1. Startseite
  2. Lokales
  3. Freising
  4. Freising

Zu wenig Personal: Jobcenter Freising massiv überfordert – Menschen geraten in Existenznot

Erstellt:

Von: Magdalena Höcherl

Kommentare

Das Jobcenter Freising bietet montags bis freitags von 8 bis 10 Uhr Präsenztermine an. „Wir nehmen jedes Anliegen auf“, sagt Leiter Bernhard Reiml.
Das Jobcenter Freising bietet montags bis freitags von 8 bis 10 Uhr Präsenztermine an. „Wir nehmen jedes Anliegen auf“, sagt Leiter Bernhard Reiml. © Lehmann

Immer mehr Menschen haben massive Probleme, weil das Geld vom Jobcenter Freising ausbleibt. Das Amt ist aber machtlos - und wird es wohl bleiben.

Freising – „Es geht um Existenzen.“ Markus Mehner, Leiter des Fachbereichs Soziale Beratung der Caritas Freising, macht den Ernst der Lage klar. Bei der Wohlfahrtsorganisation der katholischen Kirche werden aktuell viele Menschen vorstellig, die Leistungen vom Jobcenter Freising bekommen. Eigentlich. Denn diese Leistungen bleiben zum Teil seit Wochen oder gar Monaten aus.

Jobcenter-Geld bleibt aus - Caritas muss einspringen

Doch wie – gerade in Zeiten der Inflation – Miete, Strom oder Lebensmittel bezahlen, wenn die Grundsicherungsleistung fehlt? „In ihrer Verzweiflung kommen die Leute zu unserer Beratungsstelle. Wir versuchen, ihnen mit Überbrückungsleistungen auszuhelfen und sie zu unterstützen, dass sie ihre tatsächlichen Leistungen bekommen“, erklärt Alexandra Myhsok, Kreisgeschäftsführerin der Caritas.

In der jüngsten Vergangenheit habe sich die Situation zugespitzt, sagt Mehner. „Das Thema mit dem Jobcenter zieht sich durch unsere ganzen Beratungsdienste.“ Auch Schuldner- sowie Flüchtlings- und Integrationsberatung seien betroffen. Die Klienten, die bei der Caritas Hilfe suchen, seien wahnsinnig unter Druck. „Das ist ja nicht wie bei der Kfz-Zulassungsstelle. Da hängen existenzielle Leistungen dran.“

„Arbeiten weit über der Belastungsgrenze“

Dass dringend benötigte finanzielle Mittel ausstehen, ist das eine Problem. Das andere: „Das Jobcenter ist sehr schwer zu erreichen“, weiß Mehner. In den vergangenen zwei Jahren habe die gesamte Kommunikation wegen Corona ohnehin nur noch via Telefon oder Mail stattgefunden. Inzwischen ist die persönliche Vorsprache zwar wieder möglich. „Aber was ich gehört habe, sind diese Termine total überlaufen“, berichtet Mehner. „Telefonisch kommt man schlecht durch und Mails werden nicht oder lange nicht bearbeitet.“ Sein Appell: „Es muss sich dringend was ändern!“

Mit diesen Worten rennt Mehner im Jobcenter offene Türen ein. „Die Bearbeitungszeiten, die wir derzeit haben, genügen unseren eigenen Ansprüchen nicht“, betont Leiter Bernhard Reiml. Die Lage sei mehr als heikel. „Wir arbeiten momentan weit über der Belastungsgrenze. Die schiere Menge an Anträgen bringt uns an unsere Grenzen.“

Rechtskreiswechsel: 670 neue Klienten auf einen Schlag

Die Pandemie und der Krieg gegen die Ukraine hätten die Situation drastisch verschlimmert. „Im Landkreis haben wir durch Corona einen extrem hohen Zulauf von Menschen, die Unterstützung brauchen.“ Betrachte man ganz Deutschland, sei der Wert in Freising „außergewöhnlich hoch“. Allgemein sei der Münchner Norden stark betroffen, auch in Dachau, Erding und Ebersberg verzeichne man eine erhöhte Nachfrage. Welche Faktoren dafür genau verantwortlich sind, kann Reiml nicht sagen. „Da spielt vermutlich viel rein.“

(Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem regelmäßigen Freising-Newsletter.)

Hinzu kommt seit gut acht Wochen eine zusätzliche Belastung für das Jobcenter: Zum 1. Juni trat für Geflüchtete aus der Ukraine der sogenannte Rechtskreiswechsel in Kraft. Das heißt, dass die Geflüchteten Geld nicht mehr nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bekommen, sondern unter Hartz IV fallen, und daher das Jobcenter für sie zuständig ist – eine enorme Herausforderung. „Vorher haben wir 1600 Bedarfsgemeinschaften, sprich Familien, die Leistungen bekommen, betreut. Zum 1. Juni sind auf einen Schlag 670 weitere dazugekommen.“

Stellen sind da, aber es gibt keine Bewerber

Daraufhin sei auch das Personal aufgestockt worden – aber nur in der Theorie. „Wir haben weitere Stellen bekommen und auch finanzielle Mittel“, sagt Reiml. Das Problem: „Wir finden niemanden, der diese Stellen besetzen möchte.“ Von 55 Stellen seien derzeit acht vakant.

Dass die dringend benötigten Bewerbungen ausbleiben, liegt laut Reiml, der das Jobcenter seit 2011 leitet, mutmaßlich daran, dass eine Sozialbehörde momentan kein sehr attraktiver Arbeitsplatz sei. Die Rechtsmaterie sei komplex, der Klientenandrang groß, finanziell „macht man im Öffentlichen Dienst auch nicht die ganz großen Sprünge“, sagt Reiml. Auch die psychische Belastung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sei nicht einfach: „Wer zu uns kommt, kann sich anders nicht mehr helfen. Diese Einzelschicksale können sehr betroffen machen.“ Angesichts all dieser Faktoren würden sich viele für andere Jobs entscheiden. „Der Markt macht das aktuell möglich.“

Corona ist noch immer ein Problem

So bemühe man sich im Jobcenter nach Kräften, der Anträge Herr zu werden. „Die Kollegen machen, was möglich ist. Sie bauen Überstunden auf, stellen Urlaub zurück“, zählt Reiml auf. Er habe Personal aus anderen Bereichen zusammengezogen und die Jobcenter in Dachau und Erding um Hilfe gebeten. Zudem habe man versucht, Prozesse zu optimieren. Für Menschen aus der Ukraine habe man etwa Gruppeninformationsveranstaltungen angeboten. Gerade durch die Unterstützung von Helferkreisen und Kommunen sei das trotz sprachlicher Hürden gut gelungen. Reiml betont einmal mehr: „Wir bemühen uns nach Kräften. Aber es läuft noch nicht so wie gewünscht.“

Die Perspektive: wenig rosig. Ein baldiges Kriegsende sei nicht absehbar, auch die Pandemie sei noch nicht passé. „Aktuell sind drei Mitarbeiter erkrankt. Das fällt natürlich auf.“ Für die Beratung, die wieder in Präsenz stattfindet, sei jedoch nicht jeder geeignet. „Nicht alle sind bei bester Gesundheit und haben demnach auch Angst vor einer Infektion“, sagt Reiml. Und selbst wenn sich bald Fachkräfte bewerben, brauche es Einarbeitungszeit. Trotzdem betont Bernhard Reiml: „Wir suchen immer nach Lösungen. Wir schicken niemanden weg, der zu uns kommt.“

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Freising finden Sie auf Merkur.de/Freising.

Auch interessant

Kommentare