egal, wann ich ihm schreibe – in der Regel habe ich 20 Minuten später eine Antwort. Und er fördert ja junge Leute. Ohne ihn wäre ich bei der Europawahl nicht auf die Kandidatenliste gekommen. Und mit Manuel Mück hatten wir auch einen sehr jungen Landratskandidaten.
Weiskopf: Wenn ihr so einen guten Draht zu Florian Herrmann habt, hätte ich mir halt gewünscht, dass er den ein oder anderen Impuls von euch auch mal zum Ministerpräsidenten weitergetragen hätte.
Flexeder: Hat er auch. Zum Beispiel waren die Kinder mit Migrationshintergrund im ersten Lockdown zunächst von der Kita-Notbetreuungsregel ausgeschlossen. Daraufhin haben wir ihm geschrieben, dass es dringend notwendig wäre, diese Kinder aufgrund ihres Förderbedarfs mit in die Notbetreuungsregel aufzunehmen und nicht nur Kinder von Eltern aus systemrelevanten Gruppen. Zwei Wochen später war das dann der Fall.

Was ist die größte Stärke der Freien Demokraten im Landkreis, Herr Weiskopf?

Weiskopf: Diversität. Wir haben erfahrene Kommunalpolitiker, aber auch ein starkes junges Profil. Wir geben jungen Leuten die Möglichkeit, sich einzubringen, sonst wäre ich nicht Landratskandidat geworden. Wir lassen auch Diversität in Meinungen zu. Wir holen Leute ab, denen gesellschaftlicher Wandel wichtig ist, und Menschen, denen die wirtschaftliche Freiheit wichtig ist.

Das zeigt sich auch an den steigenden Mitgliederzahlen.

Weiskopf: Richtig. Wir haben uns seit 2016 mehr als verdoppelt, sind jetzt bei 113 Mitgliedern. Für die Freisinger FDP ist das Höchststand – auch wenn Benedikt in Anbetracht der CSU-Zahlen schmunzeln wird. Flexeder: Da schmunzle ich nicht, weil ich es ja lobenswert finde, wenn viele Leute – Junge wie Alte – Lust auf Demokratie und Engagement in Parteien entwickeln beziehungsweise wiederentdecken. Auch wir haben seit Februar 16 Neumitglieder im Alter von 15 bis 23 Jahren dazubekommen, und ich bin froh über jeden, der sich und seine Ideen einbringt.

Bei den jungen Wählern hat die CSU dennoch nicht gut abgeschnitten. Was war der große Fehler, den die CSU in Ihren Augen im Wahlkampf gemacht hat, Herr Flexeder?

Flexeder: Ich glaube, die Gesamtkonstellation war ausschlaggebend. Erst die Streitigkeiten um die Kanzlerkandidatur und wer der bessere Kandidat ist. Dann wurden handwerkliche Fehler gemacht: Die Kampagne kam zu spät. Auch die Kommunikation war schlecht, da braucht man sich nur die nichtssagenden Wahlplakate der Union ansehen – zum Beispiel das mit der Kuh. Offenbar wollte man es allen recht machen. Hier bin ich mit Franz Josef Strauß einer Meinung, der gesagt hat: „Everybody’s Darling is everybody’s Depp.“
Weiskopf: Ich bin sicher: Wenn man auf der Straße Bürger nach drei Themen gefragt hätte, für die die Union steht, hätte das keiner beantworten können.
Flexeder: Nicht mal ich hätte das beantworten können. Das ist das Problem: Wenn die eigenen Leute am Wahlkampfstand nicht wissen, für was sie werben sollen, wird es schwierig.
Weiskopf: Publik wurde ein Handbuch der Union, wo zehn Argumente genannt wurden, warum man andere Parteien nicht wählen sollte.
Flexeder: Der Titel war „10 Argumente, die CSU zu wählen“. Das waren aber Argumente gegen andere Parteien. Das zieht nicht. Nur weil andere Parteien etwas nicht so machen, wie es sich ein Wähler vorstellt, bedeutet das nicht, dass er im Rückschluss die Union wählt. Solche Handbücher gab es für Wahlkämpfer früher auch schon. Nur gab es da den Vergleich: Was wollen die, was wollen wir. Aber dieses Mal wussten wir gar nicht, was wir wollen.

Hat die Union die brennenden Themen gar nicht erkannt?

Flexeder: Sieht so aus. Nehmen wir das Thema Cannabis-Legalisierung. Ich bin kein Befürworter, aber man muss anerkennen, dass es ein Thema ist, und eine Haltung dazu entwickeln.

Dann braucht die Union gerade jetzt, wo die Partei sich erneuern und wieder klare Konturen gewinnen muss, die Junge Union.

Flexeder: Richtig. Die Junge Union muss dazu beitragen, in der Partei Argumentationslinien zu Fragen zu entwickeln, die junge Leute bewegen. Wenn sich junge Leute für wirtschaftliche Themen interessieren, warum schaffen wir es als marktfreundliche Partei nicht, die für uns zu gewinnen? Warum hat es dafür die FDP gebraucht?

Womit wir bei der Frage wären, was sich die Union von der FDP abschauen kann?

Flexeder: Ein vernünftiges inhaltliches Programm aufzubauen und das kurz und knapp zu vermitteln. Ich hoffe, dass wir, die CSU, uns in der Oppositionszeit wieder daran erinnern, wo wir herkommen, und was der klassische bürgerliche Wähler von uns erwartet: einen Staat, der nicht nur auf Sicht fährt, sondern nach vorne schaut, und der einem ermöglicht, Familie zu gründen, Wohneigentum zu schaffen oder ein abgesichertes Leben zu führen und einer Arbeit nachzugehen, die vernünftig bezahlt wird.

Wo eifern Sie, Herr Weiskopf, der CSU nach?

Weiskopf: Was der Union gut gelingt und woran wir anknüpfen müssen, ist die kommunale Verankerung. Wenn Benedikt Flexeder einen JU-Ortsverband mit 53 Mitgliedern führt, ist das anerkennenswert. Diese Verankerung ist die Basis, um als FDP langfristig zum Beispiel mal den Landrat stellen zu können. Und die Union hatte immer eine Vision, wo sich das Land hinentwickeln soll. So eine Vision braucht man auch, wenn man regieren möchte.
Flexeder: Die hat uns diesmal gefehlt.

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