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Für Kinder stellt die Pandemie ohnehin eine schwere Zeit dar. Besonders aber leiden Mädchen und Buben, in deren Familien besonders viel Druck im Kessel ist.

Appell zur Wachsamkeit

Jugendamt Freising: Corona-Lage macht Kinder zu potenziellen Opfern häuslicher Gewalt

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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Trotz anstehender Lockerungen des Lockdowns sieht das Jugendamt weiter viele Familien unter Druck. Es sensibilisiert für Kinder, die in der Pandemie Gewalt und Verwahrlosung erleben.

Landkreis – Geschlossene Kitas, Schulen im Notbetrieb, Kontaktverbote, gestresste Familien: Von den drastischen Einschränkungen im Zuge der Coronavirus-Pandemie waren Kinder und Jugendliche im Landkreis Freising in den vergangenen Wochen besonders betroffen. Zwar treten mit dem heutigen Tag Lockerungen in Kraft. Dennoch appelliert das Jugendamt an Eltern, Angehörige und Nachbarn, beim Thema Kindeswohl nach wie vor genau hinzuschauen.

„Zwar schweißt die Corona-Lage viele Familien zusammen. Eltern und Kinder verbringen mehr Zeit miteinander. Aber es kann auch passieren, dass Konflikte jetzt schneller eskalieren und Kinder Gewalt oder Verwahrlosung erleben“, sagt Arabella Gittler-Reichel, Leiterin des Amts für Jugend und Familie Freising. Ein besonderes Risiko gebe es in Familien, in denen psychische Erkrankungen oder Suchtprobleme eine Rolle spielen.

Jugendamt: Wachsam sein, wenn Kinder um Hilfe rufen

„Klar ist: Das Jugendamt ist weiterhin erreichbar. Wir gehen jedem Hinweis nach“, betont Gittler-Reichel. Unter der Familien-Hotline (0 81 61) 60 02 53 können sich Eltern melden, die von der aktuellen Situation überfordert sind und Hilfe brauchen. Auch wer den Verdacht hat, dass Kinder leiden oder Angst vor ihren Eltern haben, kann dort anrufen. Es sei jedoch unbedingt zum „Double-Check“ zu raten: Kreischende Geschwister, Getrampel auf dem Boden oder laute Musik in der Nachbarwohnung seien noch lange kein Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung, macht Gittler-Reichel deutlich. „Aber wenn die Kinder selbst um Hilfe rufen oder die Eltern sagen: ‚Ich pack es nicht mehr’, dann sollte man das Jugendamt einschalten – oder im äußersten Fall die Polizei.“

Arabella Gittler-Reichel, Leiterin des Jugendamts: Konflikte können durch die Corona-Lage schneller eskalieren.

Die Corona-Pandemie stellt dabei auch das Jugendamt selbst vor neue Herausforderungen. So seien Sozialarbeiterinnen und Familienhelfer meist in getrennten Teams unterwegs, um die Infektionsgefahr zu minimieren. Auch Atemschutzmasken seien wichtig, betont die Jugendamtsleiterin. „Entscheidend ist, dass der Kontakt zu Familien, die bereits vom Jugendamt betreut werden, nicht abreißt. Wo das Kindeswohl einmal in Gefahr war, gehen wir auch jetzt regelmäßig in die Familien, um sicherzustellen, dass es den Kindern gut geht.“

Diejenigen, die oft Alarm schlagen, haben derzeit keinen Kontakt zu Kindern

Um bei den Hausbesuchen die Infektionsgefahr möglichst gering zu halten, geht das Jugendamt auch neue Wege. So kämen verstärkt Telefonate zum Einsatz, Gespräche würden teils an der Fensterscheibe geführt, berichtet Gittler-Reichel. „Aber am Face-to-Face-Kontakt zum Kind führt kein Weg vorbei. Das Wohl der Kinder hat für das Jugendamt auch unter widrigen Umständen allerhöchste Priorität.“

Bislang ist allerdings noch unklar, ob die Corona-Krise zu deutlich mehr Notrufen beim Jugendamt Freising führt. „Es sind oft die Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen und Kitas, die sich mit Verdachtsfällen bei uns melden. Aber die sehen die Kinder und Jugendlichen aktuell ja meist nicht. Stattdessen könnte es aber zu mehr Meldungen von Nachbarn, Verwandten oder Bekannten kommen“, sagt Gittler-Reichel.

Im vergangenen Jahr bekam das Jugendamt Freising 102 Hinweise auf mögliche Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen – 25 Prozent davon von Außenstellen. Das Jugendamt kümmert sich um jeden einzelnen Fall. 48 Fälle stuften die Mitarbeiter 2019 als so schwerwiegend ein, dass sie die Kinder und Jugendlichen aus Familien herausholen mussten, um sie zu schützen.

Trotz Lockerungen - „Es bleibt noch viel Druck auf Familien“

In der aktuellen Krise werde besonders deutlich, wie wichtig die Arbeit der Jugendämter sei, sagt Gittler-Reichel. „Der Kinderschutz leistet eine unverzichtbare Aufgabe in der Gesellschaft – so wie Krankenhäuser, Polizei und Feuerwehr.“ Gittler-Reichels Botschaft: „Auf das Jugendamt ist Verlass.“

Die Leiterin des Jugendamtes begrüßt es zwar, dass mit dem heutigen Tag Lockerungen in Kraft treten, die Familien zugutekommen. „Vor allem, dass die Spielplätze öffnen, kann auf jeden Fall zu einer gewissen Entspannung führen“, sagt sie. Aber Kitas und Schulen würden eben erst schrittweise öffnen. „Daher bleibt noch viel Druck auf Familien, und daher müssen wir weiterhin genau hinhören.“

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