Marianne Lang, Inhaberin des Kasdandlers in Freising
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Mit den richtigen Worten die Spannung rausnehmen: Marianne Lang, Inhaberin des Kasdandlers hat ihre Kunden im Sommer mit Humor auf die Einhaltung der Corona-Vorschriften eingeschworen.

Das „komplizierteste“ Geschäftsjahr in der Pandemie

„Es war das heftigste und emotionalste Jahr“: Freisings Kasdandlerin Marianne Lang über das Corona-Jahr

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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Marianna Lang ist seit 24 Jahren Inhaberin des Kasdandlers in Freising. 2020 war für sie das schwierigste Jahr. Im FT-Interview blickt die 62-Jährige zurück.

Freising – Seit 24 Jahren beglückt Marianne Lang (62) als Kasdandler Freisinger Kunden. 2020 war für sie das schwierigste. Im FT-Interview verrät sie, wie sie im Lockdown vom Buhmann zur Heldin wurde, wie aus Ärger Solidarität entstand, und warum sie gegenüber anderen Einzelhändlern in der Innenstadt fast ein schlechtes Gewissen hat.

Frau Lang, reisen wir ein Jahr in der Zeit zurück: Haben Sie sich zu Silvester 2019 Ziele gesetzt oder Vorsätze gefasst?

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich in der Silvesternacht das vergangene Jahr Revue passieren habe lassen: 2019 war wirklich ein grandioses Jahr, habe ich mir gedacht. Mehr geht fast nicht mehr. So kann es eigentlich gar nicht weitergehen.

So ging es tatsächlich nicht weiter. Dafür hat Corona gesorgt. Wann haben Sie zum ersten Mal von dem Virus gehört?

Im Januar in den Nachrichten aus China. Ende Januar gab es ja dann schon die ersten Corona-Fälle in Deutschland.

Das heißt, Ihnen wurde sehr schnell klar, dass dieses große Problem auch Freising betreffen würde.

Nein. Ich glaube, das habe ich einfach verdrängt. Doch dann gab es Ende Februar den ersten Fall im Landkreis Freising, und dann ging alles ratzfatz.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als feststand, dass Sie ihr Geschäft schließen müssen?

Ich hatte wahnsinnig Angst. Meine einzige Hoffnung war, dass es mich als Lebensmittler, der verderbliche Ware verkauft, nicht trifft. Aber meine erste Sorge war: Was mache ich dann mit meinem Personal?

Als Lebensmittelhändlerin blieben Sie dann tatsächlich vom Lockdown verschont.

So war es. Ich war sehr froh, dass ich meine Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit schicken musste. Zwei Aushilfen haben von sich aus gesagt, dass sie nicht mehr weiterarbeiten wollen – aus Angst vor einer Corona-Ansteckung. Insofern konnte ich alle anderen normal weiterbeschäftigen, obwohl ich ja nur noch zwei Kunden gleichzeitig ins Geschäft lassen durfte.

Es war Sommer, es war heiß, und wir hatten zehn Stunden die Maske auf. Abends waren wir alle todmüde.

Marianne Lang

Sie haben dann mit anderen Geschäften zusammen einen Lieferservice entwickelt. War das Ihre Idee?

Ja, das war meine Idee. Die Eingebung hatte ich am Sonntag beim Walken. Tagsüber stand ich im Laden, abends habe ich ausgeliefert.

Hat sich der Lieferservice für Sie ausgezahlt?

Es hat sich nicht ausgezahlt, aber das war gar nicht das Ziel. Aber die Leute haben sich so gefreut, wenn ich ihnen den Käse über den Gartenzaun gereicht und kurz mit ihnen geratscht habe. Es hat ihnen gutgetan – und mir auch. Das war mein persönliches Geschenk an die Kunden. So habe ich das gesehen.

In Prozenten gesprochen – wie hoch waren Ihre Umsatzeinbußen im ersten Lockdown?

Ich habe keine Einbußen gespürt. Da bin ich einfach dankbar, dass ich eine Lebensmittlerin bin. Tatsächlich habe ich noch nie so viel gearbeitet wie im Lockdown. Allein die ganze Organisation des Hygienekonzepts mit Desinfektionsspendern, Masken und und und. Dann immer wieder die Frage, wie ich es noch besser machen kann. Das war immens viel Kopfleistung.

Bei der Wiedereröffnung der Geschäfte galt dann Maskenpflicht. Wie schwer war es, sich daran zu gewöhnen, den ganzen Tag mit Maske zu arbeiten, und welche Schwierigkeiten hat das mit sich gebracht?

Zunächst hatte ich schon im Lockdown eine Plexiglasscheibe im Geschäft angebracht – als eine der Ersten. Das hat bestimmt dazu beigetragen, dass sich keine einzige Mitarbeiterin bei mir mit Corona angesteckt hat, als es noch keine Maskenpflicht gab. Die Maske war dann allerdings heftig. Da haben wir alle im Laden sehr gelitten. Es war Sommer, es war heiß. Wir hatten zehn Stunden die Maske auf, das war körperlich ganz schwierig. Abends waren wir alle todmüde. Das hat sich erst geändert, als es aus der Politik hieß, dass Verkäufer hinter der Theke die Maske abnehmen dürfen. Dafür habe ich noch eine zweite Scheibe angebracht.

Inzwischen tragen Sie im Geschäft aber trotz Plexiglas wieder Masken.

Dazu haben wir uns entschieden, als die Maskenpflicht in der Innenstadt ausgerufen wurden. Wir haben gesagt: Wenn jeder hier auf der Straße den Mundschutz tragen muss, dann tun wir das auch – aus Solidarität und natürlich auch als zusätzlichen Infektionsschutz. Und wissen Sie, was das Komische ist? Jetzt macht es uns viel weniger aus.

Wie kommt das?

Das hat mit dem Winter zu tun. Jetzt, wo wir den ganzen Tag lüften müssen und daher fast immer offene Türen haben, ist einem die Maske viel willkommener.

„Da bin ich einfach dankbar, dass ich eine Lebensmittlerin bin.“ Im Gegensatz zu anderen Einzelhändlern konnte Marianne Lang ihren „Kasdandler“ auch im Lockdown öffnen. An die Maske hat sie sich inzwischen gewöhnt.

Haben die Kunden bei den Maßnahmen auch gut mitgezogen?

Das war von Phase zu Phase unterschiedlich. Am Wochenende vor dem ersten Lockdown waren viele verunsichert. Da hatten wir im Laden coronabedingt schon umgestellt und zum Beispiel keine Selbstbedienung mehr erlaubt oder keine Gefäße mehr angenommen. Das haben einige nicht verstanden. Als wir im Lockdown den Laden weiter geöffnet hatten, waren wir dann plötzlich die Helden. Da ist zwischenmenschlich unglaublich viel passiert. Viele Leute haben uns ihre Hilfe angeboten. Der Tenor: „Kann ich was ausliefern für Sie? Ich mache das gerne für Sie.“ Da habe ich mir gedacht: „Wahnsinn, was da dann entstanden ist. Schaut‘s her, was Corona ausmacht.“ Das war unglaublich schön.

Und wie haben sich die Kunden an die Maskenpflicht gehalten?

Natürlich gibt es immer ein paar, die sich nicht daran halten wollen. Insgesamt lief es aber gut. Vielleicht habe ich auch mit meiner Aufschrift auf der Tafel vor dem Laden etwas Spannung rausgenommen. Da stand: „Sie sind mit Abstand die besten Kunden.“ Und: „Auch mit Maske schenken wir Ihnen ein Lächeln.“

Und jetzt, im zweiten Lockdown?

Da macht mich vor allem die lange Warteschlange vor dem Geschäft unglaublich nervös. Das gibt mir das Gefühl, dass man nichts schafft. Ich bin dann teilweise rausgegangen und habe auf der Straße weiterbedient. Inzwischen haben wir draußen eine Funkglocke installiert. Wer bestellt, dem bringen wir den Einkauf raus. So entzerrt sich einiges. Allerdings ist die Stimmung in der Innenstadt inzwischen gespenstisch. So leer war es hier wirklich noch nie. Im ersten Lockdown gab es zumindest noch die Bauarbeiter. Aber auch die Baustellen ruhen.

Und so, wie es aussieht, wird der Lockdown noch verlängert.

Das hat man zwar irgendwie erwartet, aber es bereitet mir trotzdem Bauchweh. Aber je länger und konsequenter wir das jetzt machen, desto besser kann es werden. Wir müssen durchhalten, damit das Leben im Frühjahr wieder erwachen darf.

War es das schwierigste Jahr in Ihrem Leben als Geschäftsfrau?

In den 24 Jahren, in denen ich jetzt mein Geschäft habe, war es mit Abstand das komplizierteste und anstrengendste, weil man sich täglich auf was Neues einstellen musste. Mehrwertsteuer, Mindestabstand, Maske, Hygienespender, jetzt Luftreinigungsgerät. Ich habe mich schon manchmal gefragt, was noch alles kommt.

Gibt es für Sie irgendetwas Positives, dass die Pandemie mit sich gebracht hat?

Die Natur hat sich wahnsinnig beruhigt. Die Menschen kamen mir beim ersten Lockdown vernünftiger vor, geerdeter. Davon würde ich mir jetzt auch wieder etwas mehr wünschen. Vor allem leide ich mit denen mit, die durch die Pandemie besonders betroffen sind.

An wen denken Sie?

Natürlich an die Einzelhändler, die anders als ich ihr Geschäft schließen mussten, aber auch an die Gastronomen, Künstler und Musiker. Da bekomme ich fast ein schlechtes Gewissen, wenn ich sehe, wer jetzt alles Nullrunden fahren muss. Vor den Pflegekräften, die an ihre Belastungsgrenze gehen, ziehe ich den Hut.

Wie würden Sie das Corona-Jahr beschreiben?

Es war das heftigste Jahr und emotionalste Jahr für mich – auch wenn ich das alles geschafft habe.

Und was sind Ihre Ziele oder Vorsätze für 2021?

Ich habe vor allem einen Wunsch. Ich wünsche mir sehr, dass wieder Normalität einkehrt – besonders für meine leidtragenden Kollegen in der Stadt.

Für Wolfgang Billmayer, Inhaber des gleichnamigen Modehauses in Freising, war 2020 ein schwarzes Jahr. Eine von Corona angeschobene Entwicklung bereitet ihm große Sorgen.

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