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Die „Seefuchs“ hat Flüchtlingsboote entdeckt. 

Johannes Schmuker vor seinem Einsatz auf der „Seefuchs“

„Ich möchte verhindern, dass es Tote gibt“

Überfüllte Flüchtlingsboote ohne ausreichend Proviant und lebensrettende Schwimmwesten. Dieses Bild bietet sich Johannes Schmuker (63) regelmäßig, wenn er an Bord der „Seefuchs“ mitfährt. Gut, dass er und die anderen Crewmitglieder gleich wissen, was zu tun ist und Erste Hilfe leisten. Schmuker war bereits an Bord des Rettungsschiffs – und sticht am am 22. März wieder in See.

FreisingEs ist ein Morgen im September 2017. Die „Seefuchs“ treibt im Mittelmeer, etwa 70 Seemeilen von der libyschen Küste entfernt. Johannes Schmuker ist gerade aufgewacht, er macht einen kurzen Rundgang auf dem Schiff, sein Blick ist in die Ferne, auf den Horizont, gerichtet. Da sticht ihm ein kleiner, dunkler Punkt ins Auge. Er holt hastig ein Fernglas und hält den Atem an: Seine Befürchtungen bestätigen sich, dort hinten treibt ein Flüchtlingsboot. Ein Adrenalinschub durchfährt Schmuker, plötzlich ist er hellwach. Er gibt den anderen Crewmitgliedern Bescheid, und nach wenigen Minuten sind alle auf den Beinen und steuern auf das Boot zu.

Elf Menschen hocken in der Nussschale. Da wird das nächste Boot gesichtet – nur wenige Kilometer entfernt. Beiboote mit je drei Mann werden ausgesandt, verteilen Schwimmwesten und Wasser an die Menschen. Die Erleichterung ist groß, als feststeht: Alle sind unverletzt, erst seit etwa zwölf Stunden unterwegs und lediglich leicht dehydriert. Die Seenotrettungsstelle in Rom entscheidet, dass ein Schiff geschickt wird, das die Flüchtlinge sicher ans Festland bringen wird. Die Anspannung fällt von Johannes Schmuker ab, alle sind nun in Sicherheit, und es gab keine Verletzten oder gar Toten. Die Crew hat Menschenleben retten können – der Grund, warum der Freisinger an Bord ist.

Am Donnerstag sticht der frühere Chef des Freisinger Wasserwirtschaftsamts zum zweiten Mal mit der „Seefuchs“, einem der beiden Rettungskutter der Hilfsorganisation „Sea-Eye“, in See, um Menschen vor dem Tod zu bewahren. Dabei ist eines ganz wichtig: die Vorbereitung auf ein solches Erlebnis.

Die erfolgt, wie Schmuker erzählt, sowohl formal als auch mental. Zum einen hat er ein zweitägiges Vorbereitungstreffen besucht, das in Regensburg stattfand und von „Sea-Eye“ veranstaltet wird. Hier gibt es etwa Vorträge über den Ablauf an Bord oder rechtliche Tipps. Man tauscht aber auch Erfahrungen mit anderen Teilnehmern aus, die ebenfalls schon bei Rettungsmissionen dabei waren. Zum anderen bereitet er sich im Stillen, für sich selbst, auf die Reise vor. Schon seit Monaten denkt er an kaum etwas anderes. Und Schmuker informiert sich natürlich im Internet, liest Berichte von Menschen, die vor Ort waren, die wissen, wie die Lage gerade ist.

Im September 2017 war der 63-Jährige zum ersten Mal auf der „Seefuchs“. Er erzählt: „Die Crew besteht aus einem Kapitän, einem Maschinisten und einem Arzt. Insgesamt sind acht bis zwölf Leute an Board, aufgeteilt in drei Teams mit je einem Wachführer. Der muss dazu in der Lage sein, das Schiff im Notfall führen und Funksprüche empfangen zu können.“ Auf der letzten, und auch auf dieser Mission wird Johannes Schmuker als Wachführer im Einsatz sein. Als erfahrener Segler kenne er sich mit Schiffen und Navigation gut aus.

Es gibt zwei grundsätzliche „Lagen“, mit denen zu rechnen ist. Die erste: Die Seenotrettung in Rom gibt die Position, an der ein Flüchtlingsboot vermutet wird, an die Seenotretter weiter. Dann arbeitet die „Seefuchs“ mit Marineschiffen zusammen und sucht parallel zu diesen den Bereich ab, bis das Flüchtlingsboot gefunden wird. Es werden Schwimmwesten und Trinkwasser verteilt, und die Menschen werden auf dem Marineboot in Sicherheit gebracht. Auf der „Seefuchs“ können keine Flüchtlinge transportiert werden, dafür ist sie zu klein.

Zweite Möglichkeit: Die Retter entdecken selbst ein Boot. Dann melden sie das an die Seenotrettungsstelle, die dann entscheidet, ob ein anderes Boot geschickt wird, oder ob die Menschen zu einem anderen Schiff gebracht werden sollen. Unabhängig davon verteilen die Helfer Schwimmwesten und Trinkwasser an die Menschen. Wenn Schwangere, Verletzte oder Kinder unter den Flüchtenden sind, machen die Crewmitglieder eine Ausnahme und versorgen diese an Bord.

Bei der Rückkehr nach Malta erfüllte Johannes Schmuker im letzten Jahr ein „unglaubliches Gefühl“. Es sei „toll zu wissen, so vielen Menschen geholfen zu haben und wieder heil zurückgekehrt zu sein.“ Auch für seine Familie seien das nervenaufreibende Tage gewesen: Seine Frau, die Tochter und die zwei Söhne waren während der letzten Reise natürlich besorgt, dass Johannes Schmuker wieder heil zurückkehrt. „Trotzdem steht meine Familie voll hinter mir. Alle wissen, wie wichtig es mir ist, den Menschen dort zu helfen.“

Für die zweiwöchige Rettungsaktion dieses Jahr hat sich der 63-Jährige, Chef des Landshuter Wasserwirtschaftsamts, Urlaub genommen. Von 1999 bis 2005 stand er der Freisinger Behörde vor. „Man kann sagen, dass ich auch in meinem Job Menschen vor dem Wasser rette“, lacht Johannes Schmuker.

Geld bekommt er für seinen Einsatz nicht. „Sea-Eye“ ist ein Verein, der sich ausschließlich aus Spenden finanziert und auch keine staatlichen Förderungen erhält. Die Seenotretter finanzieren ihre Flüge selbst, ebenso die Seminare, die sie vorab besuchen. Einen wirtschaftlichen Nutzen zieht keiner daraus.Warum also nimmt man diese Strapazen auf sich? Zwei Wochen auf einem alten Fischkutter, körperlich sowie psychisch extrem unter Druck? Ohne zu wissen, was der nächste Tag bringt? Schmukers Antwort ist kurz und bündig: „Ich möchte verhindern, dass es Tote gibt.“

Gut zu wissen

Wer die Organisation unterstützen möchte, findet dazu alle Informationen auf der Website sea-eye.org.

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