Neue Corona-Regelung

„Würde zu Aufruhr führen“: Klinikarzt begrüßt Corona-Krankenhausampel - warnt aber vor Gefahren

  • Manuel Eser
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Die neu eingeführte Corona-Krankenhausampel hält Dr. Christian Fiedler vom Klinikum Freising für eine gute Idee. Er warnt aber vor möglichen Gefahren.

Freising – Eine neue Zeitrechnung in der Pandemie hat begonnen: Ab Donnerstag entscheidet nicht mehr hauptsächlich die Inzidenz über verschärfte Corona-Auflagen, sondern die Anzahl an Covid-Patienten in Krankenhäusern. Dr. Christian Fiedler, Hygienebeauftragter Arzt und Pandemie-Beauftragter des Klinikums Freising, hält das für eine gute Idee. Allerdings habe auch diese Regelung ihre Haken.

Herr Dr. Fiedler, künftig ist nicht mehr die 7-Tage-Infektionsinzidenz dominierendes Kriterium bei der Pandemie-Bekämpfung, sondern die sogenannte Krankenhausampel.

Das halte ich für richtig so. Ich teile aber nicht die Meinung mancher Leute, dass die Inzidenz als Bewertungsmaßstab immer schon Mist war. Ziel war es ja immer, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. In den ersten drei Wellen war sie das richtige Kriterium, weil mehr Infektionsfälle auch immer zu mehr Fällen mit schwereren Krankenhausverläufen geführt haben.

Klinikarzt vermisst konkrete Regelungen, wenn Corona-Ampel rot zeigt

Das ist jetzt nicht mehr so?

Nein. Die Hochbetagten, die besonders gefährdet waren, sind größtenteils geimpft, und die Jüngeren haben meist nicht so schwere Krankenverläufe. Eines fehlt mir aber an der Regelung.

Dr. Christian Fiedler: „Die vierte Welle ist eine Welle der Ungeimpften.“

Was denn?

Welche Auswirkungen es hat, wenn die Stufe Rot erreicht werden sollte. Da gibt es bisher keine konkreten Regelungen. Das müsste die Regierung schon klar festlegen.

Festgelegt wurde bisher, dass die Stufe Gelb erreicht ist, sobald bayernweit binnen sieben Tagen mehr als 1200 Covid-Patienten in Krankenhäusern aufgenommen werden. Auf Rot wechselt die Ampel, wenn mehr als 600 Covid-Patienten auf bayerischen Intensivstationen liegen. Sind die Hürden richtig gesetzt?

Die erste Zahl kann ich mir nicht erklären, die zweite kann ich nachvollziehen. Da wurde vermutlich die Gesamtzahl der Intensivbetten herangezogen und Pi mal Daumen festgelegt, wann eine Überlastung droht. Das Problem ist aber: Unsere Intensivbetten können auch ohne einen einzigen Corona-Patienten voll belegt sein.

Klinikarzt warnt: Volle Intensivstation auch bei grüner Corona-Ampel möglich

Das heißt, die Corona-Ampel bildet nicht die ganze Wirklichkeit in Krankenhäusern ab?

Richtig. Die Corona-Krankenhausampel kann auf Grün gestellt sein, und trotzdem ist es möglich, dass wir eine voll belegte Intensivstation melden müssen.

Bei der Ampel geht es künftig – anders als bei der Inzidenz – nicht um die Hospitalisierungsrate im Landkreis, sondern um die bayernweite. Richtig so?

Auf jeden Fall. Denn erstens ist die Bettenausstattung in den Krankenhäusern landesweit ganz unterschiedlich. Die Kliniken Freising, Erding und Ebersberg haben im Verhältnis zur Einwohnerzahl zum Beispiel mit die schlechteste Ausstattung an Intensivbetten im Freistaat. Und zweitens würde eine Landkreis-Regelung Tür und Tor für Schweinereien öffnen.

Was meinen Sie?

Dann würden Krankenhäuser vermutlich ungern Corona-Patienten aufnehmen, schon gar nicht Covid-Kranke aus anderen Landkreisen, weil die entsprechenden Auswirkungen ja nur die Bevölkerung im eigenen Landkreis zu spüren bekommen würden. Das würde zu einem Aufruhr führen.

Corona in Bayern: In Klinikum wird auch 20-Jähriger beatmet - andere sind nicht viel älter

Ministerpräsident Markus Söder hat auf seiner Pressekonferenz auch gesagt, dass Impfen für den Einzelnen der beste Schutz gegen Covid bleibt.

Das kann ich aus unserem Klinikalltag klipp und klar bestätigen. Die vierte Welle, die jetzt rollt, ist hauptsächlich eine Welle der Ungeimpften und damit auch der Jüngeren. Momentan haben wir acht Covid-Patienten. Alle sind ungeimpft. Und die vier von ihnen, die wir derzeit beatmen müssen, sind 20, 25, 38 und 48 Jahre alt.

Ein weiterer Schutz waren die FFP2-Masken, die jetzt bei grünem Licht nicht mehr getragen werden müssen. Ein Fehler?

Nein. In der Theorie stimmt es zwar, dass FFP2-Masken den Träger besser schützen als medizinische Masken, aber nur wenn sie regelmäßig gewechselt und vor allem richtig getragen werden. Aber die Leute setzen sie nicht richtig auf. Keiner, der eine FFP2-Maske korrekt auf hat, kann sie länger als eine Stunde tragen, weil sie tatsächlich zu Atemschwierigkeiten führt. Deshalb ist mir der Gebrauch einer medizinischen Maske, die richtig getragen wird, lieber. Zumal ich davon ausgehe, dass das Tragen von Masken in geschlossenen öffentlichen Räumen künftig zur Normalität gehören wird.

Die Belegung der Intensivbetten ist künftig entscheidend für Corona-Auflagen. Derzeit werden vier Patienten im Freisinger Klinikum beatmet.

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